22.12.12

Deutsche-Bank-Razzia

Als der "nette" Herr Fitschen seine Unschuld verlor

Auf die zweite Razzia hat Jürgen Fitschen besonnener reagiert. Bei der Deutschen Bank ist er unumstritten. Doch die Kritik von außen zeigt, wie wenig Managern in Wahlkampfzeiten verziehen wird.

Von Sebastian Jost
Quelle: Reuters
14.12.2012 2:24 min.
Schwarzer Advent für die Deutsche Bank: Die Frankfurter müssen nach zahlreichen Rückschlägen in den letzten Tagen nun auch noch den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch Schadenersatz zahlen.

Wenigstens fehlten diesmal der Hubschrauber und die schweren Schusswaffen. Den gelben Zettel hatten die Staatsanwälte, die am Mittwoch in der Eingangshalle der Konzernzentrale auftauchten, aber dabei: einen Durchsuchungsbeschluss. Schon wieder. Diesmal von der Münchner Justiz.

Die Bank nahm das Prozedere fast gleichmütig auf, kein Wehklagen über das Vorgehen war zu hören – anders als eine Woche vorher, als im Auftrag der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main 500 Beamte die Zwillingstürme an der Taunusanlage durchkämmten. Doch selbst wenn die Münchner Ermittler ähnlich rabiat vorgegangen wären, eines hätte sich Co-Bankchef Jürgen Fitschen bestimmt verkniffen: einen Anruf bei Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU).

Fitschen greift gern selbst zum Telefon

"Er hat in den vergangenen Tagen sehr viel dazugelernt", sagen Menschen, die ihn gut kennen. Die Ereignisse hätten Fitschen verändert. Die Frage ist, ob diese Veränderung wirklich im Sinne derer ist, die ihn zuletzt kritisierten.

Fitschen passt nicht ins gängige Schema eines Deutsch-Bankers. Bisher war er die Inkarnation des unprätentiösen Managers. Authentisch und geradeheraus. So einer greift direkt selbst zum Telefon, wenn ihm etwas nicht gefällt. So wie er es vergangene Woche tat, als die aus seiner Sicht übertriebene Aktion der Staatsanwälte für Negativschlagzeilen sorgte.

Doch sein Anruf beim hessischen Landeschef Volker Bouffier (CDU) brachte ihm einen Proteststurm ein, wie ihn zwar Deutsche-Bank-Chefs schon oft genug, Fitschen selbst aber nie erlebt hat. Der Sturm sagt viel über die Ansprüche aus, die die Öffentlichkeit heute an Topmanager stellt. Darüber, wie es um das Verhältnis dieses Spitzenpersonals zur Politik bestellt ist. Und darüber, was im Wahlkampfjahr 2013 noch an Empörungswellen zu erwarten sein dürften.

Dass Deutsche-Bank-Chefs ein verbales Stahlgewitter durchmachen müssen, ist nicht neu. Unvergessen sind der Peanuts-Vergleich von Hilmar Kopper oder das Victory-Zeichen von Josef Ackermann. Doch Jürgen Fitschen schien bislang nicht in die Buhmannrolle zu passen. Innerhalb der Bank wurde er häufig als "netter Kerl" tituliert, was unter testosterongeladenen Investmentbankern nicht nur als Kompliment zu verstehen ist.

Doch gerade deswegen sah man Fitschen als richtigen Chef in der jetzigen Zeit. Dem gelernten Groß- und Außenhandelskaufmann ist der Dünkel der noblen Chefetagen fremd. Er sei immer der nette Junge von nebenan geblieben, sagen sie über ihn in seinem Heimatdorf Hollenbeck in Niedersachsen. Dort hat er sich ein Haus für seine wenigen freien Wochenenden gebaut, dort plaudert er noch immer zwanglos mit den Bauern in der Nachbarschaft, und zwar auf Platt.

Bank gefilzt wie eine Räuberhöhle

Sein Talent, auf Menschen zuzugehen, begründete auch seinen beruflichen Erfolg. Fitschen ist kein Aktenfresser und kein Zahlengenie. Er ist vor allem ein brillanter Netzwerker. Einer, der das Vertrauen von Unternehmern oder Finanzministern gewinnen kann. Einer, der mit dem Handy managt. Am liebsten ohne Umwege über Vorzimmerdamen.

