28.12.12

Bloomberg-Chef

"Der Informationshunger wird zunehmen"

Peter Grauer herrscht über ein Imperium von Computern und Journalisten, die Börsendaten für die Finanzwelt liefern. Aber die Finanzkrise hat das Geschäft des Mediengiganten stark verändert.

Foto: REUTERS

Bloomberg-Chef Peter Grauer liest auch noch gedruckte Zeitungen
Bloomberg-Chef Peter Grauer liest auch noch gedruckte Zeitungen

Mit einem Datenmonitor fing alles an. Als das Unternehmen Bloomberg 1981 gegründet wurde, war es zunächst ein Lieferant von Börsendaten in die Handelssäle der New Yorker Banken. Heute ist Bloomberg ein weltweit tätiges Medienunternehmen mit mehr als 15.000 Mitarbeitern, das die Finanzwelt längst nicht mehr nur mit Kursen und Kennzahlen versorgt, sondern genauso mit Nachrichten. Nach den Turbulenzen der Finanzkrise soll das Wachstum nun in der sich wandelnden Medienwelt weitergehen, sagt Peter Grauer, der seit 2002 an der Unternehmens-Spitze steht.

Berliner Morgenpost: Herr Grauer, allein die 2400 Bloomberg-Journalisten schreiben mehr als 5000 Nachrichten pro Tag. Wie finden Sie persönlich sich in der Informationsflut noch zurecht?

Peter Grauer: Das ist ein nie endender Kampf, schon am Morgen im Fitnessstudio läuft Bloomberg TV, da bekomme ich die ersten Neuigkeiten …

Berliner Morgenpost: …wann ist das, morgens um 5 Uhr?

Grauer: Heute im Hotel war es 6 Uhr. Wenn ich zu Hause bin, stehe ich aber meist schon um 5.15 Uhr auf dem Laufband. Später auf dem Weg ins Büro, ich wohne rund 30 Kilometer von New York entfernt, lese ich dann vier Tageszeitungen: "New York Post", "New York Times", "Financial Times" und "Wall Street Journal".

Berliner Morgenpost: Lesen Sie diese auf dem Computer oder blättern Sie ganz herkömmlich durch eine gedruckte Version?

Grauer: Ich habe beides, aber meist greife ich zur gedruckten Zeitung. Da bin ich altmodisch. Sobald ich mich dann im Büro am Terminal angemeldet habe, überfliege ich die Top-Geschichten, zudem meldet mir das System automatisch, wenn es neue Nachrichten zu unseren wichtigsten Kunden und Konkurrenten gibt.

Berliner Morgenpost: Würden Sie sich als News-Junkie bezeichnen, als jemanden, der nervös wird, wenn er nicht weiß, was gerade in der Welt passiert?

Grauer: Nein, davon bin ich weit entfernt. An einem Tag in der Woche, in der Regel samstags, klinke ich mich sogar vollkommen aus. Da nehme ich eine Auszeit von der vollvernetzten Nachrichtenwelt und lese in aller Ruhe die Wochenendausgabe der "Financial Times", das bereitet mir viel Vergnügen.

Berliner Morgenpost: Es gibt Gerüchte, dass die "Financial Times" bald zu Bloomberg gehört. Wollen Sie Ihre Lieblingszeitung kaufen?

Grauer: Wir haben in den vergangenen 30 Jahren lediglich vier bis fünf Übernahmen gemacht, dazu gehörte vor drei Jahren der Kauf des traditionsreichen Wirtschaftsmagazins "Business Week". Übernahmen werden auch in Zukunft eher die Ausnahme denn die Regel sein.

Berliner Morgenpost: Aber die "Financial Times" würde Bloomberg bei dem selbst erklärten Ziel helfen, zum weltweit wichtigsten Medienkonzern aufzusteigen, oder?

Grauer: Die Gerüchte rund um die "Financial Times" möchte ich nicht kommentieren.

Berliner Morgenpost: Ist die mögliche Verbreiterung der Produktpalette eine Reaktion darauf, dass Ihnen mit jeder Entlassungswelle bei den Großbanken traditionelle Kunden wegfallen?

Grauer: Wir schrumpfen nicht, wir wachsen. Bislang haben wir in diesem Jahr weltweit 21.000 neue Geräte aufgestellt, das ist ein Wachstum von sieben Prozent. In Büros und Handelssälen stehen derzeit rund 315.000 unserer Terminals, nie waren es mehr.

