28.12.12

Gigaliner

Regierung schafft mehr Platz für Riesen-Laster

Das Verkehrsministerium erweitert das Straßennetz für 25-Meter-Lastwagen um 60 Strecken. Ab Jahreswechsel machen erste Großunternehmen mit. Doch der Feldversuch ist umstritten.

Von Birger Nicolai
Foto: picture alliance / dpa
Gigaliner im Kreisverkehr bei Osnabrück. Die Riesen-Laster sind in Deutschland hoch umstritten
Gigaliner im Kreisverkehr bei Osnabrück. Die Riesen-Laster sind in Deutschland hoch umstritten

Der Gigaliner rollt von der Kriechspur auf den rechten Fahrstreifen der Autobahn: Der in Deutschland umstrittene 25-Meter-Lkw darf ab nächstem Jahr auf weiteren 60 Strecken fahren. Das hat das Bundesverkehrsministerium beschlossen. Seit dem Start des Feldversuchs im Januar 2012 ist das Streckennetz damit um 1800 Kilometer länger geworden.

Statt den Test wegen der geringen Beteiligung der Speditionen wieder abzublasen, wie es mehrere Bundesländer sowie die Bundestagsfraktionen der SPD und der Grünen fordern, geht die Bundesregierung den entgegengesetzten Weg: Sie will den langen Laster auf deutsche Autobahnen holen, und zwar in großem Stil.

Starker Gegenwind für die Riesen

"Seit der ersten Erweiterung im Juli 2012 sind viele Unternehmen mit Streckenwünschen an die teilnehmenden Länder herangetreten", sagte Andreas Scheuer, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Zunächst prüfen diese Bundesländer, ob die Streckenwünsche für den Feldversuch geeignet sind.

Trifft das zu, nimmt das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sie in eine sogenannte Positivliste auf. Meist handelt es sich um Landstraßen, die von den Autobahnen hin zu Lagerhallen oder Fabriken führen.

Diese nächste Änderung steht nun an, sie wird im Januar im Bundesanzeiger veröffentlicht. Bereits zur Jahresmitte 2012 kamen durch eine Änderungsverordnung rund 100 neue Strecken hinzu – etwa der Hamburger Hafen.

Nur einige Länder machen mit

"Es ist gut, dass sich die Unternehmen trotz des teilweise starken Gegenwinds für ein Festhalten am Feldversuch entschieden haben", sagte CSU-Politiker Scheuer, der zugleich Koordinator der Bundesregierung für Güterverkehr und Logistik ist. Erste Testergebnisse zeigten ein hohes Einsparpotenzial an Kohlendioxid und Zahl der Fahrten.

Doch im Straßenbild tauchen die Gigaliner bislang recht selten auf. Nur sieben der 16 Bundesländer machen derzeit bei dem Versuch mit: Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Hessen, Thüringen, Sachsen und Bayern.

Weil der Test aber durch eine Verordnung der Bundesregierung umgesetzt wird, sind Fahrten auch durch andere Bundesländer und dann auf ausgewählten Strecken möglich – wogegen Baden-Württemberg und das mittlerweile kritisch eingestellte Schleswig-Holstein eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht angestrengt haben.

44 Tonnen auf 25 Meter Länge

Die Bundesregierung will in dem auf fünf Jahre angelegten Feldversuch den Verkehr mit dem Gigaliner testen. Danach soll entschieden werden, ob die bis zu 44 Tonnen schweren 25-Meter-Lkws generell auf deutschen Autobahnen und einigen Abschnitten auf Landstraßen zugelassen werden. Wissenschaftler rechnen vor, dass ein Drittel der Fahrten und damit auch an Kohlendioxid im Lkw-Verkehr eingespart werden kann.

Einige Nachbarländer machen das bereits: In den Niederlanden oder Dänemark gehören die langen Lkws nach einer Testphase nun im Dauerbetrieb zum Straßenbild. In Schweden wird gar über einen 90-Tonnen-Lkw nachgedacht.

Statt der vom Verkehrsministerium erwarteten rund 400 Lang-Lkws im ersten Testjahr sind derzeit gerade einmal 36 Fahrzeuge von 20 mittelständischen Speditionen unterwegs. Zumindest sind sie bei der zuständigen Bundesanstalt für Straßenwesen angemeldet.

Keine Zufahrt zu Abholstellen

Die geringe Beteiligung hat einen Grund: Transportfirmen klagen vielfach darüber, dass sie mit dem langen Lkw nicht von den Autobahnen hin zu den Abholstellen ihrer Kunden fahren dürfen. Oft stehen diese Warenlager zwar in Sichtweise der Strecke, doch das Bundesland erlaubt die Zufahrt nicht.

Dieser Umstand soll sich nun mit den neuen Streckenabschnitten ändern. "Eine Reihe von Unternehmen warten auf das Inkrafttreten der zweiten Änderungsverordnung, um dann mit ihrem Lang-Lkw losfahren zu können", sagte Staatssekretär Scheuer.

Nach Informationen der "Welt" wird mit Dachser der erste Logistikkonzern an dem Versuch teilnehmen. "Auf zunächst zwei Strecken sind wir dabei. Wir werden zwischen zwei und fünf Lkws einsetzen", sagte Dachser-Manager Andreas Froschmayer. So will das Transportunternehmen einen Gigaliner zwischen Memmingen und Ulm einsetzen.

"Verkehrspolitischer Rohrkrepierer"

Dagegen bezeichnen Gegner das Projekt als "verkehrspolitischen Rohrkrepierer": "Auf dieser schmalen Basis ist es äußerst fraglich, ob eine wissenschaftliche Begleitung dieses Tests überhaupt aussagekräftig ist", sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene. Zudem sei die Zukunft des Feldversuchs äußerst ungewiss: Grundlage ist eine Ausnahmeverordnung der Bundesregierung.

Im Bundesrat wäre eine Mehrheit nicht zustande gekommen. Wie erwähnt, klagen einige Bundesländer wie auch die Bundestagsfraktionen von SPD und Grünen dagegen vor dem Verfassungsgericht. "Der Einsatz der Lkws ist gefährlich, teuer und umweltschädlich. Und möglicherweise ist er auch noch verfassungswidrig", sagte Flege. Erwartet wird, dass das Gericht noch im ersten Halbjahr 2013 entscheiden wird. Auch deshalb stößt die nun beschlossene Streckenerweiterung auf Kritik. "Offenbar pumpt die Regierung das Streckennetz auf und versucht durch Zugeständnisse an die Fuhrunternehmen, eine stärkere Nachfrage zu stimulieren", sagte Flege.

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