19.12.12

Euro-Krise

Musterschüler Irland bittet die EU noch um Geduld

Irland übernimmt im nächsten Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft. Wirtschaftsminister Richard Bruton hofft im Gepräch mit der Berliner Morgenpost auf eine Lockerung der Konditionen beim Schuldenabbau.

Foto: Infografik Die Welt

Irland hat derzeit das größte Haushaltsdefizit
Irland hat derzeit das größte Haushaltsdefizit

Richard Bruton eilt der Präsidentschaft voraus. Ab 1. Januar wird Irland den Vorsitz des Europäischen Rates übernehmen und deshalb kommen die irischen Fachminister nach Berlin und in andere europäische Hauptstädte, um das Programm für das kommende Halbjahr vorzubereiten. So auch Bruton, der irische Superminister für Arbeitsplätze, Unternehmen und Innovation – kurz: für die Wirtschaft. Irland gilt als Musterschüler unter den europäischen Krisen-Volkswirtschaften.

Die Welt: Herr Bruton, die Wettbewerbsfähigkeit der irischen Unternehmen hat sich verbessert, die Exporte wachsen kräftig, zuletzt ist die Arbeitslosigkeit stärker gesunken als erwartet. Wie gut geht es Irland denn wirklich?

Richard Bruton: Das ist keine leichte Frage. Die irische Wirtschaft ist im Moment zweigeteilt. Die Lohnstückkosten sind gesunken und andere Kosten wie Mieten sind ebenfalls weit niedriger als vor der Krise. Die Exportunternehmen gewinnen deshalb wieder an Fahrt. Wir hatten schon vor der Krise sehr wettbewerbsfähige Firmen aus der IT-Technik, der Medizintechnik und der Finanzwirtschaft. Und genau das sind jetzt auch die Unternehmen, die unsere wirtschaftliche Erholung antreiben. Zwischen 2000 und 2008 hatten sie stark an internationaler Konkurrenzfähigkeit verloren, aber jetzt wachsen ihre Auslandsgeschäfte wieder.

Die Welt: Sie sprachen von einer zweigeteilten Wirtschaft.

Bruton: Leider ja, denn Firmen, die auf den Heimatmarkt Irland ausgerichtet sind, leiden. Die privaten Haushalte geben weniger aus, genauso wie der Staat. Auch die Investitionen der Unternehmern sind dramatisch eingebrochen.

Die Welt: Das sind die Folgen der Sparprogramme…

Bruton: Und der sehr schmerzhaften Kürzungen, die wir durchsetzen mussten, ganz besonders bei den Beschäftigten im öffentlichen Sektor. Deren Gehälter wurden erheblich gekürzt, und der gesamte öffentliche Dienst ist heute zehn Prozent kleiner als noch vor drei Jahren. Irland hat Fortschritte gemacht, aber wir sind noch nicht aus dem Schneider. Die Arbeitslosigkeit ist seit Platzen der Immobilienblase um 15 Prozent gestiegen. Und mehr Menschen wandern aus; die Zahl der Iren, die im vergangenen Jahr das Land verlassen hat, entsprach 60 Prozent der Schulabgänger.

Die Welt: Dem Musterschüler Irland geht es also gar nicht so gut, wie wir immer schreiben.

Bruton: Die Lage ist immer noch durchwachsen, aber wir merken, dass es voran geht: Es kommen mehr Investitionen aus dem Ausland und unsere heimischen Firmen exportieren wieder mehr. In diesem Jahr wird die irische Volkswirtschaft wohl um etwas weniger als ein Prozent wachsen, 2011 war es etwas mehr als ein Prozent und im kommenden Jahr dürfte das Plus wieder knapp über einem Prozent liegen. Die Wirtschaft entwickelt sich noch recht langsam, aber ich denke, dass wir kurz vor einem Wendepunkt stehen, ab dem die irische Wirtschaft wieder kräftiger wächst. Bereits im kommenden Jahr könnte es soweit sein.

Die Welt: Trotz aller Fortschritte sind allerdings die Finanzprobleme Ihres Landes bei weitem noch nicht gelöst.

Bruton: Ja, unsere enorme Verschuldung hängt wie eine düstere Wolke über der ansonsten recht günstigen Entwicklung. Das ist eine gewaltige Bürde, die auf unserer Volkswirtschaft lastet. Und bedenken Sie: Staatsschulden aus der Bankenrettung stellen 40 Prozent des BIP. Wir versuchen gerade in Verhandlungen mit unseren europäischen Partnern die Schuldenlast etwas zu mildern. Das ist dringend nötig.

Die Welt: Dabei geht es um Kredite der irischen Notenbank an den Staat für die Rettung des Bankensektors.

Bruton: Genau. Das waren Hilfen, die wir zur Rettung der Anglo-Irish Bank von der irischen Notenbank und damit vom Euro-System bekommen hatten. Die Rückzahlungsbedingungen für das Zentralbankgeld sind sehr sehr hart, wir müssen dafür jedes Jahr drei Milliarden Euro aus dem laufenden Haushalt aufbringen. Das ist für uns eine gewaltige finanzielle Bürde.

Die Welt: In den vergangenen Wochen sind die Risikoprämien für irische Staatsanleihen stark gefallen. Die Finanzmärkte erwarten offenbar ein zweites Rettungspaket für Irland.

