20.12.12

Medizinermangel

So sollen Ärzte das Landleben lieben lernen

Genügend Ärzte gibt es in Deutschland – nur leider nicht überall. In reichen Städten ballen sich die Praxen. Patienten auf dem Land dagegen sind chronisch unterversorgt. Das soll sich nun ändern.

Foto: pa
Der Landarzt
In der TV-Serie "Der Landarzt" mit Wayne Carpendale ist das Leben eines Hausarztes auf dem Land noch halbwegs in Ordnung

In Deutschland soll es künftig 3000 neue Hausarztpraxen geben – vor allem in ländlichen Regionen in Ost und West mit Medizinermangel. Für Psychotherapeuten sind 1400 neue Praxen geplant. Nach monatelangen Beratungen legte das höchste Gremium im Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, am Donnerstag eine entsprechende Neuplanung des Ärztenetzes vor.

Bislang folgt die Planung der Arztsitze den 372 Kreisen und kreisfreien Städte, künftig soll für die Haus- und Kinderärzte die Zahl der Planungsbezirke auf nahezu 900 erhöht werden. "Das neue und feingliedrige Planungsraster ermöglicht es, Versorgungslücken schneller zu erkennen und zu schließen", sagte G-BA-Chef Josef Hecken.

Die Zulassungsmöglichkeiten von Ärzten in ländlichen Regionen würden verbessert und Verteilungsprobleme in der ärztlichen Versorgung könnten zielgerichtet angegangen werden. Berücksichtigt werde dabei auch die regionale Alters- und Krankheitsstruktur.

Hunderte Nachfolger fehlen

Von den mehr als 150.000 niedergelassenen Ärzten heute waren laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) zuletzt gut 60.000 Hausärzte, 78.000 Fachärzte und 17.000 Psychotherapeuten. Laut KBV gehen über 40.000 Haus- und Fachärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Bereits heute gibt es für Hunderte Praxen keine Nachfolger.

G-BA-Chef Hecken sagte, in vielen städtischen Ballungsgebieten gebe es eine Überversorgung an Ärzten. "Wir haben auf der anderen Seite Landstriche, die zwar sehr viele ältere Menschen beheimaten, in denen aber ärztliche Versorgung gegen Null tendiert", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Die neue Planung hält Hecken gemeinsam mit weiteren Schritten für geeignet, tatsächlich mehr Allgemeinmediziner aufs Land zu bringen – auch wenn sie bisher oft einen weiten Bogen um ländliche Regionen gemacht hätten.

"Der Arzt muss zu den Patienten"

So müssen Ärzte laut Gesetz nun nicht mehr dort wohnen, wo sie arbeiten. Auf dem Land entfallen zudem finanzielle Strafen bei vielen Arzneiverschreibungen. "Hier wird eine klare Perspektive für junge Mediziner aufgezeigt, dass es attraktive Niederlassungsmöglichkeiten gibt", sagte Hecken.

Der Arzt müsse zu den Patienten gebracht werden – nicht umgekehrt. Die Richtlinie muss noch vom Bundesgesundheitsministerium geprüft werden, soll aber bereits Anfang des neuen Jahres in Kraft treten. Sie setzt Vorgaben aus dem Versorgungsgesetz von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) um.

Ärzte und Krankenkassen zeigten sich mit dem Beschluss zufrieden. "Es freut mich sehr, dass wir dadurch die wohnortnahe Versorgung der Patienten perspektivisch weiter verbessern werden", sagte Regina Feldmann vom KBV-Vorstand. Künftig werde etwa berücksichtigt, wenn städtische Ärzte das ländlich geprägte Umland mitversorgten. "Hausärzte versorgen grundsätzlich eine kleinere Region, Fachärzte wie Radiologen eine größere."

Traumberuf Hausarzt

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) warnte, eine bessere Bedarfsplanung alleine schaffe keine bessere Versorgung. "Jetzt ist es wichtig, dass der Hausarzt innerhalb der Ärzteschaft aufgewertet wird", erklärte der Vizechef des GKV-Spitzenverbandes Johann-Magnus von Stackelberg. Gerade angehende Mediziner müssten davon überzeugt werden, sich für den Hausarztberuf zu entscheiden. Bei den Psychotherapeuten werde es künftig darauf ankommen, zusammen mit der Ärzteschaft eine bessere Verteilung zwischen Stadt und Land zu organisieren.

Uwe Deh vom Vorstand des AOK-Bundesverbandes forderte weitere Instrumente, um die Überversorgung in Ballungszentren zugunsten ländlicher Regionen abzubauen. "Planung allein bringt den Arzt noch nicht dahin, wo die Patienten ihn brauchen", warnte Deh.

"Wir haben genügend Ärzte"

In den vergangenen 20 Jahren sei die Anzahl der Ärzte in Deutschland stetig gestiegen. "Insgesamt haben wir somit genügend Ärzte", sagte Deh. Regional gesehen und zwischen den Arztgruppen gebe es jedoch eine Ungleichverteilung. In einkommensstarken Gebieten und Ballungszentren siedelten sich immer mehr Mediziner an, während die Bereitschaft, als Landarzt zu arbeiten, deutlich sinke.

Die Bundespsychotherapeutenkammer zeigte sich alarmiert. "Über 6000 psychotherapeutische Praxen sind bedroht", sagte Präsident Rainer Richter. Denn der Ausschuss gehe von veralteten Zahlen aus, nach denen es noch viel weniger Psychotherapeuten gegeben habe, als heute. "Wir sind sehr unzufrieden."

Heftige Kritik übten die Verbraucherzentralen. Zwar gebe es eine etwas bessere Versorgung mit Hausärzten auf dem Land. Zentrale Probleme wie die Unterschiede zwischen reichen und armen Stadtteilen würden aber nicht gelöst.

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