20.12.12

Jobs in der Industrie

Bei Siemens in Berlin wird es für viele Mitarbeiter eng

Sparkurs und fehlende Aufträge: Die IG Metall fürchtet um viele Berliner Arbeitsplätze. Die Belegschaft bei Osram schrumpft drastisch.

Von Hans Evert
Foto: Getty Images
Geringe Nachfrage  Siemens-Mitarbeiter prüft die Schaufeln einer Gasturbine. Das Werk ist nicht ausgelastet
Geringe Nachfrage Siemens-Mitarbeiter prüft die Schaufeln einer Gasturbine. Das Werk ist nicht ausgelastet

Auf ihr Produkt sind sie bei Siemens an der Huttenstraße richtig stolz. Dort entsteht die leistungsfähigste Gasturbine der Welt. SGT6-8000H heißt das Energiemonstrum in seiner größten Ausbaustufe. Unlängst nahm Siemens-Chef Peter Löscher mit seinem Finanzvorstand Joe Kaeser im Moabiter Geburtshaus von SGT-8000H Platz. In den Kulissen der Montagehalle wurde über das gerade beendete Geschäftsjahr berichtet. Von Erfreulichem war die Rede, zweithöchstem Unternehmensgewinn der Siemens-Geschichte. Zur Sprache kam aber auch weniger Erbauliches: ein Milliardensparprogramm, das die Belegschaft sorgt.

Speziell in Berlin, wo Siemens seinen weltgrößten Produktionsstandort betreibt, steigt das Sorgenthermometer ziemlich heftig. Gut 12.000 Menschen sind hier mit Arbeitsverträgen des Münchner Industrieriesen ausgestattet. Dazu kommen einige Tausend bei Siemens-Töchtern und Gemeinschaftsunternehmen wie Osram und Nokia Siemens Networks (NSN). Anders als bei Siemens selbst haben dort die Sorgen schon längst eine reale Basis. Betriebsteile werden ausgegliedert, Stellen gestrichen. IG Metall und Betriebsräte schlagen nun Alarm.

"Informationen von Siemens kommen nur scheibchenweise", kritisiert Klaus Abel, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall in Berlin. So ergehen sich Beschäftige in düsteren Ahnungen. In Moabit, wo die Weltrekordturbine gebaut wird, fehlen schlichtweg Aufträge. Man sei ein ganzes Stück unter Normauslastung, erzählt Betriebsrat Lennart Kunde. Im Spandauer Messgerätewerk verunsichern Pläne zur Arbeitsplatzverlagerung die Mitarbeiter. Demnach könnten bis zu 200 Arbeitsplätze bis 2015 Richtung Indien wandern, berichtet Betriebsrat Wolfgang Walter.

Siemens selbst gibt sich zurückhaltend, wenn es um die Standortpläne geht. Derzeit stünde noch nicht fest, in welchem Umfang einzelne Standorte vom Sparprogramm betroffen seien, sagt ein Unternehmenssprecher. Da werde es in den "nächsten Wochen" mehr Klarheit geben.

Die Belegschaftsseite bringt sich in Berlin in Position. Vergangenen Freitag empfing der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Betriebsräte und Gewerkschafter. Anfang kommenden Jahres, heißt es, will er Berlins industrielle Sorgenkinder besuchen. Das sind derzeit das Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks und der Lampenkonzern Osram, eine hundertprozentige Siemens-Tochter. Osram hat es am härtesten getroffen. Ende 2009 waren in dem Werk rund 2100 Menschen beschäftigt. Aktuell sind es knapp 1500, wovon innerhalb des kommenden Jahres weitere 550 Stellen wegfallen sollen. Der Traditionsbetrieb Osram wird für den Börsengang hergerichtet, und langsam wird es eng für die verbleibenden Mitarbeiter.

Osram hart getroffen

"Über Altersteilzeit, Fluktuation und Versetzung innerhalb von Siemens konnten wir bislang den Stellenabbau abfedern. Doch langsam gehen uns die Instrumente aus", sagt Irene Schulz von der IG Metall. Sie sitzt für die Gewerkschaft in den Aufsichtsräten von Osram und NSN. Zieht Osram seine Abbaupläne wie geplant durch, könnten in Berlin weniger als 1000 Stellen übrig bleiben. Das würde den Standort in der Hauptstadt derart verkleinern, dass sich irgendwann ganz grundsätzlich die Frage nach dem Existenzrecht von Osram in Berlin stellt – so die Befürchtung.

Bei NSN stellt sich diese Existenzfrage längst. Von 1200 Mitarbeitern werden 800 zu anderen Unternehmen, die NSN-Teile gekauft haben, wechseln. Rund 160 müssen NSN verlassen, nur 200 bleiben in Berlin. "Damit hat sich Siemens und Deutschland insgesamt aus der Kommunikationstechnologie verabschiedet", sagt Georg Nassauer, bis vor Kurzem NSN-Betriebsratschef.

Allerdings müssen die Siemens- und Osram-Mitarbeiter keine harten Schnitte befürchten. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei Siemens per unbefristeter Betriebsvereinbarung ausgeschlossen, bei Osram immerhin bis 2015. Und auch Gewerkschafter räumen ein, dass Siemens in der Vergangenheit nie dafür bekannt war, besonders rüde mit seiner Belegschaft umzugehen. Die aktuellen Sorgen nähren sich vor allem aus der Ungewissheit und der Angst, dass sich der Konzern zu sehr von Aktionären treiben lässt. Siemens habe kürzlich mit einem Jahresgewinn von 5,2 Milliarden Euro das zweitbeste Ergebnis seiner Geschichte erreicht. "Da sollte man nicht so tun, als hätten wir eine Krise", sagt Bettina Haller, die in Berlin den Gesamtbetriebsrat des Konzerns leitet.

Allerdings beschleicht einige bei Siemens in Berlin auch das Gefühl, dass Standortinteressen nicht vehement genug vertreten werden. Konkret richtet sich diese Kritik gegen Burkhard Ischler, der das Hauptstadtbüro von Siemens leitet. Ischler hält die Verbindung zu den Akteuren der Berliner Politik und ist Präsident der Unternehmensverbände Berlin Brandenburg (UVB). Sein Vorgänger Gerd von Brandenstein, Spross der Siemens-Gründerfamilie, habe in Richtung Münchner Konzernspitze viel selbstbewusster die Berliner Interessen vertreten, heißt es.

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