Berliner Morgenpost: Die großenInvestmentbanken werden ihre Abonnements aber wohl nicht mehr alle verlängern.

Grauer: Natürlich müssen wir in den Großbanken auch Terminals abbauen. Aber auf der anderen Seite kommen neue Kunden hinzu. Besonders hohe Wachstumsraten verzeichnen wir bei Unternehmen und staatlichen Organisationen. Finanzminister und Notenbanker sind für mich zu wichtigen Gesprächspartnern geworden. Sie alle wollen die gleichen Informationen, genauso schnell wie die Banken, Hedgefonds und Verwalter großer Pensionskassen, und wir können diese liefern.

Berliner Morgenpost: Aber bedeutet weniger Handel in Folge der Finanzkrise nicht zwangsläufig auch weniger Geschäft für Sie als Anbieter von Nachrichten, Börsendaten und Analysen?

Grauer: Die Banken werden nicht verschwinden und der Bedarf an guten, schnellen Informationen wird nicht nachlassen. Im Gegenteil, je größer die Konkurrenz, desto mehr wird der Informationshunger zunehmen. Als Mitte der 70er-Jahre an der New Yorker Wall Street die Gebühren im Aktienhandel plötzlich frei verhandelt werden konnten, verschwand ein Großteil der Brokerfirmen, aber das Geschäft war immer noch gut, es gab immer noch eine Menge zu verdienen.

Berliner Morgenpost: Sind die Eingriffe dieses Mal nicht sehr viel größer?

Grauer: Ich gehe davon aus, dass wir die heftigsten Eingriffe gesehen haben. Nehmen sie die Hedgefonds-Industrie: Die ist heute sehr viel transparenter, die Anbieter müssen sehr viel mehr dokumentieren. Die Lehren aus der Finanzkrise sind gelernt, da wird nicht mehr viel kommen.

Berliner Morgenpost: Ihre Terminals können als Gradmesser für die weltweite Wirtschaftsentwicklung gesehen werden, dort wo neue aufgebaut werden, gibt es offenbar Geld, das angelegt werden will. Also, wo boomt es derzeit?

Grauer: Geht es nach den Wachstumsraten, müsste ich Nigeria sagen. Dort ist die Zahl der Terminals in diesem Jahr um 50 Prozent gestiegen – allerdings stehen in dem afrikanischen Land immer noch nur rund 100 unserer Computer. Auch andere kleine Märkte, wie Kolumbien, Chile und Skandinavien zeigen erfreuliche Steigerungsraten. Mehr Aussagekraft hat aber sicherlich die Entwicklung in großen Ländern Asiens, in China, Thailand, den Philippinen und Indonesien.

Berliner Morgenpost: Gehen Sie davon aus, in Asien in einigen Jahren auch die größten Handelssäle zu finden?

Grauer: New York, London und auch Frankfurt werden wichtig bleiben. Aber natürlich holen asiatische Großstädte auf, wenn mehr und mehr Währungsreserven aus aller Welt dorthin fließen. Ich sehe vor allem Hongkong und Singapur, vielleicht auch Shanghai weit vorn.

Berliner Morgenpost: Warum Shanghai nur vielleicht?

Grauer: Ich könnte mir vorstellen, dass Hongkong gegenüber Shanghai dauerhaft einen Vorteil behält, vor allem wegen der englischen Sprache, die dort sehr viel verbreiteter ist.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt Deutschland in Ihren künftigen Wachstumsplänen?

Grauer: Deutschland ist die zentrale Volkswirtschaft in Europa und der fünfwichtigste Markt für uns weltweit – nach den USA, Großbritannien, Hongkong und Tokio. Wir haben in Deutschland 60 Journalisten für unseren Nachrichtendienst und stellen weiter ein. Allein im laufenden Jahr haben wir die Zahl der Stellen um ein Drittel erhöht. Demnächst wollen wir noch mehr deutsche Nachrichten in deutscher Sprache produzieren.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle werden die Terminals in einigen Jahren noch spielen?

Grauer: Sie bleiben die Sonne in unserem eigenen Planetensystem. Daneben werden wir die Möglichkeiten, die das Smartphone bietet, besser nutzen. Zudem wollen wir nicht nur bei den Themen Wirtschaft und Finanzen zu den führenden Agenturen gehören, sondern auch in den Bereichen Politik und Recht unsere Schlagkraft deutlich erhöhen.

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