23.12.12

Preisentwicklung

Discounter drücken Lebensmittel-Hersteller an Wand

Höhere Rohstoffpreise, teurere Energie, Boom in Asien. Nahrungsmittel werden 2013 teurer. Theoretisch. Praktisch aber gibt es einen Effekt, der den Geldbeutel der Verbraucher hierzulande schont.

Die Preise für Lebensmittel werden 2013 in Deutschland zwar weiter steigen: Dafür sorgen eine anziehende Nachfrage aus China oder Indien, schlechte Ernten in vielen Teilen der Welt und immer höhere Energiekosten, wie eine Umfrage der Berliner Morgenpost unter Experten zeigt.

Der Anstieg könnte für die Verbraucher allerdings deutlich niedriger ausfallen als von vielen befürchtet. Denn bei einigen Produkten sorgen Sonderfaktoren für stabile Preise im Supermarkt, obwohl die Produkte wegen stark gestiegener Rohstoffkosten eigentlich viel teurer werden müssten – wie bei Mehl, Brot oder Brötchen.

Bei zahlreichen Lebensmitteln, so die Experten, dürften die Preise nur so stark klettern wie die Inflationsrate. Und die wird von den meisten Experten für das kommende Jahr auf zwei bis drei Prozent geschätzt.

Die Preise für Lebensmittel sind auch in den vergangenen Jahren verhaltener gestiegen als die übrigen Verbraucherpreise, hat Martin Sonnenschein beobachtet: "Die Chancen stehen gut, dass das auch 2013 so sein wird", sagt der Mitteleuropa-Chef des Beratungsunternehmens A.T. Kearney.

Fleisch, Fisch und Kaffee als Preistreiber

Kaum pessimistischer ist Sabine Eichner, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE): "Ich sehe keinen Grund für Alarmmeldungen für die Verbraucher. Preisanstieg für Lebensmittel im Rahmen der allgemeinen Teuerung scheinen derzeit sehr wahrscheinlich."

Die Rohstoffexperten des Kölner Beratungsunternehmens Inverto glauben: "Die Preise werden steigen, aber der Anstieg wird nicht dramatisch ausfallen." Einzelhändler halten sich mit Prognosen auffallend zurück. Zwischen Januar und November 2012 waren die Lebensmittelpreise um 3,1 Prozent gestiegen.

Preistreiber waren laut Handelsverband Deutschland (HDE) vor allem Fleisch, Fisch, Obst und Kaffee. Sicher ist, dass der knallharte Wettbewerb der Lebensmittelhändler in Deutschland auch 2013 dazu beitragen wird, die Preise nicht durch die Decke schießen zu lassen.

Wenn Aldi etwa bei Milch oder Butter die Preise senkt, ziehen die Konkurrenten automatisch innerhalb weniger Stunden nach – unabhängig davon, ob sie dann am Pfund Butter noch etwas verdienen oder nicht: Hauptsache, der Kunde geht nicht zur Konkurrenz!

Dieser Preiskampf führte auf der einen Seite dazu, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland schon seit langem so niedrig sind wie nirgends sonst in Europa. Auf der anderen Seite mussten in den vergangenen Jahren so viele kleine Händler aufgeben, dass inzwischen weit mehr als 80 Prozent des deutschen Lebensmittelhandels in der Hand der vier großen Ketten Aldi, Lidl/Kaufland, Edeka/Netto und Rewe sind.

Supermärkte drücken Hersteller an die Wand

"Wir haben im deutschen Lebensmittelhandel glücklicherweise Preiswettbewerb auf zwei Ebenen: zum einen den Preiskampf der Supermärkte und Discounter untereinander und gegen die Fachgeschäften sowie zum anderen den von bekannten Industriemarken gegen die Eigenmarken der großen Handelsketten. Daran wird sich wohl so bald nichts ändern", meint Berater Sonnenschein.

Was den Berater und viele Verbraucher freut, macht mittelgroßen Herstellern schwer zu schaffen. Ihrer Darstellung zufolge weigern sich Supermarktketten schlichtweg, drastische Rohstoffpreisanstiege von 20, 30 oder gar 40 Prozent zur Kenntnis zu nehmen.

