26.12.12

Konjunktur

Deutscher Wirtschaft geht es besser als sie denkt

Redet Deutschland die Krise herbei? Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass Unternehmen verunsichert sind – viele aber für 2013 mit guten Geschäften rechnen.

Von Jens Hartmann und Andre Tauber
Foto: dapd

Bauarbeiter am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main. Nach Einschätzung mancher Experten wird die Wirtschaftslage in Deutschland viel zu schwarz gemalt
Bauarbeiter am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main. Nach Einschätzung mancher Experten wird die Wirtschaftslage in Deutschland viel zu schwarz gemalt

Die anhaltende Diskussion über die verschärfte Wirtschaftskrise schlägt zwar auf das Gemüt der deutschen Topmanager – doch den Unternehmen geht es nach wie vor hervorragend. Der aktuellen Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zufolge gibt die Hälfte der großen Wirtschaftsverbände an, die Stimmung sei derzeit schlechter als im vergangenen Jahr. Trotzdem aber erwarten nur elf von 46 Verbänden, dass sich ihr Geschäft im Jahr 2013 auch tatsächlich verschlechtern wird.

Das Umfrageergebnis zeugt von einer massiven Kluft zwischen der wahrgenommenen Wirtschaftslage und der Realität. Während einige Politiker und Volkswirte unter dem Eindruck der Euro-Krise über Krisenszenarien diskutierten, entwickelte sich die deutsche Wirtschaft im ablaufenden Jahr unterm Strich doch überraschend gut. Der deutsche Maschinenbau etwa fuhr Rekorderlöse ein. Der deutsche Leitindex Dax gewann im Jahresverlauf 2012 mehr als ein Viertel an Wert.

Maschinenbau ist hoffnungsvoll

Trotzdem sind die Unternehmen wegen der anhaltenden Diskussion über eine mögliche Abschwächung der Weltkonjunktur, die Euro-Krise und die Kosten der Energiewende massiv verunsichert. "Wir sind zum Teil panisch geworden", sagt Bernd Brunke, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger. "Sobald sich das Wachstumstempo ein wenig verlangsamt, gilt das ja schon als Horrorszenario." Derzeit werde die Wirtschaftslage viel zu schwarz gemalt.

Hoffnungsvoll gehen etwa die deutschen Vorzeigebranchen Maschinenbau und Chemieindustrie in das neue Jahr. Verhalten optimistisch zeigte sich auch die Autoindustrie, die einen gleichbleibenden Umsatz erwartet.

Generell zeigt sich auch ein positives Bild bei den Investitionen. Neun Branchen erwarten steigende Investitionen, 28 Branchen möchten die Investitionen zumindest auf dem Niveau des Vorjahres halten. "Die beachtliche Differenz zwischen Stimmung und Lage macht deutlich, wie leicht die Politik durch unbedachtes Reden und Handeln Vertrauen verspielt und wie schwer es ist, dies zu korrigieren", sagte IW-Direktor Michael Hüther.

Die hohe Unsicherheit erklärt sich auch damit, dass Manager den Wirtschaftsprognosen nicht mehr so recht trauen wollen. Wirtschaftszyklen waren zuletzt sehr schwer vorherzusagen. Zu stark waren die Ausschläge.

Firmen stellen sich auf das Schlimmste ein

"Früher wurde ein Vorstand daran gemessen, ob er einen Fünfjahresplan einhalten konnte oder nicht", sagt Brunke. "Heute muss ein Manager viel kurzfristiger agieren – ohne dabei die langfristigen Ziele aus dem Auge zu verlieren."

Die Unternehmen stellen sich auch deswegen vorsorglich auf das Schlimmste ein. Sie legen sogenannte Effizienzprogramme auf und stellen sich schlanker auf.

So hat etwa Bosch-Geschäftsführer Volkmar Denner das Ziel ausgegeben, die Fixkosten besser in den Griff zu bekommen. "Wir haben uns lange der Hoffnung hingegeben, die geplanten Umsätze zu erreichen, anstatt uns mit einer vorsichtigen Kostenplanung auf einen flacheren Wachstumspfad vorzubereiten", schrieb er in der Hauszeitschrift "Zünder". Für 2013 rechne er nicht mit einer "durchgreifenden Erholung".

