24.12.12

Vermögensforscher

"Weihnachten ist das Fest der Geldscheinheiligkeit"

Vor allem unter dem Christbaum verfällt Deutschland dem ungezügelten Konsum, kritisiert der Vermögensforscher Thomas Druyen. Das Problem, sagt der Buchautor, durchzieht schon unser gesamtes Leben.

Foto: Getty Images
Geschenke im Überfluss. Schon Kinder frönen dem Konsumismus, kritisiert Vermögensforscher Thomas Druyen – gerade in der Weihnachtszeit
Geschenke im Überfluss. Schon Kinder frönen dem Konsumismus, kritisiert Vermögensforscher Thomas Druyen – gerade in der Weihnachtszeit

Auf Thomas Druyens Düsseldorfer Wohnzimmertisch steht ein üppig geschmückter Adventskranz, der fast den gesamten Tisch einnimmt. "Ein Geschenk, das ich schon vor sechs Jahren bekommen habe und seitdem verwende. Selbst die Kerzen sind nicht neu", betont Druyen.

Ihm ist es wichtig zu zeigen, dass er an Weihnachten nicht dem ungezügelten Konsum verfällt. Denn den kritisiert er scharf – als Erscheinungsform der "Scheinheiligkeit", gegen die er in seinem vor wenigen Wochen erschienenen Buch "Krieg der Scheinheiligkeit" wettert.

Druyens Kritik ist ein Rundumschlag: von Politikern, die internationalen Waffenhandel gestatten über Banken, die wissentlich Geld verzocken bis hin zur Wulff-Affäre.

Berliner Morgenpost: Herr Druyen, was verschenken Sie zu Weihnachten?

Thomas Druyen: Die Erwachsenen in unserer Familie schenken sich gegenseitig nichts, höchstens eine kleine Aufmerksamkeit. Meine Patenkinder bekommen etwas geschenkt, an Weihnachten geht es ja um ihre Freude. Aber im Grunde hasse ich auch bei Kindern diesen Konsumismus. In vielen Familien reißen die Kinder die Geschenke rauschhaft hintereinander auf.

Berliner Morgenpost: Sind Sie da nicht zu kulturpessimistisch? Die Kinder, die ich kenne, verstehen unter Weihnachten nicht nur Geschenke, sondern sehr wohl auch den Sinn dahinter.

Druyen: Das mag in vielen Fällen so sein. Ich glaube aber, dass in vielen Familien der Konsum absolut im Vordergrund steht. Der religiöse Werteverlust ist ja eindeutig: Die Probleme der großen Kirchen, der Rückgang der Gläubigen – das sind alles Tatsachen. Abgesehen vom religiösen Aspekt gibt es auch den gesellschaftlichen Werteverlust. Manche freuen sich übers Geben, die meisten aber übers Nehmen. Wir sollten uns beim Schenken wieder mehr darauf besinnen, dass Geben und Nehmen zusammengehören.

Berliner Morgenpost: Finden Sie es in Ordnung, wenn man sich gegenseitig einen Umschlag mit Geld schenkt?

Druyen: Nein, das ist pervers. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie hat bewiesen, dass Geld in unserer Wertschätzung als Geschenk an erster Stelle steht. Das beweist, wie sehr wir uns von inneren Werten verabschiedet haben, zugunsten des Mammons. Ich nenne das Geldscheinheiligkeit.

Berliner Morgenpost: Aber wenn man Geld schenkt, kann derjenige sich das Geschenk aussuchen, das er wirklich haben will – anstatt dass ich ihm etwas nach meinem Geschmack aufdrücke.

Druyen: Aber allein ein Geschenk auszusuchen, drückt doch aus, dass wir uns Gedanken machen. Wollen wir denn den christlichen Hintergrund des Festes komplett über Bord werfen? Geld und Konsum dominieren heute die Welt – und deshalb ist der Geldschein auch verschenkenswert geworden.

Berliner Morgenpost: Konsum ist doch nichts Schlechtes. Davon lebt die Wirtschaft.

Druyen: Wenn dieser Konsum aber auch unsere Wertesysteme bestimmt, sind wir verraten und verkauft. Weihnachten ist das einzige Fest, das auch seelische und private Ruhe bringen soll, Besinnlichkeit. Der Mensch geht in dieser Zeit traditionell in sein Inneres. Konsum ist aber nichts anderes, als permanent nach außen zu wandern. Auch Firmengeschenke zu Weihnachten haben oft etwas Scheinheiliges, sind im Grunde Kundenbindungsprogramme. Wollen wir diese Logik auch auf unsere Familien und Freunde ausdehnen?

Berliner Morgenpost: Was genau meinen Sie mit der Scheinheiligkeit, von der Sie schreiben? Oberflächlichkeit?

Druyen: Nein, das ist ein großer Unterschied. Oberflächlichkeit bedeutet, keinen Tiefgang zu haben. Scheinheiligkeit dagegen die Vortäuschung falscher Tatsachen.

Berliner Morgenpost: Wer scheinheilig ist, ist also böse?

Druyen: Nicht unbedingt, es gibt unterschiedliche Intensitäten von Scheinheiligkeit. Wenn ein Kind seiner Oma erzählt, es habe auf dem Zeugnis in Mathematik eine 3, obwohl es eine 5 hat, ist das zwar scheinheilig – das Kind stellt sich als erfolgreicher dar, als es ist – aber es steht keine böse Absicht dahinter. Die Schwelle der Harmlosigkeit ist da überschritten, wo andere wissentlich geschädigt werden. So wie in der Literatur bei Felix Krull, dem Hochstapler aus dem Roman Thomas Manns. Die schlimmste Scheinheiligkeit ist aber die, wo es systemisch wird.

Berliner Morgenpost: Wie sieht die aus?

Druyen: Denken Sie an die Fälle von Kindesmissbrauch durch kirchliche Repräsentanten oder gar innerhalb von Familien, wo nach außen hin alles vertuscht wird. Oder an die Entwicklungshilfe für Afrika: Wenn innerhalb von 20 Jahren zwei Billionen Euro dorthin überwiesen werden und sich die Geberländer auf die Schulter klopfen, wie toll das ist – obwohl wir wissen, dass viel Geld gar nicht angekommen, sondern auf irgendwelchen Despotenkontos gelandet ist, und obwohl die studierten einheimischen Wissenschaftler sagen: Hört auf damit, wir wollen das Geld gar nicht mehr – dann ist dieses Feiern von Philanthropie eine schlimme Scheinheiligkeit.

Berliner Morgenpost: Scheinheilig ist also, wer wider besseres Wissen handelt, um sich besser darzustellen, und dabei in Kauf nimmt, dass andere geschädigt werden?

Druyen: Ja, und an diesen Stellen wird es zuweilen schwerkriminell.

Berliner Morgenpost: Wo findet sich solche Scheinheiligkeit in der Wirtschaft?

Druyen: Die findet sich zum Beispiel, wenn Banken in einer unfassbaren Verantwortungslosigkeit Produkte auf den Markt werfen wie die Immobilienkredite in den USA – vorgeblich, um Menschen bei der Existenzführung zu helfen – und die Kunden nachher Pleite sind. Dabei muss jedem klar sein, dass jemand, der 750 Dollar im Monat zur Verfügung hat, sich kein Haus für 180.000 Dollar kaufen kann. Es war von Anfang an klar, dass der einzige Gewinner die Banken selbst sein würden. Die Politik ist mit Schuld, die diese systemrelevanten Banken erst ermöglicht hat. Ich denke, dass solch kalkuliertes Scheitern der anderen heute weltweit zum scheinheiligen Geschäftsgebaren vieler internationaler Unternehmen gehört.

Berliner Morgenpost: Sie beklagen in Ihrem Buch höchst unterschiedliche Probleme – von der massenhaften Vernichtung von Lebensmitteln über Waffenhandel bis zur Macht von Ratingagenturen. Ist es nicht eine zu starke Vereinfachung, all das mit "Scheinheiligkeit" zu erklären?

Druyen: Was wäre die Alternative? Einiges davon geht eher in Richtung Arglist, anderes in Richtung Heuchelei oder Kriminalität, alles zentrale Sünden der Menschheit. Scheinheiligkeit ist der Oberbegriff für einseitige Vorteilsnahme und gnadenlosen Egoismus. Auch, wenn diese in der Realität unter ganz anderen Namen stattfinden.

Berliner Morgenpost: Aber nimmt das alles tatsächlich zu? Schlechtes in der Welt gab es schon immer.

Druyen: Ich glaube, dass die Scheinheiligkeit seit einigen Jahren Hochkonjunktur hat und die Wurzel an bestimmten historischen Daten festzumachen ist. Ein Beispiel: Als der US-Präsident Nixon 1971 die Golddeckung des Dollars freigegeben hat, hat er damit auch eine materielle Scheinheiligkeit beschlossen. Das war eine Initialzündung für das, was wir heute an Eskalationen auf den Finanzmärkten sehen. Oder wenn ein Staat die durch politisches Versagen geschaffenen Schulden auf seine Bevölkerung übertragen will und massenhaft Geld druckt. Dann dient die daraus entstehende Inflation in erster Linie Politikern und nicht dem Volk. Und das ist wiederum scheinheilig. Deshalb sage ich: Noch nie gab es eine solche vorsätzliche und globale Scheinheiligkeit, die eine solche Größenordnung angenommen hat.

Berliner Morgenpost: Auch welche Firma und welche Branche trifft das denn noch zu?

Druyen: Das zieht sich durch das gesamte öffentliche und wirtschaftliche Leben. Nehmen Sie den Organhandel, bei dem aus Profitgründen reiche Empfänger bevorzugt wurden. Oder die Altenpflege, wo jeder Politiker weiß, dass alte Menschen und die sie Pflegenden in den Heimen leiden, weil wir wegsehen und nicht bereit sind, Geld in eine bessere Pflege zu investieren. Aber auch die ganze Seifenoper um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff war ein Spektakel der Scheinheiligkeit.

Berliner Morgenpost: Herr Wulff hat doch niemandem wissentlich geschadet.

Druyen: Persönlich steht es mir nicht zu, hier Urteile zu fällen. Das Thema und seine Behandlung waren aber insgesamt ein Biotop der Scheinheiligkeit. Herr Wulff hat wahrscheinlich etwas falsch gemacht und es nicht zugegeben. Er war aber nicht Assistenztrainer bei einem Fußballclub, sondern Bundespräsident, musste also andere moralische Maßstäbe erfüllen. Insgesamt haben sich zu viele in die Diskussion eingeschaltet und auch davon profitiert. Nicht zuletzt die Medien.

Berliner Morgenpost: Wie meinen Sie das?

Druyen: Teilweise ist man völlig überzogen auf den Mann losgegangen – vorgeblich, um einen Skandal aufzudecken. Tatsächlich aber auch in der kalkulierten Absicht, selbst von diesem Spektakel zu profitieren. Und dann kam noch Bettina Wulff, die, wahrscheinlich von Einflüsterern überzeugt wurde, ihren Senf in Form eines Buchs dazu gegeben hat.

Berliner Morgenpost: Sie selbst bewegen sich auch in dieser Medienwelt. Über Sie wird in der "Bunte" und der "Bild" berichtet, und Sie sind von Medien abhängig, und müssen sie nutzen, um Ihr Buch verkaufen zu können. Ist das nicht auch schon scheinheilig?

Druyen: Dass ich manchmal in Unterhaltungsmedien Gegenstand der Berichterstattung war, hat mit dem prominenten Teil meines Lebens zu tun, damit, dass ich viele Jahre mit Jenny Jürgens verheiratet war. Ich selbst gebe aber keine Interviews über mich privat. Wenn geschrieben wird, dass meine Ehefrau mich verlässt, halte ich das für keine Botschaft, die die Welt braucht. Das hat aber nichts mit meinen Büchern zu tun. Ich hätte auch jetzt für meine neue Veröffentlichung Prominente bitten können, mit mir das Buch gemeinsam vorzustellen, um mehr Öffentlichkeit zu erzeugen. Darauf habe ich aber überzeugt verzichtet.

Berliner Morgenpost: Warum?

Druyen: Weil ich diese Form der Scheinheiligkeit ablehne. Trotzdem ist das, was Sie ansprechen, ist ganz wichtig: Meine eigene Scheinheiligkeit war im Grunde der Auslöser, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Ich habe vieles bei mir selbst festgestellt, das mich immer mehr an mir selbst gestört hat. Zum Beispiel, wenn ich berühmte Persönlichkeiten kennengelernt habe, etwa aus der Politik, und der Mystik dieser Prominenz erlegen bin, anstatt zu meiner Meinung zu stehen.

Berliner Morgenpost: Wo soll ich als Bürgerin und Wählerin ansetzen, wenn ich zum Jahreswechsel über Scheinheiligkeiten in meinem eigenen Leben nachdenke?

Druyen: Weniger Selbstentlastung. Ein Beispiel: Vor ein paar Wochen haben wir uns alle aufgeregt über die unerträglichen Vorgänge in Syrien. Dann kam ein neuer Konflikt zwischen Israel und Palästina auf, und plötzlich haben wir an Syrien einfach nicht mehr gedacht. Genau wie wir an afrikanische Länder nicht denken, in denen jedes Jahr Tausende von Kindern sterben.

Berliner Morgenpost: Aber das Verdrängen von Konflikten hängt doch – zumindest bei den meisten Menschen – nicht mit Desinteresse zusammen, sondern damit, dass unser Fassungsvermögen begrenzt ist.

Druyen: Ja natürlich, wir sind überbelastet, unser Gehirn kann die globale Komplexität kaum fassen. Nur: Vor diesem Hintergrund sind Neujahrsansprachen, in denen Regierungschefs und Staatspräsidenten von Weltfrieden sprechen, unerträglich. Die Politik spielt mit uns "Die Kinder von Bullerbü".

Berliner Morgenpost: Und was ist Ihre Lösung?

Druyen: Das Gute ist nicht das, was wir versprechen, sondern das, was wir halten. Ich nenne das Konkrethik. Danach sollten wir handeln. Gerade Finanzindustrie, Politik und Wirtschaft müssen zurück zu einem gesunden Menschenverstand kommen.

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Thomas Druyen
  • Vermögensforscher

    Professor Thomas Druyen ist in der Öffentlichkeit vor allem durch sein Buch „Goldkinder – die Welt des Vermögens“ bekannt geworden. Für seine Forschung interviewte er weltweit Reiche und Superreiche.

  • Lehrstuhlinhaber

    Druyen lebt in Düsseldorf und ist Direktor des Instituts für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Damit ist Druyen der europaweit einzige Lehrstuhlinhaber zur Soziologie der Reichen, weshalb er häufig in Zeitungs- und Fernsehberichten zitiert wird.

  • Klatschpresse

    Über Druyen wird häufiger auch in der Klatschpresse berichtet, weil er mit Jenny Jürgens, der Tochter von Udo Jürgens, verheiratet war. Sein aktuelles Buch heißt: „Krieg der Scheinheiligkeit. Plädoyer für einen gesunden Menschenverstand“ (Maxlin Verlag 2012).

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