23.12.12

Wohltätigkeit

Briten sind die Spendenkönige in der EU

Die Briten geben drei Mal so viel wie die Deutschen. Um das Geld der Geber buhlen 160.000 Wohltätigkeitsorganisationen auf der Insel. Und dabei lassen sie sich so Einiges einfallen.

Foto: picture-alliance / dpa

Jeder Brite spendet durchschnittlich zehn Pfund im Monat – und damit deutlich mehr als seine europäischen Nachbarn
Jeder Brite spendet durchschnittlich zehn Pfund im Monat – und damit deutlich mehr als seine europäischen Nachbarn

Malte Borkenhagen schnallt den Gürtel eng um den roten Mantel. Mit den Fingerspitzen drückt er den weißen Rauschebart an seinen Wangen fest. Der Klebstoff juckt auf der Haut, er verzieht das Gesicht.

Für den guten Zweck hat Unternehmensberater Borkenhagen den Designer-Anzug gegen ein Santa-Claus-Kostüm eingetauscht und macht gemeinsam mit seinen Kollegen beim "Great Christmas Pudding Race" im Londoner Stadtteil Covent Garden mit. Seine Gegner: Buchhalter im Rentieroutfit, als Elfen verkleidete Anwälte, sogar ein Banker im Truthahnkostüm hat sich angemeldet. Bei dem Wettrennen wollen sie Geld sammeln für die Organisation "Cancer Research", die die Krebsforschung fördert.

Jeder Brite spendet zehn Pfund pro Monat

Sich für wohltätige Zwecke einzusetzen, ist in Großbritannien nicht nur zur Weihnachtszeit Tradition. Rund elf Milliarden Pfund (13,5 Milliarden Euro) spenden die Briten jedes Jahr an gemeinnützige Organisationen – drei Mal so viel wie die Deutschen. Laut aktuellem UK Giving Report spendet jeder Brite pro Monat im Durchschnitt zehn Pfund für die Wohltätigkeit.

Seit drei Monaten arbeitet Malte Borkenhagen für die Unternehmensberatung Deloitte in London. Da sein Arbeitgeber großen Wert auf gemeinnütziges Engagement legt, machen viele Mitarbeiter bei Spendenmarathons mit, renovieren einen Kindergarten während der sogenannten "community days" oder geben jeden Monat zwei Prozent ihres Gehalts an eine Hilfsorganisation ab.

Warum hat sich Borkenhagen für den Pudding Race entschieden? Er will nicht nur Geld geben, sondern vor allem Spaß beim Fundraising haben. "Es ist eine Win-Win-Situation", sagt der 26-Jährige. "Man hilft den Leuten, die es brauchen, und bekommt selbst ein gutes Image."

Unternehmen beteiligen sich

Wer sich in der Weihnachtszeit auf die Oxford Street traut, oder wen es in Londons größtes Shoppingcenter Westfield zieht, muss sich nicht nur durch Menschenmassen kämpfen, sondern kann sich auch vor Spendenangeboten kaum retten. Doch die wenigsten Organisationen bitten mit der Blechbüchse um Geld.

Vor allem die großen Hilfswerke starten Partnerschaften mit Unternehmen und versuchen gezielt, über deren Produkte an Spenden zu kommen. Die Obdachlosenhilfe arbeitet etwa mit dem Sandwich-Laden "Pret a manger" zusammen und bekommt einen Anteil vom Kaufpreis einzelner Snacks. Die Macmillan-Organisation bildet die Mitarbeiter der Drogeriekette "Boots" zu Krebshilfeexperten aus und hofft so auf Spendengelder. Das Kaufhaus "Marks & Spencer" recycelt gemeinsam mit Oxfam die Altkleider ihrer Kunden und verspricht Geschenkgutscheine.

Erfolg mit Firmenpartnerschaften

"Die erfolgreichsten Organisationen sind die, die sich finanziell breit aufstellen und auch vor Firmenpartnerschaften nicht zurückschrecken", sagt Amy Clarke, Leiterin der Abteilung Beratung bei der Charity Aid Foundation. Die Stiftung arbeitet mit den Organisationen einen Businessplan aus, berät sie, wie sie den passenden Firmenkontakt finden und sich ein finanzielles Polster zulegen. "Es gibt jede Menge Konkurrenz auf dem Markt", sagt Clarke. "Die Organisationen müssen ihre Nische finden und den Spendenwilligen viel bieten."

Mehr als 160.000 Wohltätigkeitsorganisationen gibt es in Großbritannien. Das meiste Geld fließt an Einrichtungen, die die Medizinforschung fördern, an Krankenhäuser oder Kinderhilfswerke. Zwar hat Großbritannien offiziell die Rezession überwunden, doch Preissteigerungen und Einsparungen im sozialen Bereich machen sich auch auf den Spendenkonten bemerkbar.

Jede sechste britische Wohltätigkeitsorganisation rechnet damit, im kommenden Jahr schließen zu müssen oder ihre Angebote drastisch einzuschränken. Nach einer Erhebung der Charity Aid Foundation brechen die Spendenbeiträge mindestens um 20 Prozent ein. Für Beraterin Clarke müssen die Organisationen jetzt vor allem junge, kaufkräftige Arbeitnehmer für die Wohltätigkeit begeistern.

Spektakuläres Fundraising

Allerdings sei diese Gruppe sehr anspruchsvoll. "Sie wollen genau wissen, was mit ihrem Geld passiert", sagt Clarke. "Außerdem soll Fundraising spektakulär sein und Spaß machen." Um zu zeigen, dass sie bei einer Aktion für den guten Zweck mitmachen, seilen sich die jungen Wohltäter auch freiwillig vom Kirchturm ab oder lassen sich eine Glatze rasieren.

Malte Borkenhagen hat sich als Santa Claus verkleidet und balanciert einen Weihnachtspudding auf einem Silbertablett durch einen Hindernisparcours. Verfolgt von einem Gegner im Rentierkostüm klettert der Unternehmensberater auf der letzten Etappe auf eine Plastikrutsche. Das Wettrennen hat bereits rund 20.000 Pfund eingebracht. Mit mehr als 500 Millionen Pfund an Spendengeldern pro Jahr gehört Cancer Research zu den erfolgreichsten Wohltätigkeitsorganisationen in Großbritannien. Da von der Regierung keine Hilfen kommen, ist die Organisation komplett auf Spenden von Privatpersonen angewiesen.

Außer Atem erreicht Borkenhagen die Ziellinie. Auf den letzten Metern hat das Rentier ihn doch noch eingeholt. Aber das macht nichts, sagt er und schiebt sich den weißen Rauschebart unters Kinn. Vor dem Wettrennen haben Borkenhagen und seine Kollegen bereits 1000 Pfund gesammelt. Per Facebook-Aufruf haben sie bei ihren Freunden um Unterstützung gebeten. Auch Borkenhagens Chef hat sich beteiligt und wird den Endbetrag noch einmal verdoppeln. Seine Kollegen winken ihm jubelnd zu – und dann verschwindet der 26-Jährige im Gedränge zwischen Elfen, Rentieren und Truthähnen.

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