"Die sagen einfach: Wenn Sie unseren Preis nicht akzeptieren, bestellen wir bei einem anderen Händler. Dabei spielt es inzwischen keine Rolle mehr, wenn Sie diesen Händler schon seit Jahrzehnten beliefern", heißt es.

Immer mehr Ware geht über Sonderangebote raus

Die aktuell niedrigen Preise würden die Kunden künftig mit einem Verlust an Auswahl bezahlen müssen, weil viele kleinere Hersteller wegen des Preisdrucks vom Markt verschwänden, befürchten die Mittelständler.

Genau diese Marktmacht der großen Handelsketten untersucht schon seit Monaten das Bundeskartellamt: Drücken die vier Mächtigen des Einzelhandels die tausenden kleinen und mittleren Herstellerunternehmen bei den internen Preisverhandlungen an die Wand?

Denn neben den relativ günstigen Dauerpreisen verkaufen die Händler immer mehr Ware über Sonderangebote – was die Geldbörsen der Kunden zusätzlich schont, aber den Herstellern nicht immer passt.

Die Kosten der Rohstoffe sind ein immer wichtiger werdendes Kriterium für die Preise am Lebensmittelregal: Hersteller-Vertreterin Eichner erwartet, dass die Rohstoffpreise in den nächsten Monaten leicht sinken werden, aber auf hohem Niveau bleiben.

Rohstoffkosten wirken sich unterschiedlich stark aus

Damit könnte die Teuerung von Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken von zuletzt gut drei Prozent leicht zurückgehen. "Dabei muss man aber sehen, dass der Anteil der Rohstoffkosten auf einzelne Produkte sehr unterschiedliche Einflüsse hat: bei Fleisch ist er deutlich höher als bei verarbeiteten Produkten wie Brötchen", so Eichner.

Denn bei Fleisch liegt der Anteil der Rohstoffkosten wegen des Futters bei bis zu 80 Prozent, bei Backwaren dagegen nur bei 40 Prozent. Stark gestiegene Getreidepreise müssen damit nicht zwangsläufig dazu führen, dass der Kuchen beim Bäcker deutlich teurer wird.

Die Entwicklung der Energiekosten dagegen dürfte bei allen Produkten dazu beitragen, dass die Preise auf Dauer steigen. Daneben wollen die Mitarbeiter der Herstellerfirmen auch noch mehr Geld: Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) fordert für die Mitarbeiter der Lebensmittelindustrie sechs Prozent mehr.

Im nächsten Jahrzehnt wird es wohl richtig teuer

Dass der Großteil dieser Zusatzbelastungen auf Dauer auf die Preise aufgeschlagen wird, dürfte sicher sein. Zu diesen speziell deutschen Aspekten der Preissteigerung kommen zahlreiche strukturelle Veränderungen des globalen Lebensmittelmarktes.

Vor allem werden die Preise getrieben durch das Bevölkerungswachstum, die umfangreiche Herstellung von Biosprit aus klassischen Nahrungsmittelpflanzen und den Hunger von asiatischen Boom-Staaten wie China oder Indien nach Nahrungsmitteln. In einigen Bereichen sieht man die Folgen dieser Entwicklung schon jetzt, etwa bei Milch.

Auch Naturkatastrophen oder Unruhen in Lieferstaaten spielen eine Rolle. "Es gibt eher zusätzliche Verunsicherungen durch den Einfluss möglicher Naturkatastrophen", sagt BVE-Frau Eichner.

Nach Schätzungen von OECD oder FAO sollen diese strukturellen Veränderungen innerhalb des nächsten Jahrzehnts die Rohstoffpreise für Nahrungsmittel am Weltmarkt um zehn bis 30 Prozent in die Höhe treiben. Und das wird man auch bei den Preisen in deutschen Supermärkten, Discountern und Bäckereien spüren.

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Marken- und No-Name-Produkte: Was steckt drin?

So entwickeln sich die Lebensmittelpreise
  • Experte

    Felix Jerschabek ist Experte für Rohstoffe und deren Preise beim Kölner Beratungsunternehmen Inverto. Er analysiert die Entwicklung von sechs Grundprodukten.