Fitschen wurmten die Bilder von den Hunderten Polizisten und Staatsanwälten, die seine Bankzentrale filzten wie eine Räuberhöhle. Und weil er den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier als obersten Dienstherrn der Beamten kennt, tat er das, was er schon oft getan hat: anrufen und die Sache thematisieren. Ohne viel darüber nachzudenken, so versichert man in seinem Umfeld. Weil er es für ganz normal hielt.

Doch Fitschen ist nicht mehr irgendein Vorstand. Er ist nun der Chef der größten und umstrittensten Bank des Landes. Und er ist selbst beschuldigt. Damit war der Anruf für Bouffier alles andere als normal.

Er hätte für ihn sogar gefährlich werden können, falls die Ermittlungen gegen Fitschen im Sande verlaufen sollten – und später das Gespräch mit dem Ministerpräsidenten bekannt würde. Deshalb beschied Bouffier, der auf eine Landtagswahl im Herbst 2013 zugeht, Fitschen nicht nur, dass er der Staatsanwaltschaft nicht hineinrede. Er sorgte auch dafür, dass alle Welt von seiner korrekten Haltung erfuhr.

Empörungswelle über das Telefonat

Es ist fast schon paradox. Seit dem Wechsel an die Deutsche-Bank-Spitze im Juni war es stets Co-Chef Anshu Jain gewesen, der in der Kritik stand. Weil viele der Altlasten, die die Bank umtreiben, aus seiner Investmentbanking-Sparte stammen. Fitschen war ihm auch an die Seite gestellt worden, um die deutsche Öffentlichkeit zu befriedigen und nicht zuletzt ein gutes Verhältnis zur Politik zu pflegen. Nun leistet sich ausgerechnet er den ersten Fehltritt. Weil er trotz seiner neuen Rolle der Alte bleiben wollte. Und sich nicht vorstellen konnte, dass aus beruflichen Freunden plötzlich schärfste Gegner werden könnten.

Schließlich befindet sich Deutschland bereits im Wahlkampfmodus, und spätestens seit der Nominierung des Bankenkritikers Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat ist klar, dass die Kreditwirtschaft ein wichtiges Thema der kommenden Monate sein wird. Entsprechend überboten sich Politiker aller Couleur darin, auf Fitschen und seine Bank einzuprügeln.

Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) nannte das Bouffier-Telefonat "unglaublich", der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel forderte Fitschen indirekt zum Rücktritt auf, und Grünen-Politiker Jürgen Trittin rief gleich nach einer Zerschlagung der Deutschen Bank. Selbst der Bundesverteidigungsminister meldete sich zu Wort. Und der Richterbund unterstellte Fitschen gar, er missachte die Unabhängigkeit der Justiz und die Gewaltenteilung an sich.

"An der Grenze des rechtlich Zulässigen"

Die Empörung trieb Blüten, die Fachleute nur noch den Kopf schütteln lassen. "Es handelt sich in keiner Weise um einen Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz", sagt Brun-Hagen Hennerkes, bekannter Rechtsanwalt und Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Das Recht der Staatsanwaltschaft, einzugreifen, habe niemand bestritten, dasselbe gelte für die gerichtliche Anordnung der Durchsuchung.

Es sei bei Fitschens Anruf nicht um das Ob, sondern um das Wie gegangen, sagt Hennerkes. "So wie jeder Bürger hat auch eine Großbank das Recht, ein unmäßiges Auftreten der Strafverfolger zu kritisieren." Aus seiner Sicht bewegt sich das Vorgehen der Ermittler bei der Bank "an der Grenze des rechtlich Zulässigen". "Derartige Großeinsätze kommen einer Vorverurteilung gleich, obwohl die gerichtliche Klärung noch völlig offen ist."

An Fitschens Position als Bankchef sollte aus Hennerkes' Sicht keinesfalls gerüttelt werden. Für Familienunternehmen zähle nicht die Qualität der Leistung allein, hinzukommen müsse persönliches Vertrauen. "Kaum jemand aus der Bankenwelt genießt dies in so hohem Maße wie Jürgen Fitschen."

