30.12.12

Kaufhof-Chef

"Wenn Sie nicht im Netz sind, haben Sie ein echtes Problem"

Lovro Mandac, Chef der Warenhauskette Kaufhof, will seinen Online-Store zur umsatzstärksten Filiale des Unternehmens machen.

Foto: PA/ZB

500.000 Produkte: Die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz gehört zu den größten Kaufhäusern des Konzerns
500.000 Produkte: Die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz gehört zu den größten Kaufhäusern des Konzerns

Die letzten Tage des Jahres waren die anstrengendsten für die meisten deutschen Einzelhändler – aber auch die umsatzstärksten. Lovro Mandac, Chef der Warenhauskette Kaufhof, blickt im Gespräch mit Hagen Seidel zurück.

Berliner Morgenpost: 2012 ist fast vorbei. Sind Sie zufrieden mit dem Konsumverhalten der Deutschen in der Euro-Krise?

Lovro Mandac: Ja,2012 war für den Kaufhof ein gutes Jahr. Wir haben von der Krise weniger gespürt als andere – weder von der Euro-Krise noch von der angeblichen Warenhauskrise. Wir haben stattdessen konstant Marktanteile hinzugewonnen.

Und wie lief das Weihnachtsgeschäft?

Wir sind zufrieden, obwohl wir zwei Verkaufstage weniger hatten als in den Vorjahren – und es ist später angelaufen als sonst. Das Warenhaus hat seine Trümpfe ausspielen können.

Was erwarten Sie vom Konsumjahr 2013 in Deutschland?

Ich bin weiterhin nicht pessimistisch, sehe keine ernste Konsumkrise auf uns zukommen. Entscheidend wird aber, ob die Politiker die Euro-Krise eindämmen und damit für Sicherheit bei den Verbrauchern sorgen können. Sollten nach der Bundestagswahl im Herbst deutliche Steuererhöhungen auf uns zukommen, würde das vermutlich auf das Ausgabeverhalten der Deutschen drücken.

Sicher dürfte sein, dass der Online-Umsatz weiter steigen wird. Wo liegt der Kaufhof?

Die Basis ist noch immer überschaubar, aber das Wachstum ist enorm. Wir werden 2012 den Online-Umsatz von zehn auf 25 Millionen Euro steigern. Für das neue Jahr rechnen wir mit einer weiteren deutlichen Steigerung. Den Online-Store haben wir übrigens "Filiale 001" genannt. 001 soll unsere umsatzstärkste Filiale werden.

Wie viele Produkte bieten Sie online?

Wir sind jetzt bei rund 50.000 und werden diese Zahl kontinuierlich erhöhen. Das ist und bleibt allerdings nur ein Bruchteil dessen, was wir in unseren ganz großen Warenhäusern anbieten können. Denn in den großen Häusern kommen wir auf über 500.000 Produkte. Wir verkaufen online vor allem Basics und Eigenmarken. Also Modeprodukte, bei denen der Kunde Farbe und Größe kennt. Oder Damenwäsche. Da haben wir in Deutschland einen Marktanteil von mehr als zehn Prozent im stationären Handel.

Lohnt sich denn für ein Warenhaus das Online-Geschäft mit all seinem Aufwand?

Es ist wirklich sehr viel Aufwand, und wenn Sie es nicht richtig machen, kostet es sehr viel Geld in der Logistik und anderen Abläufen. Aber es gibt keine Alternative, also muss man stetig an den Prozessen arbeiten. Wenn Sie heute nicht im Netz sind, haben Sie ein echtes Problem. Wir lernen aber auch unglaublich viel über das Verhalten der Kunden im Netz. Das erlaubt auch Rückschlüsse auf die Bedürfnisse der Kunden im Warenhaus. Das hat schon dazu geführt, dass wir Warensortimente umgeschichtet haben.

Unterhaltungselektronik haben Sie aussortiert, dafür Mode, Accessoires, Living-Produkte verstärkt. Funktioniert das?

Ja. Wir haben den Umsatzausfall der Unterhaltungselektronik mehr als kompensiert. Und wir haben in den neu bespielten Abteilungen die Rendite spürbar gesteigert. Die Gewinnmarge ist bei Textilien und Accessoires nun mal höher als bei Unterhaltungselektronik. Es lohnt sich zudem, sehr genau zu analysieren, was der Kunde nachfragt und was nicht. Da sind wir sehr viel besser geworden.

