20.12.12

Fusion

Tchibo-Erben schaffen weltgrößten Schiffs-TÜV

Seit ihrem Ausstieg bei Tchibo sucht die Familie Herz Anlagemöglichkeiten. Gelungen ist das mit der Restaurantkette Vapiano und der Germanischen Lloyd. Diese wird durch Fusion zum Weltmarktführer.

Foto: Juergen Joost

Günter Herz und Daniela Herz-Schnoeckel bündeln ihr Milliarden-Vermögen in der Gesellschft Mayfair
Günter Herz und Daniela Herz-Schnoeckel bündeln ihr Milliarden-Vermögen in der Gesellschft Mayfair

Das Treffen fand am 4. Juni 2012 statt, einem Montag, Treffpunkt war ein italienisches Restaurant in Hamburg. An dem Tag sprachen Günter Herz und Henrik Madsen zum ersten Mal miteinander – über das Zusammenlegen ihrer beiden Firmen.

Dem Tchibo-Erben Herz gehört über seine Familienholding Mayfair der Germanische Lloyd (GL), das ist eine Art TÜV für Schiffe und Industrieanlagen. Der Däne Madsen wiederum ist Vorstandchef bei Det Norske Veritas (DNV), das ist eine Konkurrenzfirma mit Sitz in Oslo.

Ein halbes Jahr später wird nun Vollzug gemeldet: DNV und GL fusionieren zur weltgrößten Klassifizierungsgesellschaft in der Schifffahrt und zu einem großen Anbieter für technische Zertifizierungen.

Damit legt der Milliardär Herz seinen einzigen Industriebesitz mit einem Konkurrenten zusammen. Seiner Familie werden in Zukunft 36,5 Prozent an dem neuen Unternehmen gehören. Die Mehrheit liegt mit 63,5 Prozent in Händen einer norwegischen Stiftung, die bislang DNV komplett besaß.

Familie Herz sucht Anlagemöglichkeiten

Dieses Verhältnis entspricht den derzeitigen Größen der Firmen im Umsatz und in der Belegschaft. Geld sei bei der Transaktion keines geflossen, Grund für das Zusammenlegen seien die Chancen eines Weltmarktführers in der Schifffahrt und einer der fünf größten Prüfungsgesellschaften weltweit etwa für Ölplattformen, Gasleitungen oder Windräder, betonen beide Seiten in Hamburg.

Günter Herz und seine Schwester Daniela Herz-Schnoeckel suchen seit ihrem Ausstieg aus dem Kaffeeröster Tchibo vor fünf Jahren nach Geldanlagemöglichkeiten für ihre mehr als vier Milliarden Euro. Ihre Firma dafür heißt Mayfair. Außer einer kurzzeitigen Minderheitsbeteiligung am Sportartikelkonzern Puma ist ihnen dies bislang nur in zwei Fällen gelungen: Beim Germanischen Lloyd (GL) und bei der Restaurantkette Vapiano.

"Wir suchen nur die besten Gesellschaften, an denen wir uns für eine Zeit von mindestens zehn Jahren beteiligen können", erklärte Hinrich Stahl, Geschäftsführer bei Mayfair, das Vorgehen der Familie. Herz habe aus dem GL nie eine Dividende herausgenommen, sondern Millionen Euro für Zukäufe zur Verfügung gestellt.

"Die Familie will sich langfristig engagieren, eine Option zum Ausstieg oder Verkauf gibt es nicht", sagte Stahl. Im Management des GL arbeitet kein Familienmitglied, Sohn Christian Herz sitzt jedoch im Aufsichtsrat. In der neuen Gesellschaft, die nach norwegischem Recht und mit Sitz in Oslo organisiert ist, wird Mayfair mit drei Sitzen im Kontrollgremium vertreten sein. Vor sechs Jahren hatte Herz 575 Millionen Euro für den GL bezahlt, damals hatte er mit seinem Angebot den Konkurrenten Bureau Veritas ausgestochen.

Unternehmen passen perfekt zusammen

Nach der Papierlage ergänzen sich die beiden Unternehmen GL und DNV perfekt: Die Hamburger Ingenieure sind führend bei der Klassifizierung von Containerschiffen. Die zukünftigen norwegischen Kollegen von DNV sind dagegen bei Passagierschiffen und Tankern der Marktführer. Insgesamt umfasst die Kundenliste der beiden Gesellschaften Reedereien mit rund 13.000 Schiffen.

Das maritime Geschäft soll in Zukunft von Hamburg aus geführt werden. Schiffe müssen in regelmäßigen Abständen von unabhängigen Prüfern getestet werden, damit sie uneingeschränkt in den Häfen abgefertigt werden können. Neben den Firmen GL und DNV sind die französische Bureau Veritas oder NK aus Japan bedeutende Unternehmen dafür.

In den anderen Geschäftsbereichen sind die Norweger wesentlich größer als GL aus Hamburg: in der Prüfung der Öl- und Erdgasförderung, bei Pipelines oder auch Windkraftanlagen. Selbst Käse aus Italien wird von DNV zertifiziert. Diese Bereiche werden in Oslo und in den Niederlanden ihren Sitz haben.

Wachstumschancen bei erneuerbaren Energien

Anders als im Schiffbau versprechen sich die Prüfungsunternehmen etwa bei erneuerbaren Energien noch große Wachstumsmöglichkeiten. So müssen zum Beispiel Stromleitungen ausgebaut werden, auch Stromausfälle bereiten selbst Industrienationen wie den USA Probleme. Beides sind Felder, in denen Ingenieure von DNV oder GL tätig sind.

Einen groß angelegten Personalabbau soll es nicht geben. "Dies ist kein Zusammenschluss, der Kosten sparen soll", sagte DNV-Chef Madsen. Der Skandinavier soll das neue Unternehmen leiten. Als Beleg führte Madsen an, dass DNV in diesem Jahr 1500 neue Mitarbeiter eingestellt hat.

Gemeinsam sind die beiden Gesellschaften in 100 Ländern vertreten. Die Belegschaft ist rund um den Globus verteilt: 10.000 Beschäftigte arbeiten in Europa, Afrika und dem Nahen Osten, 4000 Mitarbeiter sind in Asien tätig und 3000 in Nord- und Südamerika. Der Umsatz des fusionierten Unternehmens liegt derzeit bei rund 2,5 Milliarden Euro – 820 Millionen Euro stammen vom GL, 1,68 Milliarden Euro von DNV. Die Kartellbehörden mehrerer Länder müssen der Fusion noch zustimmen.

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