Intern steht der Bankchef kaum in der Kritik. So manchen Mitarbeiter frustriert zwar die öffentliche Dauerkritik an der Bank, doch einstweilen schart man sich in einer gewissen Wagenburgmentalität eher hinter der eigenen Führung. Als Fitschen sich nach der Razzia in einer emotionalen Ansprache an die Deutschbanker wandte, hätten manche Tränen in den Augen gehabt, so ist zu hören. Und unter den Eigentümern der Bank herrscht vor allem eines: Gelassenheit.

"Außerhalb Deutschlands ist diese Aktion der Staatsanwaltschaft überhaupt kein Thema", sagt der Manager einer Fondsgesellschaft, die zu den größten Aktionären des Instituts gehört. "In London lächelt man eher darüber, dass die übergründlichen Deutschen gleich mit 60 Polizeiautos anrücken."

Ein anderer Investor hält zwar Fitschens Anruf bei Bouffier für unklug, käme aber nicht auf die Idee, ihn deshalb infrage zu stellen. "Bei der Deutschen Bank ist mit Jain und Fitschen endlich ein neuer Zug reingekommen, Probleme wie die zu hohen Kosten werden angepackt", sagt er. Dieser Kurs solle fortgeführt werden.

Der Weg zum rundgeschliffenen Manager

Fitschen wird das gern hören. Ebenso wie die Rückendeckung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Ende der Woche. Aber er hat erkannt, dass er das Spiel mitspielen muss, das die Öffentlichkeit von einem Deutsche-Bank-Chef erwartet. Er hat sich entschuldigt – wenn auch nicht für den Anruf selbst, sondern nur für den Eindruck, er habe die Unabhängigkeit der Justiz missachtet.

Und er wird künftig genau abwägen, was er sagt und tut. Wird auf Berater hören. Und so wohl etwas weniger authentisch auftreten und näher an die vorsichtigen, rundgeschliffenen Manager heranrücken, die darauf bedacht sind, nirgends anzuecken.

Immerhin einmal traute sich der Bankchef noch, mit seinem Bouffier-Anruf zu kokettieren. Er sei etwas heiser, entschuldigte er sich bei einem Auftritt am Montagabend. "Ich musste häufig telefonieren." Dass Fitschen für diesen Spruch nicht auch noch öffentlich zerrissen wurde, ist ein Hoffnungszeichen.

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Systemrelevante Banken
  • Definition

    Systemrelevante Banken, deren Pleite das gesamte Finanzsystem erschüttern kann („too big to fail“), sollen nach dem Willen der Regulierer an eine besonders kurze Leine kommen. Die größten und wichtigsten Banken – im Fachjargon G-SIBs (global systemically important banks) genannt – müssen von 2016 an noch schärfere Kapitalanforderungen erfüllen als alle anderen Banken. Außerdem müssen sie schon in den nächsten Monaten einen Plan aufstellen, wie sie in einer existenzbedrohenden Krise ohne Schaden für das Finanzsystem wieder auf die Beine kommen oder abgewickelt werden können – also quasi ein „Testament“ machen.

  • G-SIBS

    Aus Deutschland steht nur noch die Deutsche Bank auf der vorläufigen Liste von 28 Banken, aus der Schweiz die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse. Die Commerzbank ist nach ihrem Schrumpfkurs aus der Liste der global systemrelevanten Banken herausgefallen.

    Die 28 Banken sind je nach ihrer Bedeutung für das globale Finanzsystem in vier „Körbe“ eingeteilt, in denen sie Kapitalaufschläge von 2,5, 2,0, 1,5 und 1,0 Prozent erhalten sollen – zusätzlich zu den sieben Prozent Grundkapital und Gewinnrücklagen, die alle Institute aufbauen müssen.

  • Körbe

    Korb 4 (2,5 Prozent): Citigroup (USA), Deutsche Bank, HSBC (Großbritannien) und JP Morgan Chase (USA).

    Korb 3 (2,0 Prozent): Barclays (Großbritannien), BNP Paribas (Frankreich).

