22.12.12

Telekom-Chef Obermann

Aufstieg von weit unten, Abgang ohne Glamour

Mit seinem Rücktritt hat Telekom-Chef René Obermann alle überrascht. Er übergibt die Führung an seinen Freund Tim Höttges. Auf den warten Aufgaben, die Obermann nicht erfüllen konnte.

Von Thomas Heuzeroth
Foto: dapd

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, René Obermann (l.) und Finanzvorstand Timotheus Hoettges (r.): Sie sind gute Freunde
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, René Obermann (l.) und Finanzvorstand Timotheus Höttges (r.): Sie sind gute Freunde

Es ist einer seiner Lieblingssprüche, die René Obermann immer dann fallen lässt, wenn er gut gelaunt auf seinen Finanzchef angesprochen wird: "Sie wissen ja, Herr Höttges spielt Golf. Dafür hab ich keine Zeit." Und wenn der Telekom-Chef ernster wird, klingt das so: "Er ist der Beste, den man für diese Aufgabe gewinnen konnte."

Spätestens Anfang 2014 soll der jetzige Finanzvorstand Timotheus Höttges – Obermann nennt ihn meist "Tim" – den Chefposten bei der Deutschen Telekom übernehmen. Obermann selbst wolle "wieder mehr Zeit für Kunden, Produktentwicklung und Technik haben". Näher am Maschinenraum, wie er sagt. Amtsmüde? "Diesen Begriff würde ich nicht in den Mund nehmen."

Obermann kommt von weit unten

So sprach Obermann diese Woche und verabschiedete sich anschließend in den Weihnachtsurlaub. Zurück ließ er erstaunte Mitarbeiter, Beobachter und Aktionäre. Einen solchen Abgang ist man bei der Telekom nicht gewohnt. Üblicherweise gehen dort die Chefs, weil sie vor die Tür gesetzt werden. So war es mit Kai-Uwe Ricke und zuvor auch mit Ron Sommer. Aber freiwillig? Mit Verzicht auf Position und Macht?

Das gibt es. Obermann war nie ein typischer Manager. Er kommt von weit unten – und hat sich über lange Zeit bis an die Spitze des mächtigen Dax-Konzerns gearbeitet. Aufgewachsen ist er bei seinen Großeltern in "sehr einfachen Verhältnissen", wie er selber sagt.

Nach einer Lehre bei BMW begann er ein Studium, das er schnell abbrach, weil er sein eigenes Unternehmen gründete, die ABC Telekom in Münster. Damals waren die Telefonzellen noch gelb und gehörten der Post. In Münster stellte er sich samstags vor die Parkhäuser der Stadt, um den Autofahrern Autotelefone zu verkaufen. Er reichte ihnen Handzettel mit dem Werbespruch: "Die Alternative ist gelb und ständig kaputt."

Gefallen am Unternehmertum

Nachdem Hutchison Whampoa sein Unternehmen gekauft hatte, musste Obermann nicht mehr arbeiten, um Geld zu verdienen. Doch er hatte Gefallen am Unternehmertum gefunden. Diese Attitüde hat der heute 49-Jährige auch in seinen 15 Jahren als Manager bei der Telekom nie abgelegt – was das eigentlich Überraschende an seiner Karriere ist.

Trotz vielfacher Umstrukturierungen ist der Konzern noch immer stark geprägt vom Beamtentum und seiner Historie als Staatsunternehmen. Die Telekom, so sagen selbst Konzernmanager, ist so wendig wie ein Öltanker.

Obermann hat diesen Apparat bewegt: Er hat eine Spitzelaffäre und den größten Streik in der Telekom-Geschichte überstanden. Er hat umfangreiche Sparrunden durchgekämpft und die Frauenquote eingeführt. Nicht einmal seine Beziehung und heutige Ehe mit der Fernsehmoderatorin Maybrit Illner hat ihn in die Nähe eines Skandälchens gerückt.

