27.12.12

Gutachten

Deutsche verlieren Milliarden durch falsche Rentenberatung

Deutsche Verbraucher verlieren laut einem Gutachten jährlich 50 Milliarden Euro. Reich werden demnach nur Banken und Makler.

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Hätte es mehr sein können? Laut einem Gutachten verlieren die Deutschen jährlich 50 Milliarden Euro bei der Altersversorgung
Hätte es mehr sein können? Laut einem Gutachten verlieren die Deutschen jährlich 50 Milliarden Euro bei der Altersversorgung

Verbraucher verlieren bei der privaten Vorsorge fürs Alter und in anderen Finanzangelegenheiten durch mangelhafte Beratung und Information einer Studie zufolge über 50 Milliarden Euro pro Jahr. Alleine 16 Milliarden Euro entfielen auf Einbußen aus Lebensversicherungen, wie es in einer am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Studie im Auftrag der Grünen im Bundestag hieß. Die Grünen kritisierten, Kunden zahlten "überhöhte" Gebühren.

Bei Lebensversicherungen etwa entstünden vielen Verbrauchern Verluste, wenn sie diese Verträge vor Ablauf der in aller Regel langjährigen Laufzeit kündigten, hieß es in der Untersuchung des Finanzwissenschaftlers Andreas Oehler von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. So würden etwa über drei Viertel der auf 30 Jahre abgeschlossenen Verträge vorzeitig beendet. Verbraucher seien oft nicht über die Kosten informiert, die bei einer solchen vorzeitigen Beendigung entstünden. Nach Angaben der Versicherungsbranche entstehe durch eine jährliche Stornoquote von vier Prozent ein Schaden von 16 Milliarden Euro.

Untersuchung rät von privaten Rentenversicherungen ab

Immer mehr Untersuchungen kämen zu dem Schluss, dass Kapitallebens- und private Rentenversicherungen "für die überwiegende Zahl der Verbraucher kein sinnvolles Produkt darstellen", hieß es in der Untersuchung. Von einem Neuabschluss sei daher abzuraten.

Noch größer seien die Verluste durch Investitionen von Privatanlegern in den sogenannten grauen Kapitalmarkt, hieß es in der Untersuchung. Beim grauen Kapitalmarkt handelt es sich um einen vergleichsweise wenig regulierten Teil des Kapitalmarktes. Daher kommt auch der Name.

Bei den auf dem grauen Kapitalmarkt angebotenen Finanzprodukten handle es sich um Geldanlagen, die den meisten Verbrauchern weniger geläufig seien dürften, hieß es in der Untersuchung. Beispiele seien etwa Unternehmensbeteiligungen, Genussscheine, sogenannte Termingeschäfte, offene Immobilienfonds oder auch geschlossene Fonds. Nicht selten seien in diesem Markt auch "windige Vermittler" aktiv, hieß es in der Studie. Der Finanzschaden für Verbraucher auf dem grauen Kapitalmarkt werde jährlich auf 30 Milliarden Euro geschätzt.

Verbraucher verschenken bei Riester-Rente Geld

Bei der Riester-Rente verschenkten viele Verbraucher Geld, weil diese die ihnen zustehenden staatlichen Zulagen nicht beantragten, Die Zulagenförderung werde "nur sehr unzureichend in Anspruch genommen". Ein knappes Fünftel der berechtigen Personen bekomme weniger als die Hälfte der Grundzulage. Insgesamt dürften sich die Schäden daraus auf eine Milliarde Euro belaufen.

Ebenfalls eine Milliarde Euro könnten die Finanzschäden für Verbraucher im Bereich der privaten Immobilienfinanzierung betragen, hieß es in der Untersuchung. Diese kämen etwa dadurch zustande, dass diese Möglichkeiten zur sogenannten Sondertilgung von Krediten nicht nutzten. Es sei davon auszugehen, dass viele Anbieter Verbraucher nicht auf Sondertilgungsmöglichkeiten hinwiesen.

Bei einer Sondertilgung zahlen Verbraucher ein Darlehen über die vereinbarten regulären Raten hinaus zusätzlich ab. Dadurch verringern sich die gesamte Schuldenlast und auch die Höhe der weiteren Zinszahlungen.

Grünen-Verbraucherexpertin Nicole Maisch forderte angesichts der Untersuchungsergebnisse gesetzliche Grenzen für Gebühren und Provisionen, die Verbraucher bei Abschluss von Finanzgeschäften zählen müssten. Solche Abgaben dürften "nicht länger an der Rente der Sparer zehren".

Im Hessischen Rundfunk sagte Maisch: "Wir brauchen an der Seite der Verbraucher einen Finanzmarktwächter, also eine Aufsicht, die systematisch im Verbraucherinteresse die Märkte beobachtet, die Beratung von Verbrauchern auswertet und die auch das Recht hat, die Finanzdienstleistungsaufsicht anzurufen." Dieser Finanzmarktwächter könne bei den Verbraucherzentralen angesiedelt werden. "Hier brauchen wir einen bissigen Akteur, der an der Seite der Verbraucher agiert", sagte Maisch.

Ministerien liegt Studie noch nicht vor

Bei den zuständigen Bundesministerien – Finanzen, Verbraucherschutz und Arbeit – hieß es am Donnerstag übereinstimmend, die Studie liege noch nicht vor und könne deshalb nicht bewertet werden. Die Riester-Rente als staatlich geförderte Altersvorsorge unterliege allerdings genauerer Beobachtung. Das Bundesfinanzministerium habe im Herbst zudem eine Reform der zusätzlichen Altersvorsorge auf den Weg gebracht.

Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums ergänzte, das im November 2012 verabschiedete Gesetz zur Stärkung der deutschen Finanzaufsicht berücksichtige auch Belange des Verbraucherschutzes. Ziel dieses Gesetzes sei es, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in die Lage zu versetzen, Hinweise von Verbrauchern und Erkenntnisse von Verbraucherschutzorganisationen noch stärker zu berücksichtigen. Dazu sehe das Gesetz die Einführung eines Verbraucherbeirats und die Regelung eines Beschwerdeverfahrens vor.

Versicherungen halten Zahlen zu Verlusten für falsch

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erklärte, die Zahlen zu den Verlusten aufgrund gekündigter Policen seien falsch. "Der Untersuchung liegen so viele offenkundig falsche Annahmen zugrunde, dass ihre erneute Veröffentlichung wirklich erstaunen muss", sagte Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des GDV. In zentralen Punkten sei die jetzt veröffentlichte Studie ebenfalls nicht haltbar. So unterstelle Oehler eine zu hohe Stornoquote, und der pro vorzeitig gekündigtem Vertrag unterstellte durchschnittliche Verlust von 4200 Euro sei "absolut unrealistisch".

Nach Auffassung des baden-württembergischen Verbraucherministers Alexander Bonde (Grüne) belegt die Studie seine bereits im Mai dieses Jahres geäußerte Einschätzung, dass die bisherigen Maßnahmen der schwarz-gelben Bundesregierung zur Finanzmarktaufsicht ins Leere laufen. "Die deutsche Finanzaufsicht bleibt aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher ein zahnloser Tiger, wenn den Verbraucherverbänden weiterhin ein gesetzlich verankertes Mitwirkungsrecht bei der Finanzmarktaufsicht vorenthalten wird", erklärte Bonde am Donnerstag.

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