31.12.12

Verlierer 2012

Zu viel gewagt oder zu wenig – verloren haben alle

Verlierer gab es 2012 viele. Aber die Gründe des Scheiterns waren sehr verschieden. EADS-Chef Tom Enders etwa griff zu frontal an, Anton Schlecker dagegen zauderte so lange, bis es zu spät war.

Foto: Getty/dpa/Siemens AG

Kein gutes Jahr: Bundesbank-Chef Jens Weidmann, Siemens-Managerin Barbara Kux, EADS-Boss Tom Enders
Kein gutes Jahr: Bundesbank-Chef Jens Weidmann, Siemens-Managerin Barbara Kux, EADS-Boss Tom Enders

Anton Schlecker: Der Mann, der die Zeichen der Zeit nicht erkannte

Er ist ein besonders erschreckendes Beispiel für das alt bekannte Phänomen in der Wirtschaft: Wie so viele erfolgreiche Firmeneigentümer und Topmanager zuvor hatte auch Anton Schlecker die Zeichen neuer Zeiten nicht erkannt.

Der Gründer und Chef von bis zu 50.000 Mitarbeitern der lange Zeit größten Drogeriemarktkette Europas hatte geglaubt, dass sein Erfolgsrezept auf ewig funktionieren würde: immer mehr Läden auch an Standorten, die sonst kein anderer Händler will – und dadurch immer mehr Umsatz, immer bessere Einkaufskonditionen und immer mehr Gewinn.

Doch die Konsumwelt hatte sich verändert, vielen Kunden gefielen die schickeren Läden der Konkurrenten dm oder Rossmann oder die Drogerieabteilungen der Supermärkte einfach besser. Skandale wie der um die schlechte Bezahlung seiner Mitarbeiter schreckten tausende Kunden vom Einkauf bei Schlecker ab.

Doch als Schlecker senior vor den Problemen die Augen nicht mehr verschließen konnte und endlich seine Kinder Lars und Meike in die Chefetage einließ, war es zu spät: Im Januar ging Schlecker – mitten in der Arbeit an einem besseren Ladenkonzept und an einer zeitgemäßeren Unternehmenskultur – das Geld aus.

Zu diesem Zeitpunkt kam der Antrag auf die Insolvenz vollkommen überraschend. Doch während viele Unternehmen nach der Insolvenz in stark verkleinertem Maßstab weiterleben, blieb von Anton Schleckers Reich fast nichts übrig: Fast alle 5000 Läden in Deutschland machten dicht, 25.000 Mitarbeiter – fast alle Frauen – verloren dabei ihre Jobs, die meisten Auslandsfirmen wurden verkauft.

Immerhin konnten noch Ihr Platz und Schlecker XXL-Filialen an andere Händler verkauft werden, ein Österreicher arbeitet zudem an einem neuen Konzept für 600 Schlecker-Läden in Deutschland.

Tom Enders: Baute schon auf der Startbahn eine Bruchlandung

Es hätte die Mutter aller Rüstungsfusionen werden können. Kaum hatte Tom Enders den Vorstandsvorsitz des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS übernommen, da machte er sich an die Umsetzung eines kühnen Plans: Den Zusammenschluss mit dem britischen Rüstungsunternehmen BAE Systems.

Weltweit wäre dadurch die größte Rüstungsschmiede auf europäischem Boden entstanden. EADS hätte damit endlich das Ziel erreicht, ein gleichbedeutendes Gegengewicht zu seiner zivilen Geschäftssparte mit Flugzeugen von Airbus zu schaffen.

Doch Enders hatte seine Rechnung ohne die Regierungen gemacht. Berlin, Paris und London konnten sich nicht einigen, wie die Machtverhältnisse bei dem künftigen Unternehmen aussehen sollten.

Die Bundesregierung schien zudem grundsätzliche Bedenken gegen den Rüstungsdeal zu haben. Keine fünf Monate nachdem er sein Amt angetreten hatte, stand Enders deshalb bereits geschwächt da.

Er muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, die politischen Widerstände nicht gut genug eingeschätzt zu haben. EADS steckt seitdem in einer Strategiedebatte und muss klären, welche Zukunft sein Rüstungsgeschäft nun hat. Ein Trost für Enders: Noch im Dezember einigten sich Deutschland und Frankreich auf eine Neuaufteilung der Machtverhältnisse im Konzern.

