19.12.12

Psychologie

Wie Kinder ein Massaker wie in Newtown verkraften

In Newtown sahen Grundschüler ihre Freunde sterben – oder sie verstehen langsam, dass der Banknachbar nicht mehr wiederkommt. Wie bewältigen Kinder in diesem Alter ein solches Trauma?

Foto: REUTERS

Diese beiden Kinder haben den Amoklauf an ihrer Schule in Newtown überlebt. Eltern und Verwandte müssen jetzt beobachten, ob ein Kind so schwer mit dem Erlebten zu kämpfen hat, dass es professionelle Hilfe braucht
Diese beiden Kinder haben den Amoklauf an ihrer Schule in Newtown überlebt. Eltern und Verwandte müssen jetzt beobachten, ob ein Kind so schwer mit dem Erlebten zu kämpfen hat, dass es professionelle Hilfe braucht

Vielleicht wollen sie nicht darüber reden, über die Schüsse, die Schreie. Aber möglicherweise lassen sie ihre Spielsachen wild um sich ballern oder spielen auch mal Toter Mann. Nach dem Blutbad an einer Grundschule in den USA fragen sich viele, wie der Schrecken sich auf die seelische Verfassung der Kleinen auswirkt, die mit dem Leben davongekommen sind.

Bei Menschen jeden Alters kann es nach Gewalterfahrungen lange dauern, bis sie sich wieder sicher fühlen. Anhaltende Angstzustände, Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen können auftreten. Doch wenn Trauer und Furcht erst einmal verblasst sind, sagen Experten, werden die kleinen Überlebenden von Newtown wahrscheinlich ohne langfristige emotionale Probleme damit fertig werden. "Kinder sind eigentlich sehr robust", erklärt Matthew Biel, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medstar-Klinik der Universität Georgetown.

Bewältigung mit Action-Figuren

Ein Weg, ein Trauma zu bewältigen, führt über das Spiel. Kleine Kinder könnten ihre Action-Figuren oder ihre Stofftiere nehmen und damit das Erlebte nachspielen, vielleicht auch mehrmals. "Auf diese Weise können sie eine Situation beherrschen, die überwältigend ist", erklärt Biel.

Grund zur Sorge sieht er nur dann, wenn das Kind beim Spiel erkennbar verstört ist. Möglicherweise stellten Eltern fest, dass Kinder beim Räuber-und-Gendarm-Spiel sich auch einmal tot stellen, ergänzt Melinda Brymer vom Kinder-Traumazentrum der UCLA. Wichtig wird es sein zu erkennen, ob ein Kind so schwer mit dem Erlebten zu kämpfen hat, dass es professionelle Hilfe braucht.

Langzeitfolgen bei wenigen Kindern

Zu Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) speziell bei Kindern mit Gewalterfahrung gibt es nur wenig Forschung, noch weniger sogar zu der Frage, ob kleinere Kinder schlechter darüber hinweg kommen als größere. Generell deuten Studien bei Naturkatastrophen und Kriegen darauf hin, dass sich die meisten Kinder irgendwann von traumatischen Erfahrungen erholen und nur ein kleiner Teil Langzeitfolgen wie PTSD zeigt.

Das können zehn bis 25 Prozent der Überlebenden sein – je nachdem, was sie im Einzelnen erlebt haben, wie Brymer in ihren Untersuchungen von Schulmassakern festgestellt hat. Eine umfassendere Studie von 2007 ergab, dass 13 Prozent der Kinder in den USA, die verschiedenartige Traumata erfuhren, einige Symptome von PTSD entwickelten. Doch nur bei weniger als einem Prozent waren diese so ausgeprägt, dass eine Diagnose gestellt wurde.

Bei den Kindern aus Newtown sieht die Wissenschaftlerin Carol North das größte Risiko länger anhaltender Probleme bei denen, die mit ansahen, wie jemand getötet wurde. Doch auch andere, die nicht so nahe dran waren, könnten besonders gefährdet sein, wenn sie bereits andere traumatische Erfahrungen oder Angststörungen mitbrächten, erläutert die Expertin.

Nicht über das Erlebte aushorchen

Unmittelbar nach einer traumatischen Erfahrung ist es normal, dass Kinder Albträume oder Schlafstörungen haben, besonders anhänglich oder nervös oder launisch sind, wie Biel erklärt. Eltern, die helfen wollten, sollten am besten auf ihr Kind eingehen: Es über das Erlebte auszuhorchen, sei nicht gut, warnt er. Das eine stelle vielleicht von sich aus viele Fragen und brauche Bestätigung und Sicherheit. Das andere sei eher still und nachdenklich und wolle das Erlebte aufschreiben, malen oder nachspielen. Kleinere Kinder gingen möglicherweise einen Entwicklungsschritt zurück, klammerten oder bekämen Wutanfälle.

Vor der zweiten Klasse befinde sich das Gehirn zudem in einem Entwicklungsstadium, das auch als "magisches Denken" bezeichnet werde und in dem Wirklichkeit und Fantasie schwer zu unterscheiden seien, gibt Brymer zu bedenken. Da sollten Eltern ihrem Kind helfen zu begreifen, dass der gestorbene Freund keine Schmerzen hat oder einsam ist – aber dass er auch nie mehr wiederkommt.

Quelle: dapd
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