20.12.12

Abercrombie-Tochter

Wie der Modeladen Hollister Mitarbeiter bespitzelt

Jung, modern, gut aussehend: Die US-Kleidermarke Hollister gilt als ultrahip. Hinter der Fassade geht es offenbar weniger schön zu: Die Firma soll in ihren deutschen Läden Mitarbeiter überwacht haben.

Von Anette Dowideit
Foto: Getty Images
Rettungsschwimmer posieren in London bei der Eröffnung eines Geschäfts der Abercrombie & Fitch-Marken Hollister und Gilly Hicks
Rettungsschwimmer posieren in London bei der Eröffnung eines Geschäfts der Abercrombie & Fitch-Marken Hollister und Gilly Hicks

Im Kölner Einkaufszentrum "Rhein Center" ist an diesem Adventssamstag das Gedränge groß. Schon im Parkhaus stehen die Autos Schlange, die Gänge sind mit Geschenkejägern verstopft. Nirgendwo ist es aber so voll wie bei Hollister, einem großen Ladenlokal, in dem zu laute elektronische Musik wummert und die Besucher mit Parfüm eingenebelt werden.

Zwölfjährige Mädchen mit unglücklich dreinschauenden Müttern im Schlepptau quetschen sich vorbei an Teenagern, die sich um Ständer voller Karohemden und Kapuzenpullis drängeln. Dazwischen junge, hübsche Verkäuferinnen mit Dauergrinsen. Als die 17 deutschen Hollister-Läden in den vergangenen drei Jahren nach und nach eröffneten, standen die Kunden sogar Schlange, wochenlang. Nur, um dort einkaufen gehen zu können.

Die Kleidermarke Hollister ist bei Jugendlichen angesagt wie kaum eine andere – gerade zu Weihnachten. Vor allem junge, shoppingwütige Mädchen zieht es in Scharen in die Läden des US-Unternehmens, wo zu Spitzenzeiten gut gelaunte Surferjungen mit muskulösen Oberkörpern Einkäufer mit einem lässigen "Hey, what's up?" am Eingang begrüßen. Kalifornisches Lebensgefühl will das Unternehmen vermitteln: gute Laune, alle sind Freunde.

Leibesvisitationen und Kameras

Doch hinter den Kulissen geht es offenbar weniger freundlich zu. Mitarbeiter sind nach Informationen der "Welt" bereits mehrfach gegen die deutsche Tochterfirma des US-Mutterkonzerns Abercrombie & Fitch vor Gericht gezogen: wegen Leibesvisitationen und Kameraüberwachung. Auch die Gründung eines Betriebsrats soll das Unternehmen verhindert haben.

Moritz Kleins (Name geändert) Karriere bei Hollister endete vor rund eineinhalb Jahren abrupt – mit einem Rechtsstreit vor dem Arbeitsgericht. Mehrere Monate hatte der Student in der Filiale Oberhausen als "Overnighter" gearbeitet, als Übernacht-Arbeiter.

In der Hierarchie des Unternehmens stehen diese Mitarbeiter ganz unten: Sie müssen die Läden aufräumen und die Regale auffüllen, bevor sie am Morgen wieder öffnen. Neben den "Overnightern" teilt Hollister seine Mitarbeiter auf in "Impacter", die tagsüber die Regale auffüllen und im Lager arbeiten – und die "Models": speziell gecastete oder auf der Straße und in Clubs angesprochene, junge Menschen, deren Job im Grunde darin besteht, im Laden zu stehen und gut auszusehen.

Altersdiskriminierung

"Eine solch krude Personalpolitik habe ich in meiner gesamten Laufbahn nicht erlebt", sagt Günter Wolf, Einzelhandelsexperte bei der Gewerkschaft Ver.di im Bezirk Mülheim-Oberhausen. Arbeitsrechtlich fragwürdig mache dieses Konzept die Tatsache, dass das Unternehmen in Deutschland fast ausschließlich befristete Arbeitsverträge ausgebe.

"Warum Hollister das tut, kann man sich an fünf Fingern abzählen", sagt Wolf. "Die haben keine Lust, jemanden zu beschäftigen, der älter als Mitte 20 ist. Denn irgendwann sehen die Mitarbeiter ja nicht mehr so gut aus." Dieses Geschäftsgebaren, urteilt der Gewerkschafter, grenze an Altersdiskriminierung.

Offenbar sind die befristeten Verträge aber noch das kleinste Problem der Hollister-Mitarbeiter. Moritz Klein etwa musste sich jedes Mal, wenn er den Laden verließ, von einem der "Store Manager" abtasten lassen, wie sein Anwalt Robert Heinemann sagt. Heinemann, dessen Kanzlei im nordrhein-westfälischen Velbert sitzt, sagt: "Das Unternehmen scheint auszunutzen, dass es seinen jungen Mitarbeitern rhetorisch überlegen ist und dass diese kaum berufliche Erfahrung haben. Sonst wäre solche Praxis schwer denkbar."