Moment ist gut gewählt

Daher müsste die Frage lauten, warum Obermann zu diesem Zeitpunkt bei der Telekom das Handtuch wirft. Er will es noch einmal zeigen, im kleineren Maßstab. Dort, wo er mehr bewirken kann, schneller und flexibler. Bevor er zu alt dafür ist – Obermann feiert im kommenden März seinen 50. Geburtstag.

Der Moment für den Rückzug bei der Telekom ist gut. Die Strategie für die kommenden Jahre hat der Chef festgezurrt. Ein 30 Milliarden Euro schweres Investitionsprogramm hat er auf den Weg gebracht – und dafür sogar die Dividende gekürzt.

Dass der Aktienkurs deswegen nicht einbrach, zeigt, dass man ihm die Perspektive glaubt. Sogar in den USA gibt es nun Pläne, die Erfolg versprechen könnten. Dort geht T-Mobile mit dem Anbieter MetroPCS zusammen.

Dass Obermann bis Ende des kommenden Jahres im Amt bleibt, ist unwahrscheinlich. Finanzvorstand Höttges ist bereits seit vielen Jahren bei der Telekom und seit 2009 im Konzernvorstand. Eine einjährige Übergabephase ist daher nicht nötig. "Mit dem Tag der Verkündung ist Obermann doch eine Lame Duck", sagt ein Telekom-Manager. "Lahme Ente" nennen angelsächsische Manager einen Chef, der eigentlich nichts mehr zu melden hat. Das dürfte Obermanns Abschied mit großer Wahrscheinlichkeit beschleunigen.

Vorbild und Vertrauter

Auch die Freundschaft zwischen Obermann und Höttges könnte dazu beitragen. Neuerdings sind die beiden wieder Nachbarn, Obermann hatte bereits mit seiner früheren Frau im Haus neben Familie Höttges gewohnt. Zusammen gehen die Manager joggen, wenn sich Höttges zu so früher Stunde hinreißen lässt. "Er war und ist für mich das wichtigste Vorbild und der engste Vertraute", sagte er vor Jahren über Obermann. Und heute? "Uns verbindet mehr als nur eine reine berufliche Beziehung."

Außenstehende wundern sich, dass sich die beiden so unterschiedlichen Manager so gut verstehen. Seit Jahren treten sie zu wichtigen Terminen immer gemeinsam auf. Dabei gilt Höttges als spröde. Er wolle das nächste Jahr nutzen, um etwas von Obermanns Geschmeidigkeit zu lernen, sagte er am Donnerstag nur halb im Scherz.

Wegbegleiter sprechen ihm die Fähigkeit zu, andere zu begeistern. In jedem Fall ist er fordernd, sogar von seinen Kindern verlangt er eine "Leistungsvereinbarung". Höttges hat die Rückendeckung des Bundesfinanzministeriums, der Staat hält noch etwa ein Drittel der Telekom-Anteile. Doch ob er sich auf der politischen Bühne so geschickt bewegen kann wie Obermann, bleibt abzuwarten.

Große Aufgabe

So sehr Obermann auch die "gute Entwicklung der letzten Jahre" bei der Telekom lobt, so groß ist die Aufgabe, die er Höttges hinterlässt. In Obermanns Amtszeit ist der Kurs der T-Aktie von knapp 14 Euro auf weniger als neun Euro zurückgegangen. Bei der Telekom schrumpfen nach wie vor die Umsätze und die Kundenzahlen.

Im vergangenen Quartal hat das Unternehmen wegen hoher Abschreibungen sogar den größten Verlust seit zehn Jahren verkünden müssen. Die Telekom mag besser dastehen als ihre europäischen Konkurrenten, aber sie steht nicht wirklich gut da. Dass sie in dieser Situation Milliarden Euro in ihre Netze pumpt, ist nicht ohne Risiko.

Doch dieses Risiko trägt am Ende nicht mehr Obermann, sondern sein Nachfolger Höttges. Obermann findet Golf spielen übrigens langweilig.

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