    Korb 2 (1,5 Prozent): Bank of America, Bank of New York Mellon, Goldman Sachs, Morgan Stanley (beide USA), UBS, Credit Suisse (beide Schweiz), Royal Bank of Scotland (Großbritannien), Mitsubishi UFJ (Japan).

    Korb 1 (1,0 Prozent): Bank of China (China), BBVA (Spanien, neu), Banque Populaire CdE, Credit Agricole, Societe Generale (alle Frankreich), ING Bank (Niederlande), Mizuho, Sumitomo Mitsui (alle Japan), Nordea (Schweden), Santander (Spanien), Standard Chartered (Großbritannien, neu), State Street, Wells Fargo (beide USA), Unicredit (Italien).

    Nicht mehr auf der Liste: Lloyds (Großbritannien), Dexia (Belgien) und Commerzbank.

  • Sonderregeln

    Nach Basel III müssen alle Banken künftig mehr als dreimal so viel hartes Eigenkapital vorhalten wie bisher. Das ist den Aufsehern aber noch nicht genug. Sie sehen in sehr großen und weltweit vernetzten Geldhäusern ein besonderes Risiko, das unter Kontrolle gehalten werden soll. Paradebeispiel ist die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren – damals erreichte nicht nur die Finanzkrise ihren Höhepunkt, weil quasi als Dominoeffekt immer mehr Banken in Schieflage gerieten. Auch die Weltwirtschaft glitt in die Rezession ab.

  • Kriterien

    Banken sollen nie mehr „too big to fail“ sein – so groß, dass sie sich darauf verlassen können, in einer Existenzkrise vom Staat gerettet zu werden, weil sonst das Finanzsystem ins Wanken geraten würde. Denn in diesem Bewusstsein könnten sie bedenkenlos Risiken aufnehmen. Als Kriterien für „G-SIBs“ haben die Aufseher Größe, Vernetzung, Mangel an Ersetzbarkeit, Internationalität und Komplexität festgelegt und diese nach einem Punktesystem bewertet. Doch in der Realität ist das schwer fassbar. Andererseits: Regulierer sind sich auch ohne Rangliste sicher, wer dazu gehört.

  • Überprüfung

    Bis die Kapitalregeln in Kraft treten, kann sich daran noch einiges ändern. Banken können schrumpfen oder wachsen. Erst Ende 2014 wird die endgültige Liste der G-SIBs festgelegt. Doch auch danach ist sie nicht in Stein gemeißelt. Die Aufseher wollen sie einmal im Jahr überprüfen und veröffentlichen und damit Anreize schaffen, dass Banken weniger riskant werden. Übrigens: Hätte es die Regeln schon 2008 gegeben, Lehman hätte nicht auf der Liste gestanden.

  • Testamente

    Zunächst müssen sie nur ihr „Testament“ aufsetzen. Ab 2016 wird zudem der SIB-Zuschlag auf das Eigenkapital verlangt – in verschiedenen Abstufungen. Um das Polster aufzubauen, haben sie bis Anfang 2019 Zeit. Bläht sich eine Bank noch stärker auf, drohen die Regulierer sogar mit einem Aufschlag von 3,5 Prozent.

  • Unterschiede

    Am stärksten werden nach der bisherigen Rangliste Universalbanken belastet, die ein großes Einlagengeschäft haben und zugleich Investmentbanking betreiben. Reine Investmentbanken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley kommen mit einem kleineren Aufschlag davon. Von ihrer Pleite wären – wenigstens direkt – keine Kleinsparer betroffen.

  • Vor- und Nachteile

    Höhere Eigenkapitalquoten verteuern das Geschäft für Banken – ein klarer Nachteil. Andererseits dürften SIBs wegen ihrer Kapitalkraft das größte Vertrauen der Investoren genießen. Das macht die Refinanzierung für sie billiger und treibt ihnen im Einlagengeschäft Kunden zu, weil sie nicht um die Existenz der Bank bangen müssen. Doch geschützt werden sollen nur die Sparer – für die Banken selbst soll ein Mechanismus geschaffen werden, wie sie schadlos abgewickelt werden können. Daran arbeiten Regulierer und Politiker fieberhaft.

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