Milliardenschwere Sparprogramme

Auch Siemens-Chef Peter Löscher reduziert die Kosten. Ein auf zwei Jahre angelegtes Sparprogramm umfasst sechs Milliarden Euro, nach Berechnungen der IG Metall sollen in den kommenden zwei Jahren 5100 Stellen in Deutschlandwegfallen. Und Wolfgang Reitzle, Chef des Gase-Spezialisten Linde, hat jüngst die Verlängerung eines Effizienzprogramms angekündigt.

Auf Kosten der Zukunft allerdings wollen die Unternehmen nicht sparen. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft bestätigt das in einer Studie. Deutsche Unternehmen hatten, nachdem sie 2011 bereits mit 50,3 Milliarden Euro so viel Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt hatten wie nie zuvor, in diesem Jahr ihre Ausgaben nochmals um 1,9 Prozent gesteigert. Für 2013 sollen noch einmal 3,6 Prozent mehr investiert werden.

Die hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung sind mit ein Grund dafür, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie noch intakt ist. Die Beratungsgesellschaft Deloitte kürte zuletzt in ihrem sogenannten Global Manufacturing Competitive Index 2013 Deutschland zum weltweit zweitattraktivsten Standort für das produzierende Gewerbe – hinter China, aber noch vor den USA, Indien und Südkorea.

"'Geschäftsmodell Deutschland' hat sich bewährt"

Deutschland profitiere dabei in besonderem Maße von seinem Mittelstand und der dualen Ausbildung. "Das 'Geschäftsmodell Deutschland' hat sich klar im internationalen Wettbewerb und in Krisenzeiten bewährt", heißt es in der Studie.

Relativ optimistisch gaben sich die Unternehmenslenker zuletzt beim sogenannten Ifo-Geschäftsklimaindex. Der Indexwert im Dezember stieg um einen Punkt auf 102,4 Punkte und erreichte damit den besten Wert seit fünf Monaten.

Die deutschen Manager haben auch die Hoffnung, dass 2013 nicht zu einem Tal der Tränen wird. Das lässt sich am besten an den gestiegenen Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate ablesen. Der Sprung war so hoch wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr.

Große Erwartungen an China

Wachstumsimpulse im kommenden Jahr dürften vor allem aus dem Ausland kommen. In den USA läuft es wirtschaftlich derzeit gut. Und vor allem im Bezug auf China sind die Erwartungen hoch.

Das chinesische Neujahrsfest im Februar eist traditionell neue Investitionen los. Die Hoffnung ist groß, dass der Effekt in diesem Jahr wegen des Führungswechsels in der kommunistischen Partei stärker als bislang ausfallen wird. Profitieren könnten von dieser Entwicklung etwa Infrastrukturausrüster, Maschinenbauer sowie die Chemieindustrie. Impulse könnte es vor allem in der zweiten Jahreshälfte geben.

Trotzdem läuft es freilich nicht für alle Unternehmen gut. Vor allem die Finanzbranche leidet unter den Entwicklung der Euro-Krise. Drei von sechs Verbänden des Finanzsektors (Banken, Sparkassen und Volksbanken) rechnen laut IW-Umfrage mit schlechteren Geschäften. Zudem wird erwartet, dass die Finanzinstitute ihre Mitarbeiterzahl reduzieren werden.

Eine wesentliche Herausforderung wird es nun sein, dass die Politik die Euro-Kise in den Griff bekommt. "Die Politik muss den Weg, den sie eingeschlagen hat, konsequent verfolgen", sagt Roland-Berger-Berater Brunke. "Ein permanentes Hin und Her in der Euro-Frage wäre für die globale Wirtschaft sehr schädlich."

Quelle: dapd
26.12.12 1:29 min.
Das alte Jahr ist fast vorüber. Doch was bringt das neue, das Jahr 2013? Einer aktuellen Umfrage der Stiftung der Zukunftsfragen zufolge sorgen sich die Deutschen vor allem um eines: Ihren Wohlstand.
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Südkorea Geretteter Schulleiter bringt sich um
Schriftsteller Trauer um Gabriel Garcia Marquez
Trotz Handelsverbot Kanada eröffnet die alljährliche Robbenjagd
Coachella Festival Hier ist Promis nichts peinlich
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Mount Everest

Tote Sherpas und ehrgeizige Touristen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote