23.12.12

DB-Manager

"Absolute Sicherheit auf Bahnhöfen gibt es nicht"

Nach dem Bombenfund in Bonn streitet die Politik über die Konsequenzen. Der Sicherheitschef der Bahn macht klar: "Die Bekämpfung des Terrorismus kann nicht in deutschen Bahnhöfen stattfinden."

Von Nikolaus Doll
Quelle: Reuters
12.12.12 1:47 min.
Nach dem Fund eines Sprengsatzes auf dem Bonner Hauptbahnhof suchen die Ermittler eine zweite Person. Sie veröffentlichten ein Video aus einer McDonald's-Filiale, auf dem der Verdächtige zu sehen ist.

Kaum hatten die Sicherheitskräfte im Bonner Hauptbahnhof die Lage erfasst, summte bei Gerd Neubeck in Berlin das Handy. Die SMS und die E-Mail, die bei ihm eingingen, hatten denselben Text: "Herrenlose blaue Nylontasche an Gleis1".

Wichtige Nachrichten erhält der Sicherheitschef der Deutschen Bahn (DB) immer auf zwei Wegen. Neubeck bekommt jeden Tag unzählige Nachrichten dieser Art. "Es sah nach einer Routineangelegenheit aus – bis klar war, dass der Koffer gesprengt werden muss", sagt Neubeck.

Die verdächtige Tasche, die am Montag vergangener Woche entdeckt wurde, enthielt tatsächlich einen Sprengsatz, nur aufgrund von Baufehlern ist sie nicht explodiert. "Wir haben einfach Glück gehabt."

Streit und Gezänk

Darauf werden sich die Deutschen weiter verlassen müssen. Denn seit dem Bonner Bombenalarm ist praktisch nichts geschehen, was das Land sicherer gemacht hätte. Im Gegenteil. Die Bundespolizei konzentriert sich darauf, das Sicherheitsmanagement der Bahn zu kritisieren. Politiker streiten darüber, ob man den öffentlichen Raum mit Videokameras überziehen soll. Und alle zanken, wer das am Ende bezahlt.

Immerhin hat die Bundespolizei angekündigt, man überprüfe "die vorhandenen polizeifachlichen Konzepte zur Thematik der Videoüberwachung". Nach den haltlosen Vorwürfen gegenüber der Bahn, sie habe ihre Kameras nicht im Griff, steht die Truppe unter Druck. "Die Arbeitsteilung von Polizei und Bahn bei der Videoüberwachung soll überdacht und neu geregelt werden", sagt eine mit den Vorgängen vertraute Person.

Ziel ist es, flexibler und schneller reagieren zu können. Ende Januar soll ein Abkommen unterzeichnet werden. Die Frage ist nur: Bedeuten mehr Kameras höhere Sicherheit? "Ja", sagen dazu offenbar vier von fünf Deutschen. In einer Umfrage von Infratest dimap für die ARD sprachen sich 81 Prozent der Befragten für mehr Videoüberwachung an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen aus. 18 Prozent lehnten eine Ausweitung ab.

Vom eigentlichen Problem ablenken

"Nein", sagt DB-Sicherheitschef Neubeck. Er hält ein dichteres Kameranetz für Aktionismus, der vom eigentlichen Problem ablenke. Namhafte Politiker versprechen sich davon ein wirksames Instrument gegen Kriminalität. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) forderte kurz nach dem Bonner Bombenalarm eine "effizientere Videobeobachtung und Videoaufzeichnung auf öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen."

Sein Amtskollege in Niedersachsen, Uwe Schünemann (CDU), will gar eine flächendeckende Videoüberwachung auf Bahnhöfen. Und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) polterte: "Der Fall Bonn zeigt, dass es nicht reicht, nur an zentralen Bahnhöfen Aufzeichnungsgeräte mitlaufen zu lassen." Die 6500 Kameras, mit denen die Bahn ihre Anlagen überwacht, sollen der Kern für eine nahezu lückenlose Abdeckung sein.

Die Forderungen der Minister einfach abzutun wäre voreilig, immerhin werden die von den Sicherheitsbehörden beraten. Doch auch die Stimme eines Gerd Neubeck hat Gewicht: Er war vor seinem Job bei der Bahn Vizepolizeipräsident von Berlin, Richter und für Tötungsdelikte zuständiger Oberstaatsanwalt.

"Kameras verhindern keine Straftaten"

Bahn-Chef Rüdiger Grube hütet sich davor, den Granden der Regierungsparteien öffentlich eine Abfuhr zu erteilen. Dabei warnt sein Sicherheitsexperte vor übertriebenen Erwartungen: "Kameras können bei der Aufklärung helfen, aber sie sind kein geeignetes Mittel, Straftaten zu verhindern", sagt Neubeck. "Betrunkene oder Menschen, die im Affekt handeln, achten nicht darauf, ob es eine Videoüberwachung gibt. Und vorsätzlich Kriminelle vermummen sich oder umgehen die Überwachungsinstrumente."