  • Weizen

    Der Weizenpreis stieg in diesem Jahr von 200 auf 260 Euro pro Tonne und lag damit knapp unter dem Allzeithoch von 280 Euro. Schlechte Ernten lösten den Anstieg aus. „Eigentlich hätte Mehl deshalb deutlich teurer werden müssen. Aber genau das Gegenteil passierte: Der Preis sank leicht“, sagt Felix Jerschabek. Als Grund sieht er den knallharten Wettbewerb der Mühlenunternehmen. Dass das auch 2013 so bleibt, ist seiner Meinung nach aber eher unwahrscheinlich: Und dann werden auch Tiefkühl-Pizzen teurer.

  • Eier

    „Bei Eiern erwarten wir 2013 eher leichte Preissenkungen, obwohl die Futterkosten für die Hühner weiterhin sehr hoch sind“, sagt Jerschabek. Dabei waren die Preise Anfang 2012 noch um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Denn die Erzeuger hatten die Hühnerhaltung aufgrund gesetzlicher Vorschriften umgestellt. Dabei sei es zu Kapazitätsengpässen gekommen. „Die werden derzeit behoben, so dass die Preise weiter sinken werden.“

  • Zucker

    Während die Zuckerpreise an den Weltbörsen stark schwanken, tut sich in der Europäischen Union fast nichts. „Die EU hat ihren Zuckermarkt weitgehend abgeschirmt. Die Volatilität auf dem Weltmarkt hat praktisch keine Auswirkungen.“ Preistreibend könnte eher etwas anderes wirken: Es gibt gar nicht so viel Zucker in der EU, wie die Industrie – insbesondere die Süßwarenhersteller – braucht. Das Zuckerregime läuft noch bis 2015 – erste Politiker machen sich bereits für eine Verlängerung bis 2020 stark. Die Bio-Spritproduktion zieht zudem große Mengen Zucker vom Markt ab.

  • Milch

    Bei Milch hat die steigende Nachfrage aus Asien drastische Folgen. Die Chinesen importieren alles, was sie bekommen können. Nach dem Milchpulverskandal vor drei Jahren vertrauen sie heimischen Produkten nicht mehr. „China steigerte seinen Import zuletzt um 20 Prozent, die Weltproduktion stieg aber nur um fünf Prozent. Das bedeutet, dass anderswo Märkte leergesaugt werden.“ Noch ist Milch in Europa billig. „Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass der Milchpreisanstieg auf Dauer über der allgemeinen Preissteigerung liegen wird.“ Diese Entwicklung wird sich auch auf Butter, Käse oder Joghurt übertragen.

  • Schweinefleisch

    Mitte 2012 war der Preis pro Kilo Schlachtfleisch auf das Rekordniveau von 1,80 Euro pro Kilo gestiegen, gleichzeitig wuchs die Nachfrage der Asiaten deutlich. Dennoch hat sich der Preis für Schweinefleisch bei uns bisher kaum erhöht. Denn: „Die Chinesen lieben Schweinerüssel, -ohren und andere Teile, die bei uns bisher allenfalls für das Hundefutter verwendet wurden.“ Das könnte allerdings dazu führen, dass nun wiederum das Hundefutter in Deutschland teurer wird. „Wir glauben wegen dieser neuen zusätzlichen Nachfrage aber nicht an Preissteigerungen bei Schweinefleisch im Jahr 2013.“

  • Kaffee

    „Für Kaffee erwarten wir wieder steigende Preise im Jahr 2013.“ Nach Werten um vier Euro pro Kilo Arabica Rohkaffee war der Preis zuletzt aufgrund guter Ernten auf 2,30 bis 2,40 Euro gefallen. „Jetzt allerdings hatten wir durch Stürme wie „Sandy“ Schäden an Kaffeelagern.“ Das werde den Preis wieder steigen lassen, aber nicht mehr auf das Niveau vor den jüngsten guten Ernten. „Auf dem Kaffeemarkt hat der Kunde allerdings so viel Auswahlmöglichkeit unter verschiedenen Preisklassen wie bei kaum einem anderen Produkt: Die Premiummarken sind bis zu zehnmal so teuer wie die Produkte beim Discounter.“ sl

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