19.12.12

Übernahmeschlacht

Staatsanwalt ermittelt gegen Ex-Porsche-Chef Wiedeking

Wendelin Wiedeking soll bei der Übernahmeschlacht mit Volkswagen den Aktienkurs vorsätzlich beeinflusst und Anleger somit getäuscht haben.

Von Nikolaus Doll
Foto: pa/dpa/Jochen Lübke

Gescheitert: Vor fünf Jahren war Wendelin Wiedeking noch ganz oben, mit alle Statusymbolen. Dann versuchte er, mit Porsche den VW-Konzern zu übernehmen
Gescheitert: Vor fünf Jahren war Wendelin Wiedeking noch ganz oben, mit alle Statusymbolen. Dann versuchte er, mit Porsche den VW-Konzern zu übernehmen

Die gescheiterte Übernahme des Volkswagen-Konzerns durch Porsche hat ein weiteres juristisches Nachspiel. Nach jahrelangen Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart nun Anklage gegen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Ex-Finanzvorstand Holger Härter erhoben. Das teilte die Klagebehörde mit. Bei der Anklage geht es um den Vorwurf, der Ex-Porsche-Chef habe im Zuge der Übernahmeschlacht mit Volkswagen den Aktienkurs vorsätzlich beeinflusst, damit Anleger getäuscht und so um ihr Geld gebracht. Die Anklagevertreter sprechen vom Verdacht der "informationsgestützten Marktmanipulation", der sich erhärtet habe.

"Den Angeschuldigten wird vorgeworfen, in von ihnen im Jahr 2008 veranlassten öffentlichen Erklärungen des Unternehmens in Bezug auf den Beteiligungserwerb an der Volkswagen AG unrichtige Angaben gemacht zu haben", erklärte die Staatsanwaltschaft. Porsche habe im Zeitraum vom 10. März bis 02. Oktober 2008 in mindestens fünf öffentlichen Erklärungen eine bereits bestehende Absicht zur Aufstockung seiner Beteiligung an VW auf 75 Prozent dementiert. Nach dem Ergebnis der Ermittlungen hätten die Angeschuldigten jedoch spätestens im Februar 2008 die Absicht gefasst, die Beteiligung Porsches an der Volkswagen AG in Vorbereitung eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrags noch im ersten Quartal 2009 auf 75 Prozent des stimmberechtigten Kapitals zu erhöhen. So sieht das zumindest die Staatsanwaltschaft.

Zugleich habe die Porsche-Spitze spätestens ab März 2008 damit begonnen, diese Beteiligungserhöhung insbesondere durch den Erwerb entsprechender Kauf-Optionen auf VW-Stamm- und Vorzugsaktien konkret vorzubereiten, lautet der Vorwurf. Eine entsprechende Klage gegen Wendelin Wiedeking war erwartet worden. Im Fall einer Verteilung wären theoretisch bis zu fünf Jahre Haft möglich. Die mehr als 200 Seiten dicke Klageschrift sei bereits am Montag bei Gericht eingegangen, sagte ein Sprecher des Stuttgarter Landgerichts. Wann über die Zulassung entschieden werde, ist unklar, weil der Fall sehr komplex ist. Voraussichtlich im Lauf des kommenden Jahres werde die Prüfung abgeschlossen sein, sagte der Sprecher. Dann könnte ein möglicher Prozess noch im Jahr 2013 beginnen.

Vor mehr als drei Jahren hatten die Ermittler die Häuser Wiedekings und Härters durchsucht. Zuvor hatten die beiden Manager mit einem beispiellosen Coup ein Kursfeuerwerk ausgelöst, bei dem die VW-Aktie Ende Oktober 2008 kurzzeitig die Marke von 1000 Euro übersprang. 2005 war Porsche bei Volkswagen einstiegen und hatte seine Anteile an dem Wolfsburger Autoriesen peu à peu erhöht. Porsche-Chef Wiedeking wies damals die Absicht, die Stuttgarter wollten letztlich 75 Prozent an VW und damit einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag stets als Unterstellungen zurück. Bis zum 26. Oktober 2008: An diesem Tag erklärte Porsche, man verfüge mittels Aktien und Optionen bereits über 74 Prozent an der VW AG und werde die magische Drei-Viertel-Grenze nehmen. Der VW-Kurs explodierte, nachdem er zuvor lang bei rund 150 Euro verharrt hatte. Viele Anleger hatten in dieser Zeit ihre Anteile verkauft und sehen sich heute durch die Taktik Porsches um viel Geld geprellt.

Letztlich scheiterte Porsche mit seinen Plänen – so die heute gängige Sicht. Die komplizierten Optionsgeschäfte, mit denen sich die Stuttgarter die Mehrzeit an VW sichern wollten, waren nicht mehr beherrschbar. Die Finanzkrise und Weigerung der Banken, weiteres Geld zu geben, taten ihr übriges. VW drehte den Spieß um und schluckte Porsche. Faktisch. In Stuttgart sieht man das bis heute anders, und faktisch ist die Porsche Holding SE mit 50,7 Prozent der Stammaktien Mehrheitsaktionär von VW. Die Richtung wird abervon dem entscheidenden Anteilseigener und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch vorgegeben und im Tagesgeschäft vom VW-Vorstand. Heute ist Porsche eine der Marken im VW-Konzern.

Holger Härter muss sich in Stuttgart bereits als Folge der gescheiterten Übernahmeschlacht persönlich vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte in diesem Jahr bereits gegen ihn und zwei weitere Verantwortliche aus dem Finanzbereich der Porsche Holding SE wegen hinreichendem Tatverdachts auf Kreditbetrug im Zusammenhang mit dem Übernahmeversuch von VW durch Porsche Anklage erhoben. Die Beklagten bestreiten die Vorwürfe. Gleichzeitig laufen mehrere Klagen von Anlegern oder deren Vertretern gegen Porsche, dabei geht es um Milliardenforderungen.

In einem Punkt musste die Staatsanwaltschaft im Fall Wiedeking jedoch bereits zurückrudern: Der zunächst von den Strafverfolgern geäußerte Verdacht der sogenannten "handelsgestützten Marktmanipulation" konnte nicht erhärtet werden und wurde daher fallen gelassen. Hintergrund dabei war der Vorwurf, dass Porsche zusammen mit einer Bank den Kurs der VW-Aktie über gezielte Käufe und Verkäufe der Papiere manipuliert habe.

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