22.12.12

Quelle-Erbin

Wie naiv ist Madeleine Schickedanz wirklich?

Die Erbin des Versandhauses Quelle versucht, ihre Finanzberater für ihre Milliardenverluste zur Verantwortung zu ziehen. Das Bild der ahnungslosen Kundin dürfte vor Gericht jedoch wenig Bestand haben.

Von Hagen Seidel
Foto: Andre Laame

Madeleine Schickedanz kämpft vor Gericht um ihr verlorenes Milliardenerbe
Madeleine Schickedanz kämpft vor Gericht um ihr verlorenes Milliardenerbe

Es kommt nicht sehr häufig vor, dass eine Privatperson vor einem deutschen Gericht 1,9 Milliarden Euro einzuklagen versucht. Und dabei ist die Riesensumme nicht einmal das Einzige, was außergewöhnlich istim jüngsten Akt des Dramas um Madeleine Schickedanz.

Die Erbin des Versandhauses Quelle und einstige Mehrheitsaktionärin des Handelskonzerns Arcandor versucht jetzt, sich einen Teil ihres verlorenen Vermögens von jenen zurückzuholen, die es eigentlich hatten sichern und mehren sollen. Gleich gegen 14 frühere Berater und Geschäftspartner zieht die 69-jährige Fränkin juristisch zu Felde.

Aktienkauf auf Pump

Die 14 – neben dem Bankhaus Sal. Oppenheim und einigen seiner ehemaligen Besitzer vor allem Immobilien-Unternehmer und Finanzverwalter Josef Esch – sollen Schickedanz nach ihrer Darstellung immer wieder zu neuen Aktienkäufen bei KarstadtQuelle/Arcandor gedrängt haben, ohne sie über die Risiken aufzuklären.

Und diese Risiken waren hoch – denn die Frau kaufte die Aktien auf Pump. Dabei gehören derlei Spekulationen mit geliehenem Geld zum Gefährlichsten, worauf man sich am Finanzmarkt überhaupt einlassen kann.

Denn wenn der Aktienkurs sinkt und die Kredite mit den Papieren gesichert sind, reicht diese Besicherung plötzlich nicht mehr aus – und die komplette Konstruktion bricht zusammen. Und genau das ist bei Schickedanz passiert, als Arcandor in die Insolvenz stürzte.

Schadenfreude und Häme

Vom einstigen Milliardenvermögen ihrer Eltern Gustav und Grete blieb nicht viel übrig, auch wenn sich munter Gerüchte über ein paar verbliebene Millionen halten. Daran leidet die Tochter sehr – vermutlich noch stärker als an der Schadenfreude und Häme, die ihr seit Jahren in der Öffentlichkeit entgegenschlägt. Erstmals geht sie, die Zurückhaltende, in die Offensive. Denn sie fühlt sich hereingelegt von ihren Beratern.

"Was ihr vorgelegt wurde, hat Frau Schickedanz unterschrieben", sagte ihr Anwalt beim gerade 40 Minuten dauernden ersten Verhandlungstag vor dem Landgericht Köln. Sie habe sich "wenig selbst um die Dinge gekümmert".

Damit malte er weiter am Bild der wirtschaftlich ahnungslosen Erbin, die von skrupellosen Finanzjongleuren ausgenommen wurde bei deren Versuch, sich die damals noch reichlich vorhandenen Immobilien der Warenhauskette unter die Nägel zu reißen.

Denn wenn Schickedanz irgendwann überschuldet wäre, so der angebliche Plan, könnten die Geschäftspartner auf das Tafelsilber zugreifen und die Milliarden untereinander aufteilen. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe vehement.

Vorbehaltloses Vertrauen?

Es fragt sich: Kann ein Mensch so vertrauensselig sein, sich sehenden Auges fast zwei Milliarden Euro abnehmen zu lassen und jeden Schritt der Ausplünderung auch noch abzuzeichnen?

Von Vater Schickedanz kursiert ein Spruch, der seiner damals jungen Tochter ein verheerendes Zeugnis im Fach "Umgang mit Geld" ausstellt: Wenn man Madeleine mit zehn Mark zum Milchholen schicke und der Milchmann sage: 'Stimmt so' – dann komme Madeleine ohne Wechselgeld zurück nach Hause.

Die Geschichte ist nicht verbürgt, sie könnte aber in die richtige Richtung zeigen. Denn als erwachsene Frau hat sie früh beschlossen, dass die Welt des Geldes und der Geschäftsmodelle nicht die ihre sei.

Das Wirtschaftsstudium brach sie ab, um sich auf die Erziehung der Kinder zu konzentrieren. Sie vertraute fortan vorbehaltlos ihren Beratern, Managern und ihren ersten beiden Ehemännern, die auch Top-Jobs in der Firma bekamen – bis sie sich von ihnen trennte.

Darstellungen "schwerlich plausibel"

Wenn in den Jahren nach 2000 auch die Oppenheimer und Josef Esch einen ungewöhnlich großen Spielraum bei der schickedanzschen Finanzverwaltung gehabt hätten, würde das also nicht überraschen. Aber kann sich die Unternehmerstochter wirklich auf eine angebliche Zusicherung ihrer Verwalter berufen, sie müsse sich um die Aktienkredite nicht kümmern, sie müsse auch nicht dafür geradestehen? Jeder Käufer einer Eigentumswohnung weiß, dass er für seine Schulden verantwortlich ist.

Ihrem dritten Ehemann Leo Herl hatte sie zudem eine Generalvollmacht gegeben. War ihm nichts aufgefallen? Das Gericht jedenfalls findet mehrere Darstellungen der Schickedanz-Anwälte "schwerlich plausibel" – und gab ihnen noch drei Monate Zeit, schlüssige Beweise vorzulegen, dass die Berater gegen Gesetze verstoßen haben.

Jetzt muss Madeleine Schickedanz also schon wieder vertrauen – dieses Mal in die Fähigkeiten ihrer Anwälte. Ihre Chancen allerdings stehen schlecht, dass sich doch noch alles zum Guten wendet.

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