Erstmals wird Enders an der Nominierung von Verwaltungsräten beteiligt sein. Sollte sich das neue Modell bewähren und er die Baustellen von EADS schließen können, wäre es möglich, dass Enders Ende 2013 wieder als der strahlende Aufsteiger angesehen wird, den er sonst immer verkörpern konnte.

Jens Weidmann: Meister der Herzen in der Europäischen Zentralbank

Mal verliert man und mal gewinnen die anderen, so hat es einmal ein offensichtlich ziemlich frustrierter Fußballer zum Besten gegeben. Auch das Jahr des Jens Weidmann lässt sich mit dieser Weisheit ganz gut zusammenfassen.

Wofür auch immer sich der Bundesbankpräsident stark machte, er konnte sich nicht durchsetzen. Anfang des Jahres kritisierte er die allzu laxe Kreditvergabe der Notenbank an die Banken. Doch statt die Bedingungen zu verschärfen, wurden im Sommer sogar griechische Banken, die praktisch insolvent waren, mit Zentralbankgeld durchgeschleppt.

Auch Weidmanns Widerstand gegen neue Staatsanleihenkäufe wurde im EZB-Rat rigoros niedergestimmt und der Bundesbankpräsident von seinen Ratskollegen recht unverhohlen als Dauer-Neinsager diffamiert. Selbst die Kanzlerin schlug sich auf die Seite von EZB-Präsident Mario Draghi.

Und auch von der von Weidmann geforderten strengen Trennung zwischen Bankenaufsicht und Geldpolitik blieb im Beschluss der EU-Finanzminister kurz vor Weihnachten wenig übrig. Weidmann versichert wacker, dass sein Widerstand nicht vergebens gewesen sei. Schließlich könne man die Diskussion ja auch dann prägen, wenn man am Ende überstimmt werde.

Das klingt ein wenig nach einem gängigem Fußballertrost: Wir haben zwar verloren, aber zeitweise ganz gut mitgespielt. Immerhin kann das reichen, um selbst an Profil zu gewinnen. Und um Meister der Herzen zu werden – allerdings nur in Deutschland.

Eugen Münch: Der Rhön-Eigner tappte in die selbst gestellte Falle

Über Jahre hinweg war es für Eugen Münch blendend gelaufen: Frühzeitig hatte der Rhön-Gründer erkannt, dass die Zukunft im Krankenhausmarkt allem voran den privaten Anbietern gehört – und seine Klinikkette konsequent zu einer der vier größten des Landes aufgebaut.

2012 jedoch dürfte als rabenschwarzes Jahr in die Annalen des Vollblutunternehmers eingehen: Sein Plan, Rhön mit der Nummer eins im Markt, Helios, zu verschmelzen und so den mit Abstand größten Anbieter aufzubauen, folgte zwar dem richtigen Kalkül – denn gerade im streng regulierten Gesundheitsmarkt ist Größe Trumpf und kann wichtige Wettbewerbsvorteile sichern.

Dass der Plan scheiterte, hat Münch sich jedoch allem voran selbst zuzuschreiben. Weil er, wohl auch aus Kontrollwahn, bei Rhön eine hohe Sperrminorität verfügt hatte, scheiterte der Deal in buchstäblich letzter Minute.

Wettbewerber wie Asklepios und Sana hatten stillschweigend auch Anteile an Rhön erworben und verhinderten so, dass die Helios-Mutter Fresenius die Mindestannahmequote von 90 Prozent erreichen und den Kauf komplett machen konnte.

Statt sein Lebenswerk zu krönen, hat der 67-Jährige nun gleich an mehreren Baustellen zu kämpfen: Die Bilanz wurde durch den verpatzten Deal belastet, ein beherztes Durchgreifen jedoch wird durch die komplizierte Aktionärsstruktur erschwert, in der nahezu alle großen Rivalen versammelt sind.

Fotovoltaik-Branche: Keine Chance gegen Billig-Rivalen aus China

Trotz des Solarbooms auf deutschen Dächern und Freiflächen ging es mit der deutschen Solarindustrie 2012 rapide bergab. Nach einer ganzen Reihe von Insolvenzen, Entlassungswellen und Betriebsschließungen verkündete im Februar auch der deutsche Fotovoltaik-Marktführer Solarworld einen Jahresverlust von 233 Millionen Euro für das Vorjahr.