Schlechte Stimmung

Von ähnlichen Erlebnissen berichten auch drei Mitarbeiter aus anderen Hollister-Läden, die anonym bleiben möchten, im Gespräch mit der "Welt". Ein ehemaliger Mitarbeiter aus einer Filiale in Süddeutschland sagt, er sei vor jedem Verlassen des Geschäfts von seiner Chefin abgetastet worden und habe sich in den Rucksack schauen lassen müssen.

"Es erzeugt schon eine unangenehme Atmosphäre, wenn man vom Arbeitgeber so unter Generalverdacht gestellt wird", sagt er. Nach vier Monaten kündigte er im Frühjahr seinen Job, wegen der schlechten Stimmung, wie er sagt.

Leibesvisitationen wie diese sind gesetzlich verboten, erklärte Hendrik Bourguignon, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner in der Frankfurter Kanzlei Schmalz Rechtsanwälte kürzlich. "Die Taschen- oder auch Torkontrolle ist eine Überwachungsmethode, die intensiv in das grundrechtlich geschützte allgemeine Persönlichkeitsrecht eingreift." Besonders bedenklich sei es, wenn die Kontrolle durch Personen des anderen Geschlechts gemacht werde.

"Jeder ist ersetzbar"

Dennoch sollen Leibesvisitationen bei Hollister immer wieder stattgefunden haben. Vor ein paar Monaten zogen weitere sechs ehemalige Teilzeitkräfte deshalb vor Gericht gegen die deutsche Tochterfirma des Konzerns, die AFH Germany mit Sitz in München. Den Schilderungen der Kläger zufolge sollen sie regelmäßig durch Vorgesetzte abgetastet worden sein, hätten einmal sogar die Hosenbeine hochschieben müssen.

Die Mitarbeiter klagten auch, weil sie ihrer Aussage nach ständig mit Kameras überwacht worden seien. In der Vernehmung vor dem Arbeitsgericht Oberhausen schilderte einer der Kläger detailliert, "dass drei Monitore im Lager standen. Oft waren zwei Monitore angeschaltet. (...) Der Kläger erklärt weiter, dass vor den Monitoren die Vorarbeiter gesessen hätten." Laut Aussage sollen diese Vorarbeiter – die Manager – vor jeder Nachtschicht die Mitarbeiter darauf hingewiesen haben, dass sie jeden Raum in Geschäft und Lager ständig unter Beobachtung hätten – auch, wenn sie nicht anwesend seien.

Auch die Arbeitsweise würde so kontrolliert, sagten die ehemaligen Mitarbeiter vor Gericht aus. "Sie haben auch stets darauf hingewiesen, dass es viele Bewerber für die Jobs gäbe und jeder ersetzbar sei", so der Kläger bei seiner Vernehmung.

Nur Studentenjobs?

Die Anwälte der Modefirma verteidigten diese vor Gericht mit dem Argument, eine solche Live-Überwachung habe nicht stattgefunden. Gedacht seien die Kameras nur für die Augen sogenannter "Loss Prevention Manager" – also solcher Mitarbeiter der Firma, die nur darauf achteten, dass nicht zu viele der teuren Kleidungsstücke oder Parfümflakons gestohlen würden.

Das Verfahren der sechs ehemaligen Teilzeitkräfte in Oberhausen wurde im September eingestellt. Die Modekette bestritt die Vorwürfe, willigte aber ein, den Ex-Mitarbeitern jeweils eine Abfindung von 3000 Euro zu zahlen, wie eine Lokalzeitung berichtete. Klägeranwalt Heinemann kritisiert, das Gericht habe den Schutz des Persönlichkeitsrechts der Kläger nicht ausreichend gewürdigt – es sei wohl der Auffassung gewesen, schließlich habe es sich nur um Studentenjobs gehandelt und nicht um die Lebensgrundlage der Betroffenen.

Tatsächlich ist da auf den ersten Blick etwas dran: Niemand wird gezwungen, ausgerechnet bei Hollister zu arbeiten. Ver.di-Experte Wolf meint jedoch, das sei zu kurz gedacht: "Auch Studenten sind schließlich darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen."

Verschwiegen

Auf eine schriftliche Anfrage der "Welt" zu den Bespitzelungsvorwürfen und zur Frage, ob Leibesvisitationen und Kameraüberwachung Standards in den deutschen Hollister-Läden seien, antwortet das Unternehmen nicht. Der deutsche Geschäftsführer verweist an eine PR-Agentur, die die Fragen an die Konzernzentrale in den USA weiterleitet. Die wiederum, teilt der zuständige deutsche PR-Berater mit, habe sich entschlossen, auf keine der gestellten Fragen zu antworten.

