30.12.12

Recycling

Zehn Jahre Dosenpfand brachten Hass in Flaschen

Am 1. Januar vor zehn Jahren wurde das Dosenpfand eingeführt. Es war ein grandioser Misserfolg. Und zugleich die Geburtsstunde eines noch größeren Übels: Der PET-Flasche. Eine Abrechnung.

Foto: picture-alliance / dpa

Bundesumweltminister Jürgen Trittin sitzt im Juni 2001 vor einem riesigen Dosenberg, der vor dem Bundesrat in Berlin aufgebaut ist. Die Abstimmung über das umstrittene Dosenpfand wurde damals verschoben. In Kraft trat das Dosenpfand am 1.1. 2003
Bundesumweltminister Jürgen Trittin sitzt im Juni 2001 vor einem riesigen Dosenberg, der vor dem Bundesrat in Berlin aufgebaut ist. Die Abstimmung über das umstrittene Dosenpfand wurde damals verschoben. In Kraft trat das Dosenpfand am 1.1. 2003

Ein tiefblauer Himmel, eine sattgrüne Wiese, ein stilisierter Baum. Dazu die Aussage: "Wir haben es geschafft. Dank Ihnen!" Und darunter, in roten Riesenlettern, "50 % Recyclinganteil". So jubeln derzeit Werbetafeln über den Getränkeregalen eines großen Discounters in Hamburg. Schau an, denkt der Kunde, die Billigketten werden nun auch umweltbewusst.

Doch dann blickt er sich ratlos um. Und sucht vergeblich auch nur eine einzige Mehrwegflasche. Wasser mit und ohne. Cola, Fanta, Sprite. Hefe, Pils und Malzbier. Alles, aber auch alles wird ausschließlich in Einwegplastik dargeboten. Ganz gleich ob Markenware oder Handelsmarke – ein jedes Getränk steckt in der Flasche mit den drei Buchstaben: PET.

Trittin verband mit dem Dosenpfand ehrbares Ziel

Am 1. Januar 2003 trat in Deutschland das Einwegpfand in Kraft. Sein Vater, der damalige Umweltminister Jürgen Trittin, verband damit ein ehrbares Ziel. Durch eine empfindliche Zwangsbepfandung von Einweggebinden sollten die Deutschen wieder an die Mehrwegflasche herangeführt werden.

Deren Anteil war nämlich gesunken, bei Erfrischungsgetränken etwa zwischen 1991 und 2002 von 74 auf 54 Prozent – was damals als besorgniserregend empfunden wurde. Und heute, zum zehnjährigen Bestehen der Verordnung?

Ist der Mehrweganteil bei Erfrischungsgetränken unter die 40-Prozent-Marke gefallen. Und selbst davon ist nur ein kleinerer Teil aus Glas, mehr als die Hälfte macht dagegen Mehrweg-PET aus. Deutschland hängt an der Plastikpulle.

Proteste in der Wirtschaft sind verstummt

Gemessen an seinen Zielvorgaben, ist das Projekt Einwegpfand grandios gescheitert. Das wird auch dadurch deutlich, dass die wüsten Proteste aus der Wirtschaft praktisch verstummt sind. "Handel und Industrie haben Milliarden in ein zuverlässiges Einweg-Rücknahmesystem investiert", sagt Kai Falk, Geschäftsführer beim Handelsverband HDE.

"Es funktioniert." Detlef Groß, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke, sagt zwar, das Pfand stelle "nach wie vor einen Aufwand für Industrie und Handel dar" – um dann hinzuzufügen, dass es zugleich "neben Mehrweg auch für bepfandete Einweg-Getränkeverpackungen einen geschlossenen Materialkreislauf" schaffe. Eine Umweltauflage, die keinem wirklich wehtut – wie kann das sein?

Vorteile der PET-Flasche sind schnell erklärt

Die Antwort liegt heute hundertmillionenfach in der Hand: 12 bis 35 Gramm leicht, wieder verschließbar, bruchfest. Womit die Vorteile der PET-Flasche erwähnt sind, allein der Fairness halber. Nun zur Abrechnung.

Das Dosenpfand hat nur eines erreicht: das Aus der Dose. Auch wenn ein Verband der Getränkedosenhersteller in letzter Zeit mit allen Mitteln versucht, das Gegenteil zu erreichen oder zumindest zu suggerieren: Nach Stand der Dinge ist die Dose praktisch tot.

Und mit ihr starben Kindheitsvergnügen wie Dosenwerfen, Dosenkicken und, ein paar Jahre später, das sogenannte Dosenschießen und andere Entgleisungsformen. Vorbei auch die Urlaubsfahrten mit Bierpalette im Kofferraum oder in der kühlen Bilge des Segelboots. Das alles mussten wir aufgeben, der Umwelt zuliebe.

Der Handel will sie - Warum bloß?

Und was haben wir dafür bekommen? Die PET-Flasche. Sie ist die große Gewinnerin des Dosenpfands. PET-Einweg ist zwar genauso zwangsbepfandet wie die Dose. Der Unterschied ist nur: Der Handel will sie. Weil sie billig in der Herstellung ist, leicht zu handhaben, individuell formbar. Und weil die Kunden sie kaufen.