Mitte August meldete der Bonner Konzern erneut tiefrote Zahlen, und kassierte seine Ankündigung wieder ein, im Gesamtjahr ein positives operatives Ergebnis zu erzielen. Zuvor hatte bereits der ehemaliger Weltmarktführer Q-Cells aus Ostdeutschland Insolvenz angemeldet.

Wie auch die insolventen Wettbewerber Solon oder Solarhybrid litt das Unternehmen unter dem Billigangebot chinesischer Solarmodule in Deutschland, die mehr als 80 Prozent des Marktes erobert hatten.

Unternehmen der europäischen Solarindustrie schlossen sich daraufhin zur Initiative "EU ProSun" zusammen, um mit Wettbewerbsklagen in Brüssel und Washington gegen chinesische Dumping-Angebote vorzugehen. Die USA verhängten am 19. Mai erstmals Strafzölle gegen chinesische Importe.

Die EU-Kommission nahm Anfang November ein Anti-Dumping-Verfahren auf. China revanchierte sich mit einem Verfahren gegen europäische Silicium-Hersteller, allen voran die Münchner Wacker AG. Ob die Anti-Dumping-Klagen noch entschieden werden, bevor der letzte deutsche Solaranbieter das Handtuch wirft, steht in den Sternen.

Barbara Kux: Jähes Ende für die Vorzeige-Vorstandsfrau

Barbara Kux hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Als sie 2008 in den Siemens-Vorstand berufen wurde, war sie die erste Frau, die in der 160-jährigen Firmenhistorie einen Platz in diesem Spitzengremium bekam.

Kux sollte sich um den Einkauf kümmern und damit um einen Etat von mehr als 40 Milliarden Euro. Dazu sollte sie Siemens als Zuständige für Nachhaltigkeit zu einem "grünen" Unternehmen machen.

Der Höhenflug der Schweizerin endete in diesem Jahr. Ihr Vertrag wurde nicht verlängert. Kux wird also 2013 aus dem Unternehmen ausscheiden. Die 58-Jährige hatte es letztlich nicht geschafft, sich bei Siemens zu behaupten. So lautet eine Version.

Sie behauptet hingegen, ihre Mission sei erfüllt, weshalb sie den Aufsichtsrat darum gebeten habe, den Vertrag nicht zu verlängern. Tatsache ist: Siemens kauft weiter zu teuer ein. So ist es durchaus als Misstrauensvotum gegen Kux zu verstehen, dass beim neuen Sparprogramm "Siemens 2014" der Einkauf gut die Hälfte der Einsparungen bringen soll.

Kux hatte man dies offenbar nicht mehr zugetraut. Die gebürtige Zürcherin hat eine beeindruckende internationale Karriere hingelegt. Sie besuchte eine renommierte Hotelfachschule in Lausanne, bevor sie in die Welt der Wirtschaft einstieg. Ihr Weg führte sie über Nestlé zu McKinsey, ABB, Ford, Philips schließlich zu Siemens.

Damit ist sie zweifelsohne eine der herausragenden europäischen Managerinnen. Kux, die zuletzt 3,4 Millionen Euro im Jahr verdiente und damit in der Top-Liga der deutschen Wirtschaft spielt, will sich nach ihrer Zeit bei Siemens vermehrt Aufsichtsratsmandaten widmen. Dem Kontrollgremium des Mineralölkonzerns Total gehört sie schon heute an.

Untergangspropheten: Der Wirtschaftskollaps wurde wieder vertagt

Der Euro ist immer noch gültiges Zahlungsmittel in 17 Ländern, Gold kaum teurer als zu Jahresbeginn und die Preise steigen langsamer. Was war das für ein grausames Jahr 2012 für all die Untergangspropheten, die Deutschland und Europa vor zwölf Monaten kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch wähnten?

Die hohen Staatsschulden, die Flut billigen Geldes der Notenbanken, ganz sicher, dieses Mal geht kein Weg an der Katastrophe vorbei, schallte es aus den einschlägigen Internet-Foren. Der Euro werde kollabieren, der Goldpreis explodieren, die Preise hyperinflationieren. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die im Garten vergrabenen und zwischen den Kupferrohren im Bad versteckten Goldbarren freigelegt werden müssen.

Und nun? Ganz einfach: Nun wird es 2013 so kommen. Das ist ja das schöne für jene, denen die Zukunft nicht schwarz genug sein kann. Irgendwann wird jede Prophezeiung wahr. Und wenn nicht, wird sich auch niemand beschweren.

Quelle: Gra/JH/jos/sl/tau/dgw/wü
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