Das heißt: Früher haben Sie nach Bauchgefühl entschieden?

Nein, das nicht. Aber wir hatten nicht die analytischen Möglichkeiten, die wir jetzt haben. Unsere Spezialisten schauen sich beispielsweise die lokale Wettbewerbssituation am jeweiligen Standort sehr genau an. Wir haben auch etwas über die Laufwege der Kunden gelernt. Es ist zum Beispiel nicht so, dass die Kunden im Warenhaus unten anfangen und sich dann nach oben vorarbeiten. Zudem kauft der Kunde das schwerste Produkt am Schluss. Wenn Sie so etwas wissen, können Sie die Laufwege entsprechend verändern.

Vor Jahren haben Sie vier Kaufhof-Häuser geschlossen, deren Mietverträge ausgelaufen waren. Könnte das wieder passieren?

Wir müssen natürlich ständig darauf schauen, wie sich Innenstädte verändern und ob es wirtschaftlich noch attraktiv ist, dort zu sein. Die großen Städte wie Köln, Düsseldorf, München oder Berlin werden immer Magnete für Warenhauskunden bleiben. Im Weihnachtsgeschäft haben wir etwa in der Filiale Hohe Straße in Köln täglich bis zu 120.000 Besucher gehabt. Und 80 Prozent von ihnen haben auch gekauft, schätze ich mal.

Stehen denn nun akut Überprüfungen von Standorten an?

Nein.

Karstadt versucht, insbesondere für jüngere Kunden attraktiver zu werden. Chef Andrew Jennings hat 50 hippe Mode- und Schuhmarken in die Regale geräumt. Und die umgebauten Häuser sehen auch nicht schlecht aus. Muss Kaufhof da nachziehen?

Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass der deutsche Markt ein ganz spezieller ist. Viele britische oder amerikanische Einzelhändler haben sich hier schon empfindlich die Finger verbrannt. Ich glaube nicht, dass das Gros der Kunden in Deutschland auf diese angloamerikanischen Marken gewartet hat. Die großen Mengen verkaufen Sie in Deutschland mit Marken, die die Deutschen kennen und denen sie vertrauen.

Billigprodukte aus Asien sind wieder in den Schlagzeilen, seit bei Bränden in Textilfabriken in Bangladesch Menschen starben. Als größter Textilhändler der Metro-Gruppe kaufen Sie auch in solchen Fabriken ein. Können Sie das noch guten Gewissens tun?

Die Produktionsbedingungen auf den Beschaffungsmärkten in Asien gehören zu unseren ganz wichtigen Themen. Da muss endlich etwas passieren. Wir müssen da noch mehr Druck für bessere Bedingungen machen, denn viele Fabrikbesitzer in Bangladesh oder Vietnam haben offenbar völlig andere Vorstellungen von Menschenführung, sozialen Standards und Mitarbeiterbehandlung als wir. Die großen Handelsunternehmen müssen an einem Strang ziehen. Ich bin ja auch als Vizepräsident im Handelsverband Deutschland tätig. In den Ursprungsländern müssen vernünftige Standards gesetzt werden. Fabrikbesitzer, die diese Standards nicht einhalten, verlieren unsere Aufträge. Das muss für jeden ganz klar sein.

Wir dachten bislang, das passiere jetzt schon.

Das passiert auch, aber noch nicht mit der hinreichenden Konsequenz. Und außerdem schlüpfen immer noch zu viele durch die Netze. Deshalb müssen wir auch noch mehr Partner ins Boot bekommen. Die europäischen Textilhändler gemeinsam können Druck machen. Wir arbeiten aber auch daran, einige der großen amerikanischen Händler auf unsere Seite zu bekommen. Die kaufen dort jedes Jahr für zweistellige Milliardensummen Textilien ein. Und wenn auch sie bessere Standards zur Bedingung für ihre Bestellungen machen, wird sich ganz sicher etwas tun.

Mal angenommen, Sie können in den Fabriken erträgliche Standards etablieren: Um wie viel teurer wird dann eine Jeans in Deutschland?

Es ist überhaupt nicht sicher, dass eine Jeans dann in einem Laden in Deutschland viel teurer wird. Vielleicht hätte das eher Folgen für die Schatulle einiger Fabrikbesitzer in den Produktionsländern.

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