30.12.2012, 08:07

Rüstungskonzerne Frauen übernehmen in Waffenschmieden die Macht


Zwei Frauen stürmen die Rüstungsindustrie: Marilyn Hewson (l.) bei Lockheed Martin und Phebe Novakovic bei General Dynamics

Foto: André Laame

Von Martin Greive und Andre Tauber

Mit dem Jahreswechsel bekommen zwei der fünf größten Rüstungskonzerne der Welt neue Chefs – und beide sind Frauen. Experten zufolge ist das ein Trend.

Als Marillyn Hewson am 9. November zur Aufsichtsratssitzung von Lockheed Martin geladen wurde, ahnte sie nicht, was auf sie zukommen würde. Christopher Kubasik, der doch neuer Chef des Unternehmens werden sollte, war wegen einer Affäre mit einer Mitarbeiterin zurückgetreten.

Nun fragte der Aufsichtsrat die 58-Jährige, ob sie die erste Frau an der Spitze des weltgrößten Rüstungskonzerns werden wolle. "Meine Reaktion war sofort: Ich bin bereit", erinnerte sich Hewson an den Moment. Nun, am 1. Januar, wird sie den neuen Job antreten.

Hewson befindet sich damit in weiblicher Gesellschaft. Denn neben Lockheed Martin bekommt auch die Nummer fünf im globalen Rüstungsgeschäft eine Chefin: Phebe Novakovic, 54, wird mit dem Jahreswechsel bei General Dynamics das Ruder übernehmen.

Damit werden drei der sechs größten Lieferanten des Pentagons künftig von Frauen geführt. Schließlich gibt es neben Hewson und Novakovic auch noch Linda Hudson, die mächtige US-Chefin des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems.

Auch unterhalb des Vorstands vollzieht sich ein Wandel

Der Aufstieg von Hewson und Novakovic wird in den USA weithin als Meilenstein gesehen. Doch die Zeiten, da allein weiße Männer die amerikanische Rüstungsindustrie dominierten, sind ohnedies schon vorbei. "Wir erkennen ein Muster, wonach Frauen in Rüstungs- und Raumfahrtunternehmen aufsteigen", sagte BAE-Spitzenfrau Hudson schon im Frühjahr dieses Jahres.

Hudson mahnte aber auch, einen dramatischen Wandel werde es erst geben, wenn eine "deutliche Anzahl" von Managerinnen auf allen Ebenen in der Verteidigungsbranche ankomme.

Daran wird allerdings längst gearbeitet. Der Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing baute im November das Verteidigungsgeschäft um, seitdem werden drei von vier Ressorts im Bereich der Kampfflugzeuge von Frauen geleitet.

Auch Northrop Grumman besetzte im Rahmen eines Umbaus in diesem Jahr die Hälfte der Job im Top-Management mit Frauen.

An attraktiven Positionen mangelt es in der Branche nicht – aber an Frauen, die sie haben wollen. Die Zahl von Frauen, die in den USA einen Ingenieurabschluss machen, sinkt.

Konzerne investieren viel Geld in Werbung von Frauen

Der Frauenanteil liegt bei weniger als einem Fünftel, so niedrig war er zuletzt in den 80er-Jahren. Die großen Verteidigungsunternehmen investieren daher viel Geld in Rekrutierungskampagnen, um junge Studentinnen für die Rüstungs-, Raum- und Luftfahrtbranche zu begeistern.

Die neuen starken Frauen an der Spitze der US-Rüstungsindustrie haben ihre Erfolge hart erarbeitet. Novakovic arbeitete zwischen 1997 und 2001 als Beraterin für den US-Verteidigungsminister.

2002 wechselte sie in die Wirtschaft, stieg zur Strategiechefin von General Dynamics auf, ein Unternehmen, das Panzer baut und Atom-U-Boote und Muttergesellschaft ist von Gulfstream, einem Hersteller von Verkehrsflugzeugen.

Ab 2010 führte sie die Schifffahrtssparte. Anfang Mai dann übernahm sie die Verantwortung für das Tagesgeschäft, um sich auf die Arbeit als Konzernchefin vorzubereiten.

Hewsons Karriereleiter bei Lockheed war noch länger. Während ihr Mann zu Hause auf die zwei Kinder aufpasste, arbeitete sie an ihrem beruflichen Aufstieg. Hewson, deren Eltern sich im Militärdienst während des Zweiten Weltkriegs kennenlernten und deren Bruder in Vietnam diente, trat ihren ersten Job bei Lockheed vor 29 Jahren an, im Bereich der militärischen Luftfahrt.

Große Herausforderungen für die zwei Neuen

Sie übernahm Schritt für Schritt mehr Verantwortung, bis ihr 2010 die Führung der Elektroniksparte übertragen wurde, die der profitabelste Geschäftsbereich des Konzerns ist und mit 45.000 Mitarbeitern unter anderem Raketen und Radargeräte herstellt.

Auf die beiden Spitzenfrauen warten nun große Herausforderungen. Angesichts der sinkenden Budgets des Pentagons und anderer Verteidigungsministerien müssen viele Rüstungskonzerne ihre Prozesse optimieren und effizienter haushalten.

Zudem braucht es angesichts des zunehmenden Verteilungskampfes um Aufträge mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit Politikern, Militärs und Beamten. Viele Unternehmen der Branche, darunter etwa auch General Dynamics, arbeiten ferner daran, ihr ziviles Standbein zu stärken, um sich unabhängiger von den Schwankungen in den staatlichen Verteidigungshaushalten zu machen.

Hewson und Novakovic können mit einem solchen Umfeld offenbar sehr gut umgehen. Novakovic unterhält als frühere Beraterin des Verteidigungsministeriums exzellente politische Kontakte. Und auch Hewson gilt Beobachtern als gute Netzwerkerin.

"Marillyn ist genau die Richtige, um die Beziehung zum Pentagon zu richten", sagt der amerikanische Rüstungsexperte Loren Thompson. "Sie verbindet Härte und Wissen mit Güte und der Fähigkeit, zuzuhören."

Hewson muss um Vertrauen für Prestigeprojekt werben

Die Augen der Fachwelt werden sich vor allem auf Hewson richten. Immerhin hat Lockheed die Federführung im weltweit größten militärischen Beschaffungsprogramm, dem Bau des Joint Strike Fighters. Der Kampfjet, der auch als F-35 firmiert, soll das Rückgrat der amerikanischen Luftverteidigung werden.

400 Milliarden Dollar ist das Programm schwer. Lockheed geriet allerdings wegen Verzögerungen und Kostensteigerungen in die Kritik. Hewson wird nun in der Politik um neues Vertrauen werben müssen.

Es wird erwartet, dass die neuen Chefinnen ihre Unternehmen nun noch weiter für Frauen öffnen. Hewson hat bereits vor Jahren eine Gruppe von Spitzenmanagerinnen gegründet, die sich monatlich zum Lunch trifft. Und vor ein paar Wochen sprach sie in Bethesda, dem Firmensitz nahe Washington, vor 350 weiblichen Führungskräften von Lockheed.

"Wir müssen uns engagieren", sagte sie da. "Wir müssen Vorbilder sein, die sich darum sorgen, dass die Pipeline wächst, stark und gesund bleibt. Wir dürfen nichts für gegeben erachten." Nur einen Tag später wurde ihr der Chefposten angedient.

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