Die nämlich haben keine Lust, schwere Glasflaschen zu schleppen. Lieber stopfen sie säckeweise Altplastik in stinkende Automaten und fühlen sich mit jeder Flasche um 25 Cent reicher, obwohl sie doch nur ihre Auslagen zurückerhalten.

So bekommt der Handel frei Haus den wertvoll gewordenen Grundstoff für neue Plastikflaschen geliefert. Und kann sich auf Plakaten mit Recyclingquoten rühmen. Was dabei zuallererst auf der Strecke bleibt, ist der Genuss.

Zischen der Dose war Bekenntnis zum Leben im Jetzt

Das Missvergnügen beginnt schon beim Öffnen der Flasche. Also da, wo bei den Referenzobjekten der Spaß anfängt. Das Zischen einer Dose! Sie wird, nein wurde nicht einfach geöffnet, sondern regelrecht aufgeknackt. Ein Bekenntnis zum Leben im Hier und Jetzt.

Eine Dose wird nicht wieder verschlossen, sie wird ausgesoffen, und zwar sofort. Oder das Öffnen eines Kronenkorkens! Ein kurzer Zisch, gefolgt von einem metallischen Klimpern, wenn der Deckel zu Boden segelt.

Eine mackerhafte Geste, gerne mit Feuerzeug oder irgendeinem anderen artfremden Hebel ausgeführt. Wie viel Lust schon ein trivialer Öffnungsvorgang bergen kann, beweist eine bekannte Brauerei aus Norddeutschland, die auf ihrem Plöpp-Verschluss ihre komplette Marketingstrategie aufbaut.

Lebenssinn der PET-Flasche: Menschen nerven

Ganz anders die PET-Flasche. Ihr Plastikdeckel löst sich nur unter Mühen. Gegen den erbitterten Widerstand eines gezackten Plastikrings, dessen ganzer Lebenssinn darin zu bestehen scheint, Menschen zu nerven.

Wer so etwas konstruiert, herstellt und vertreibt, muss seine Kunden wirklich hassen. Gibt die PET-Flasche schließlich nach, erfolgt ein flatulenzartiges Abgasen, das nicht frisch und prickelnd klingt, sondern schon vor dem ersten Schluck irgendwie muffig und abgestanden.

Was von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt liegt. Denn die PET-Flasche, das wird von der Industrie gar nicht geleugnet, hält zunächst einmal gar nicht richtig dicht. Durch den dünnen Kunststoff entweicht allmählich Kohlensäure.

Und im Gegenzug, sagen Kritiker wie Eva Leonhardt von der Initiative Mehrweg, können auch gesundheitsgefährdende Stoffe ins Getränk hineindiffundieren: "Da kann alles rein und raus."

Angeblich auch Gifte aus dem Verpackungsmaterial wie Acetaldehyd. Die Ökobilanz von PET hat sich verbessert, weil das sortenreine Plastik heutzutage kaum noch verbrannt, sondern wiederverwendet wird. Mit einer gläsernen Mehrwegflasche kann sie aber laut Bundesumweltministerium dennoch nicht mithalten.

Auch das noch: Verdirbt die Flasche den Geschmack?

Wir halten fest: PET-Flaschen sind unschön zu öffnen, nicht ganz dicht, gesundheitlich potenziell bedenklich und ökologisch so lala. Nun gut, das ist mit vielen Verpackungen so. Aber dann wäre da ja noch der Inhalt. Die Website Kolakult.de hat ihre Leser befragt. Glasflasche, Dose oder PET – worin schmeckt euch Cola am besten? Ergebnis: 100 Prozent pro Flasche.

Okay, es haben auch nur sieben Colatrinker abgestimmt. Aber auch in anderen Foren erörtern Menschen im Internet die Frage, weshalb Getränke aus der Plastikflasche so chemisch, abgestanden und schlichtweg unlecker schmecken. Liegt es am Abfüllverfahren, den Kunststoffen – oder ist es nur die Psychologie? Nicht diskutiert wird hingegen die Frage des Ob. Schon gar nicht unter Freunden von Hopfen und Malz.

Denn ausgerechnet der tendenziell als tumb und wirkungsorientiert geltende Biertrinker hält in der ganzen Dosenpfandmisere die Fahne des kultivierten Trinkgenusses hoch. Der Versuch der großen Discounter, Gerstensaft im Plastemantel in den Markt zu drücken, hatte nur zum Erfolg, dass sie im Biersegment dramatisch an Marktanteil verloren haben.

Biertrinker machen´s richtig

"Der Deutsche trinkt sein Bier gern aus Glas oder Glasflasche", bestätigt der Brauer-Bund. Gehobene Hersteller wie die Bremer Beck's-Brauerei füllen gar nicht erst in PET-Flaschen ab, sie fürchten, dass deren Billigimage ihren Gerstensaft gleich mit kontaminiert. Auf dem Biermarkt liegt der Mehrweganteil bei beeindruckenden 88 Prozent. "Plastikbier", so der Schmähbegriff aus der Zielgruppe, wird vom deutschen Biertrinker schlichtweg boykottiert.

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