Abercrombie & Fitch ist ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von zuletzt 4,2 Milliarden Dollar (3,2 Milliarden Euro), das sich der Presse nur ungern stellt, auch auf dem Heimatmarkt USA. Der 68-jährige Vorstandschef Mike Jeffries gibt fast nie Interviews, daher ist über das Unternehmen, das sich als kalifornische Lifestyle-Marke verkauft, tatsächlich aber im eher langweiligen Ohio im Mittleren Westen der USA beheimatet ist, wenig mehr bekannt als seine regelmäßig veröffentlichten Geschäftszahlen.

Die allerdings bringen Interessantes zutage: Von Januar bis Oktober dieses Jahres hat der Konzern zwar 32 neue Ladenlokale im Ausland eröffnet – die Zahl liegt derzeit bei 131. Gleichzeitig musste er aber auf dem Heimatmarkt zehn Läden schließen, weil die Umsätze pro Geschäft sinken. Es scheint, als sei der Hype um Abercrombie & Fitch und Hollister in den USA schon merklich abgeflacht.

Auf Expansionskurs

Das macht sich auch beim Börsenkurs bemerkbar. Innerhalb des abgelaufenen Jahres hat sich der Wert der Abercrombie & Fitch-Aktien in etwa halbiert. Unter Anlegern wächst daher Kritik am exzentrischen Firmenchef Jeffries und dessen Führungsstil.

Auch in Deutschland gibt es viele, die Abercrombie nur so lange trugen, wie es die Produkte ausschließlich in den USA zu kaufen gab. Showmaster Stefan Raab galt zu damaligen Zeiten als prominentester deutscher Abercrombie & Fitch-Kunde. Seit es die Produkte des Konzerns auch hierzulande gibt – neben den 17 Hollister-Filialen gibt es mittlerweile auch drei Abercrombie & Fitch-Läden – haben sie an Exklusivität merklich eingebüßt.

Trotzdem will das Unternehmen in Deutschland offenbar weiter expandieren – auch, wenn der für Deutschland beauftragte PR-Berater keine konkreten Zahlen nennen kann. In einer Pressemitteilung schrieb das Unternehmen vor Kurzem, Deutschland habe sich zu einem "großartigen Standort" für Abercrombie & Fitch entwickelt.

Betriebsrat verhindert

Bei ihrer bisherigen Expansionsstrategie nach Deutschland haben die Amerikaner es allerdings an Fingerspitzengefühl für das deutsche Rechtssystem fehlen lassen. So verhinderten Hollister-Manager im vergangenen Jahr offenbar die Gründung eines Betriebsrats in der Oberhausener Filiale: Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass damals Angestellte zu einer Betriebsversammlung einladen und damit die Wahl ordnungsgemäß hatten vorbereiten wollen – Ziel der Organisatoren soll demnach unter anderem gewesen sein, sich gegen die Kameraüberwachung und die Leibesvisitationen zu wehren. Der Zettel war plötzlich jedoch abgerissen.

Zur Gründung des Betriebsrats sei es letztendlich nicht gekommen. Nach Informationen der "Welt" haben sämtliche Mitarbeiter, die einen Betriebsrat gründen wollten, Aufhebungsverträge mit großzügigen Abfindungen angeboten bekommen, die alle angenommen haben. Für das Unternehmen ein glimpflicher Ausgang, meint Anwalt Heinemann. Denn ein Betriebsrat hätte erschweren können, dass Hollister fast ausschließlich mit befristeten Arbeitsverträgen arbeiten kann.

Dass Abercrombie & Fitch mit dem Arbeitsrecht in Konflikt gerät, ist allerdings nicht auf Deutschland beschränkt. In den USA reichte vor zwei Jahren ein Pilot Klage wegen Altersdiskriminierung ein, der das Flugzeug von Firmenchef Jeffries geflogen war und angab, zugunsten eines jüngeren Kollegen gefeuert worden zu sein.

Die Verhandlungen brachten noch weit mehr über das Unternehmen und seinen Chef ans Licht. Während der Verhandlung geriet ein internes Handbuch an die Öffentlichkeit, das zeigt, was für ein Kontrollfreak Jeffries sein muss: Der Nachrichtendienst "Bloomberg News" zitierte aus der 40 Seiten langen Anleitung darüber, wie das – ausschließlich männliche und junge – Kabinenpersonal auszusehen habe, das den Vorstandschef bediene: glattrasiert, bekleidet mit Abercrombie-Polohemden und ebensolchen Boxershorts, Flip-Flops und einem Spritzer des firmeneigenen Parfüms "Fierce". Auch eine Anleitung, wann das Personal weiße und wann schwarze Handschuhe zu tragen habe, steht laut "Bloomberg News" in dem Buch – und die genaue Sitzordnung für Jeffries drei Hunde.

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