20.12.12

Werksschließungen

Wenige deutsche Firmen verordnen Zwangsurlaub

Krisenmodus zur Weihnachtszeit? Danach sieht es nicht aus: Werkschließungen sind in diesen Tagen Mangelware. Nur wenige Unternehmen schrumpfen in den Ferien Arbeitszeitkonten.

Foto: dapd

BMW-Werk in Regensburg. Die Bänder werden über Weihnachten bis zum Dreikönigsfest stillstehen
BMW-Werk in Regensburg: Die Bänder werden über Weihnachten bis zum Dreikönigsfest stillstehen

Es ist eine Welt der zwei Geschwindigkeiten in der deutschen Industrie. In München wird sie sichtbar. Am Werk des Autobauers BMW herrscht Hochbetrieb. Die Autofabriken des Münchner Edelherstellers brummen und laufen unter Volllast.

Doch schon wenige Kilometer weiter im Norden ist die Welt eine andere. Beim Lastwagenbauer MAN werden von Heiligabend bis 11. Januar die Bänder stillstehen. Drei Tage später beginnt für 5300 Mitarbeiter die Kurzarbeit.

Die deutsche Wirtschaft spürt die Wirtschaftskrise. Doch auf den Krisenmodus hat sie noch nicht flächendeckend umgeschaltet. Das zeigt eine Umfrage der Berliner Morgenpost in zahlreichen Branchen. Nur wenige Unternehmen werden die Weihnachtsferien nutzen, um Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter zu reduzieren und die Produktion zu drosseln. Dabei sind die Wirtschaftsaussichten mau. Für das kommende Jahr erwarten Volkswirte allenfalls ein Miniwachstum.

Ein Indiz für die Verfassung der Unternehmen ist die Länge der Weihnachtsferien. Viele Unternehmen schließen ihre Fabriken traditionell über die Feiertage. Oft lohnt es sich nicht, zu produzieren, weil ohnehin die meisten Mitarbeiter freinehmen. Zudem nutzen sie die Zeit für überfällige Wartungsarbeiten. Wer die Produktion drosseln muss, weil es nicht genügend Käufer gibt, kann die Weihnachtsferien einfach um einige Tage oder gar Wochen verlängern.

Spielraum für Arbeitszeitverkürzung geringer

Die Unsicherheit bei den Unternehmen über die konjunkturelle Entwicklung ist nun allerdings groß. Niemand in den Führungsetagen der deutschen Industrieunternehmen weiß, wohin sich die Wirtschaft genau entwickeln wird. "Mit dem Absturz rechnet zwar keiner, doch mit deutlich verringertem Wachstum", sagt Max Falckenberg, Restrukturierungsexperte bei Roland Berger.

Die deutschen Unternehmen haben in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet, sich auf eine solche Situation einzustellen. Schneller als bislang wollen sie künftig auf konjunkturelle Schwankungen reagieren können. "Unternehmen stellen sich auf größere Absatzschwankungen ein, die nicht mehr wie früher bei vier oder fünf Prozent, sondern gleich im zweistelligen Bereich liegen", sagt Falckenberg. Sie setzen stärker auf Zulieferbetriebe und Leiharbeit.

Der Spielraum für klassische Arbeitszeitverkürzung ist allerdings geringer geworden. Die Arbeitszeitkonten sind nicht mehr so prall gefüllt, wie sie es vor drei Jahren waren, als die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die boomende Weltwirtschaft in den Abgrund riss.

Teilweise konnten Unternehmen damals ein halbes Jahr die Produktion stillstehen lassen, nur indem sie die übervollen Arbeitszeitkonten leer laufen lassen. Der Spielraum zu Weihnachten ist geringer geworden.

Ruf nach Wiedereinführung der Krisen-Kurzarbeit

Die Erholung war zu kurz als dass Arbeitszeitkonten stark aufgefüllt werden konnten. In den Krisenjahren 2008 und 2009 reduzierten sich laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Guthaben auf den Arbeitszeitkonten im Mittel um gut zehn Stunden. 2010 und 2011 haben sich die Guthaben zusammengerechnet dann nur um 7,5 Stunden erhöht – und 2012 wird es eine leichte Abnahme um 0,2 Stunden geben.

Unternehmen und Gewerkschaften fordern daher schon seit Monaten die Wiedereinführung der Krisen-Kurzarbeit. Während der Krise 2008 und 2009 konnten die Arbeitgeber die Kurzarbeit besonders unbürokratisch einführen, und sie wurde von sechs auf 24 Monate verlängert.

Vor allem aber wurde sie billiger gemacht: Die Bundesagentur für Arbeit übernahm den Arbeitgeberanteil für die Zahlung der Sozialversicherungsbeiträge. Bisher aber weigert sich die Bundesregierung, dem Wunsch der Sozialpartner nachzukommen, sie verlängerte lediglich den Zeitraum von sechs auf zwölf Monate. Es gebe keinen "Grund zur Hektik", sagte jüngst Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Die Inanspruchnahme liege noch unter dem Niveau des Vorjahres und im Rahmen des Üblichen. Für eine Forderung zeigt sich die Ministerin aber schon jetzt offen: Sie prüft die Einführung der Kurzarbeit für Leiharbeiter. Von der muss allerdings noch der FDP-Koalitionspartner überzeugt werden.

Gemischtes Bild bei den Autobauern

Die Frage ist, wie stark die Nachfrage nach solchen Instrumenten am Ende sein wird. Große Teile der deutschen Industrie geben sich noch bärenstark. Bei Deutschlands Maschinenbauern sind verlängerte Weihnachtsferien etwa kein flächendeckendes Thema. Durchwachsen ist die Lage bei den deutschen Autobauern.

Den Premiumherstellern geht es noch hervorragend. Etwa BMW. Die Werke werden zwar über die Weihnachtsfeiertage bis zum Dreikönigsfest teilweise stillstehen und manche Standorte wie Regensburg nutzen die Ferienzeit für längere Wartungsarbeiten. Doch generell laufen die Werke auf Hochtouren. Die Auslastung liegt auf dem Niveau des Vorjahres, heißt es bei BMW. Kurz: Von Krise keine Spur.

Volkswagen noch vorsichtig

Auch bei Audi läuft es rund. Die Volkswagen-Tochter wird in diesem Jahr einen Rekordabsatz von mehr als 1,4 Millionen Fahrzeugen erzielen. Die Auslastung sei weiter "auf hohem Niveau", heißt es. Aufgrund schwächerer Nachfrage in Südeuropa gebe es zwar Anpassungen, die zuletzt das Werk in Neckarsulm betrafen, ansonsten herrscht die reguläre Betriebsruhe zur Weihnachtszeit.

Daimler wird zum Jahreswechsel in der Pkw-Produktion normale Ferien machen. Das sind in der Regel zwei Wochen. Vorsichtig manövriert Volkswagen. In den zehn deutschen Werken stehen die Bänder in der letzten Kalenderwoche 2012 und der ersten Woche des kommenden Jahres still. Im Werk Emden, in dem der Passat montiert wird, endete das Arbeitsjahr 2012 gar bereits am 13. Dezember. Ein Volkswagen-Sprecher sagte: "Wir fahren auf Sicht und gehen dosiert in das neue Jahr."

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