Was die Bundespolizei in der Vergangenheit an Kamerabildern angefordert habe, sei ihr zur Verfügung gestellt worden, sagt Neubeck. "Wir würden auch weitere Kapazitäten aufbauen. Und falls gewünscht, werden die Mitschnitte der Videokameras von allen deutschen Bahnhöfen auch gespeichert."

Technisch sei das möglich. "Ich fürchte nur, wie das Beispiel London zeigt, dass wir Fanatiker damit von ihren Plänen nicht abhalten können. Die freuen sich sogar, wenn Videobilder ihrer Taten in der ganzen Welt verbreitet werden", meint der Sicherheitschef der Bahn. "Wahr ist leider: Es gibt keine absolute Sicherheit."

Naive Vorstellung

Beinahe naiv findet Neubeck die Vorstellung, entschlossene Täter wie Terroristen dingfest machen zu können, wenn sie zur Tat schreiten: "Die Bekämpfung des Terrorismus kann nicht in deutschen Bahnhöfen stattfinden. Das Problem muss man an der Wurzel angehen, dort, wo die Ursachen liegen."

Da das weit jenseits der Möglichkeiten deutscher Sicherheitspolitiker liegt, konzentrieren die sich auf die Forderung, mehr zu filmen – und beschwören eine Diskussion darüber herauf, wer die Kosten trägt.

Weitet man die derzeitige Praxis aus, müsste die Technik aufgerüstet und das Personal aufgestockt werden. Das kostet Millionen. Die Bundespolizei sieht auch die Bahn in der Pflicht: "Es gibt so etwas wie unternehmerische Sicherheitsvorsorge", heißt es in der Zentrale in Potsdam.

Der Bahn-Sicherheitschef kontiert: "Das Verhindern von Straftaten ist Sache der Polizei. Die Bahn kann sie dabei unterstützen, was sie auch macht. Und wer die Zuständigkeit für eine Aufgabe hat, trägt in erster Linie auch die Kosten."

Frage nach der Wirksamkeit

Doch selbst bei einer Einigung im Kostenstreit stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit. Experten wissen, dass man Checks wie an Flughäfen einführen müsste, um Bomben auf Bahnhöfen zu verhindern. Das wäre angesichts von 5400 Haltepunkten im Land eine Mammutaufgabe.

"Sicherheitskontrollen bei der Bahn, wie es sie in der Luftfahrt gibt, sind völlig unrealistisch, selbst im Fernverkehr. Im Grunde müssten wir dann solche Kontrollen schon beim Betreten eines Bahnhof oder einer S-Bahn-Station durchführen. Ein geregelter Zugverkehr wäre unter solchen Umständen kaum vorstellbar", weist Neubeck entsprechende Forderungen zurück. "Es ist unmöglich, den gesamten Schienenverkehr zu überwachen. Wir befördern jeden Tag 7,5 Millionen Menschen, so viel wie die Lufthansa in einem Jahr. Allein in den Hamburger Hauptbahnhof kommen jeden Tag etwa 450.000 Menschen."

Bahn rüstet auf

Allerdings dürfte der Bahn klar sein, dass die Menschen nach Vorfällen wie in Bonn ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis haben – wo doch schon an normalen Abenden manch dunkler Bahnhof wenig vertrauenerweckend wirkt. Zwar weisen Grubes Manager die Einschätzung, auf Bahnanlagen komme es häufiger als außerhalb zu Übergriffen, als falsch zurück.

"In Zügen und auf Bahnhöfen unterwegs zu sein ist weniger gefährlich, als sich sonst wo im öffentlichen Raum zu bewegen, zum Beispiel auf dem Weg von und zur U-Bahn", sagt Neubeck. Das zeige die Statistik: "Wir haben im Schnitt vier Fälle von Körperverletzungen im Bahnverkehr pro Tag, bei 7,5 Millionen Passagieren. In einer Stadt wie Berlin mit 3,4 Millionen Einwohnern ereignen sich täglich etwa 110 entsprechende Delikte."

Dennoch rüstet die Bahn ihren Sicherheitsapparat auf. 3700 Security-Mitarbeiter sind derzeit im Einsatz, 500 mehr als vor zwei Jahren. Das jährliche Budget liegt bei 160 Millionen Euro. " Wir haben einiges getan, um die Sicherheit zu erhöhen, und wir werden noch mehr tun. Wir wollen unsere Kräfte bündeln und noch zielgerichteter an kritischen Schwerpunkten einsetzen: auf bestimmten Strecken und Bahnhöfen in den Nachtstunden, an den Wochenenden, auf den Hin- und Rückwegen großer Veranstaltungen", verspricht Neubeck.

Im Fall des Bonner Hauptbahnhofs hat die Bahn die Verhandlungen mit der Bundespolizei nicht abgewartet. Seit dem Bombenfund werden die Gleise gefilmt und die Bilder gespeichert. Auf Bahn-Kosten. Vorerst.

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