Bruton: Das hängt davon ab, was Sie meinen, wenn Sie von einem zweiten Rettungspaket sprechen. Das wollen wir überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: Wir bemühen uns darum, das laufende Rettungspaket zu verlassen und wollen kein zweites. Vor wenigen Monaten haben wir uns erst wieder an die Finanzmärkte getraut und haben es geschafft, 5,25 Milliarden Euro zu sehr ordentlichen Konditionen zu leihen. Und wir erwarten, dass eine Einigung mit den Euro-Partnern uns dabei helfen wird, schneller wieder in der Lage zu sein, unseren gesamten Finanzbedarf an den Finanzmärkten zu sichern.

Die Welt: Wie könnte Ihnen eine Umstrukturierung der Schulden dabei helfen?

Bruton: Wenn Irland günstigere Konditionen für die Schulden bekäme, die der irische Staat für die Bankenrettung gemacht hat, würde das unsere Haushaltslage erheblich verbessern. Und je nachdem, wie die Einigung aussieht, könnten die Hilfen anders verbucht werden und das würde unsere Schuldenlast reduzieren.

Die Welt: Dabei scheinen die Märkte Irland ohnehin sehr viel zuzutrauen.

Bruton: Vermutlich auch deshalb, weil wir bereits 160 Maßnahmen des Rettungsprogramms umgesetzt haben, und zwar pünktlich und vollständig. Und wir werden auch mit den verbleibenden Maßnahmen so umgehen. Deshalb erwarten wir auch, dass die Euro-Partner uns entgegenkommen werden, wenn es darum geht, die Schulden zur Bankenrettung zu strecken und die Konditionen zu lockern. Die irischen Staatsschulden werden kommendes Jahr 120 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen. Die Kredite für die Rettung der Banken machen 40 Prozent unseres BIP aus.

Die Welt: Erwarten Sie, dass die europäischen Zentralbanken das Geld erlassen?

Bruton: Nein, wir wollen keinen Schuldenerlass. Ich bin nicht an den laufenden Verhandlungen beteiligt, aber wir wollen, dass die Rückzahlung der Schulden gestreckt wird und dass der Zinssatz auf die Kredite auf ein vernünftiges Maß gesenkt wird. Die hohen Zahlungen, die wir im Moment jedes Jahr leisten müssen, sind nicht nachhaltig.

Die Welt: Notenbanker der EZB fürchten, solch ein Entgegenkommen könnte als Finanzierung des Staates durch die Notenbank gedeutet werden – die ja in den Euro-Verträgen verboten ist.

Bruton: Ja, Einigen mag das so erscheinen, aber wir sehen das anders. Irland war das erste Land in Europa, das seine Banken retten musste. Der irische Staat ist dabei in Vorleistung gegangen und die Steuerzahler mussten leiden, um eine Ansteckung in Europa zu verhindern. Niemand kann uns unsolide Haushaltspolitik vorwerfen. Erinnern Sie sich: Mitte des vorangegangenen Jahrzehnts hat die irische Regierung geplant, die Staatsschulden komplett zurückzuzahlen, weil wir so solide gewirtschaftet haben. Die geplatzte Immobilienblase hat das dann verhindert. Wir wissen, dass Berlin und Paris Bedingungen für Hilfen wollen und das respektieren wir. Aber wir wollen auch sicherstellen, dass Irland eine wirkliche langfristige Perspektive hat.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Bei den Lohnverhandlungen gab es eine Einigung bei den BVG
15:55Lohnverhandlungen
Beschäftigte werden an Erfolg der BVG beteiligt

Die Löhne der BVG-Beschäftigten sollen in drei Schritten bis 2015 erhöht werden. Das ist das Ergebnis der Tarifverhandlungen. Außerdem gibt es eine Erfolgsbeteiligung. Ein Streik ist abgewendet. mehr...


An der Fleischtheke eines Supermarktes starb der 82 Jahre alte Marcel M.
14:55Mord an Fleischtheke
Mutmaßlicher Messerstecher – Hausmeister fühlte sich bedroht

Marcel M. starb mit 82 Jahren, nachdem er an der Fleischtheke niedergestochen wurde. Den mutmaßlichen Täter kennen die meisten Nachbarn nicht, ein Hausmeister erinnert sich aber an eine Begegnung. mehr...


Rocket-Internet-Geschäftsführer Alexander Kudlich in der Firmenzentrale in Mitte
13:32Rocket Internet
100 Millionen Dollar für Expansion von Zalando-Klon Zalora

Der von Rocket Internet nach dem Zalando-Vorbild in Südostasien gegründete Modeversender Zalora geht auf Expansionskurs. Finanziert von Kinnevik, Summit Partners und Tengelmann. mehr...


Maskierte Polizisten durchsuchen wegen des Verdachts der Bildung einer linksextremistischen Vereinigung ein Haus in Magdeburg
Aktualisiert vor 10 MinutenKriminalität
Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Linksextremisten

In Berlin und Magdeburg hat die Polizei Objekte von mutmaßlichen Linksextremisten durchsucht. Dabei soll es sich um eine Gruppe handeln, die mehrere Sprengstoffanschläge in Berlin verübt. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. AuslandWahl im IranDie Wächter haben gesiebt. Aber was will Gott?
  2. 2. Borussia DortmundVerletzter BVB-StarGötze fällt fürs Champions-League-Finale aus
  3. 3. DeutschlandVersuchtes AttentatBonner Bombe – Spur führt zu bekanntem Salafisten
  4. 4. WirtschaftEU-EnergiepolitikEnergie-Bosse warnen Europa vor dem Strom-Kollaps
  5. 5. DeutschlandArbeitsmarktVon der Leyen verrät das deutsche Erfolgsgeheimnis
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote