16.12.12

Antibiotika

Je größer der Stall, desto höher die Antibiotika-Dosis

Masthähnchen, Kühe und Schweine erhalten in Deutschland viel zu oft und viel zu viele Antibiotika. Agrarministerin Aigner will den Verbrauch nun eindämmen. Vor allem die Tierärzte sind skeptisch.

Von Marion Meyer-Radtke
Foto: dpa

Putenstall in Niedersachsen: Die Branche hat offenbar ein Problem mit Antibiotika
Putenstall in Niedersachsen: Die Branche hat offenbar ein Problem mit Antibiotika

Tierarzt Norbert Roers kann es immer noch nicht fassen: "Bis vor kurzem haben wir noch zusammen Kaffee getrunken", erzählt er. Aber wie sollte er seinem Bekannten diese Entscheidung verdenken?

Rein wirtschaftlich betrachtet war das Angebot der Konkurrenz unschlagbar: Der Landwirt lässt seine Mastschweine jetzt von einer großen Praxis betreuen. "Die haben 24 Tierärzte, die nur durch die Gegend fahren und Medikamente verkaufen", sagt Roers.

Die Arzneimittel überlässt diese Großpraxis den Landwirten deutlich billiger, als er das leisten kann, und die regelmäßige Betreuungsdokumentation der Tiere übernimmt sie ohne Honorar.

Immer weniger Einzelkämpfer

Einzelkämpfer wie Norbert Roers können da nicht mithalten – vor allem dann nicht, wenn sie versuchen, Einzeltiere zu behandeln, um den Einsatz von Medikamenten so gering wie möglich zu halten. Aber sollte das nicht grundsätzlich das Ziel sein?

Vor allem der Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung wird in Deutschland seit Jahrzehnten heftig diskutiert. Früher wurden sie gerne mal in der Mast verabreicht, damit die Tiere stärker wuchsen.

Das ist in der EU seit 2006 verboten. Für die Bekämpfung bestimmter Infektionskrankheiten aber sind Antibiotika auch bei Tieren bis heute unabdingbar. Erschreckend sind allerdings die Mengen, die an die Tiere verfüttert oder ihnen injiziert werden.

Das Verbraucherministerium Nordrhein-Westfalen kam in einer im November 2011 veröffentlichten Studie zu der Erkenntnis, dass neun von zehn Masthühnern in ihrer kurzen Lebenszeit Antibiotika erhalten.

Etwa zur gleichen Zeit stellte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium in einer eigenen Erhebung fest, dass dort bei 82 untersuchten Masthuhn-Betrieben rund 76 Prozent der Tiere Antibiotika bekommen hatten.

Kein Kalb wird ohne Antibiotika groß

Von den rund 22.500 Mastkälbern wurde kein einziges ohne Antibiotikum groß – jedes zweite erhielt einen Cocktail aus mindestens neun, manchmal bis zu 20 verschiedenen Mitteln.

Insgesamt gab die Pharmaindustrie im Jahr 2011 in Deutschland rund 1734 Tonnen Antibiotika an Tierärzte ab, wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im September bekannt gab. Zu viel, da sind sich alle Experten einig.

Vor allem deshalb, weil der massive Einsatz von Antibiotika in der Tiermast die Entwicklung von Resistenzen begünstigt: Bakterielle Erreger werden unempfindlich gegen bestimmte Wirkstoffe, so dass diese Antibiotika in der Humanmedizin nicht mehr wirken.

Um die Antibiotika-Vergabe einzudämmen, will Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) das Arzneimittelgesetz ändern. Kern der Novelle, die im Frühjahr in Kraft treten soll: Die Landwirte sollen künftig jeden Einsatz von Antibiotika in einer zentralen Datenbank melden.

Aus diesen Zahlen ermittelt das BVL Durchschnittswerte – liegt ein Betrieb über dem Mittel, können die zuständigen Landesbehörden ihn zu besseren Haltungsbedingungen für die Tiere verdonnern. Ob die Beamten allerdings wirklich aktiv werden, liegt ganz in ihrem Ermessen. Automatische Konsequenzen sieht der Entwurf nicht vor.

Glücklich macht dieser Plan niemanden: Die Bauern klagen über den bürokratischen Mehraufwand, die Verbraucherschützer darüber, dass die Ministerin keine konkreten Reduktionsziele benennt – und aus Sicht der Tierärzte geht die Gesetzesänderung sowieso grundsätzlich an den wahren Problemen vorbei.

"Mit dieser Novelle sind wir genauso weit, wie wir es schon immer waren", sagt Hans-Joachim Götz, Präsident des Bundesverbands Praktizierender Tierärzte (bpt). "Wir Tierärzte erstellen schon seit zehn Jahren eine lückenlose Dokumentation über alle Medikamente, die wir einsetzen."

Behörden sind zu selten im Stall

Und die sei viel detaillierter als das, was Aigner nun fordere. Die Behörden schauten viel zu selten in die Betriebe hinein, und das werde sich auch mit der neuen Datenbank nicht ändern.

"Die Behörde kann nicht vom Grünen Tisch aus die Verhältnisse prüfen, sie muss in die Betriebe hineingehen, und wenn sie Missstände feststellt, dann muss sie auch handeln. Sonst haben wir in drei Jahren genauso hohe Zahlen wie heute, und dann heißt es wieder, die Landwirte und Tierärzte haben versagt."

Für Tierarzt Norbert Roers liegt das Versagen im System. Zwei Dinge treiben seiner Meinung nach den Antibiotika-Verbrauch: die Industrialisierung der Landwirtschaft mit immer größeren Tier beständen und die Tatsache, dass Tierärzte am Verkauf von Medikamenten verdienen.

Seit 1993 betreibt der 52-Jährige in Raesfeld am Rande des Münsterlands eine kleine Nutztierpraxis. In einem Umkreis von 20 Kilometern fährt er regelmäßig etwa 40 Betriebe mit Schweinen, Milchkühen oder Fleischrindern an, um erkrankte Tiere zu behandeln oder ihre Fruchtbarkeit und Hygienezustände zu kontrollieren.

Kleine Betriebe mit acht Kühen sind genauso dabei wie andere, die 145 Kühe im Stall haben. "Meine Praxisgröße ist absolut übersichtlich", sagt er. Und leider wird sie für ihn und viele seiner Kollegen immer übersichtlicher.

Gewaltiger Konzentrationsprozess

Seit den 2000er Jahren durchläuft die Landwirtschaft in Deutschland einen gewaltigen Konzentrationsprozess: Kleine Bauernhöfe sterben, stattdessen entstehen Tierhaltungen, deren Bestände bei Schweinen in die Tausende gehen.

Für Hähnchen gibt es Ställe, in denen 40.000 Tiere innerhalb weniger Wochen schlachtreif gemästet werden. "Es gibt einen klaren Verteilungskampf", sagt Roers. "Die Landwirtschaftsbetriebe werden immer größer und die Tierarztpraxen damit auch."

Nach einem Bericht des Deutschen Tierärzteblatts werden 90 Prozent der Masthähnchen und Mastputen in Deutschland von nur noch 15 bis 25 Tierarztpraxen betreut.

Das hat Folgen: Bei einem Bestand von tausenden oder gar zehntausenden Tieren in einem Stall steigt die Anfälligkeit für Infektionen – und der Bedarf an Antibiotika. "Wenn sie 40.000 Tiere in einer Halle haben, ist der Grad der Krankheitsübertragung sehr hoch", erläutert Verbandspräsident Hans-Joachim Götz.

Gesamt Herde wird behandelt

Und das heißt: Wenn erste Tiere Krankheitssymptome zeigen, wird die gesamte Herde behandelt. "Es ist in einem solchen Fall kein Zeichen schlechter Tiermedizin, Antibiotika an die ganze Gruppe zu verabreichen", sagt Norbert Roers.

"Denn was soll man tun? An eine Einzeltierbehandlung ist in diesem System gar nicht gedacht. Also müssen Antibiotika her – es sei denn der Bauer lässt die Tiere verrecken oder der Tierarzt wird moralisch."

Eine Lösung sieht Roers unter anderem in kleineren Ställen und in der Einrichtung von Krankenställen zur Isolierung infizierter Tiere.

Wenn aber die Landwirte große Mengen an Antibiotika benötigen, müssen sie diese möglichst günstig beziehen – und hier trudeln die Tierärzte über das sogenannte Dispensierrecht ins nächste Dilemma.

Denn der Verkauf von Medikamenten läuft über sie: Die Pharmaindustrie vertreibt die Mittel über die Praxen – und räumt bei großen Abnahmemengen hohe Rabatte ein.

Große Rabatte für die Bauern

Die Tierärzte verkaufen die Medikamente an die Bauern – zu Preisen, die sie selbst festlegen. Wer Rabatte großzügig weiterreichen kann, ist im Vorteil. Wer wie Norbert Roers bemüht ist, den Antibiotikaverbrauch gering zu halten, ist aus dem Rennen.

Grundsätzlich ist das Dispensierrecht durchaus vernünftig: Bekommt eine Kuh etwa eine Euterentzündung, hat der Tierarzt das nötige Mittel sofort zur Hand. Doch der Medikamentenverkauf trägt auch ganz erheblich zur Finanzierung der Nutztierpraxen bei.

Die Angaben schwanken von 50 bis 80 Prozent Umsatzanteil. "Bisher gibt es weder für die Landwirte noch für die Tierärzte Anreize, weniger Antibiotika einzusetzen – außer moralischen Bedenken", zieht Roers Bilanz.

Tierärztekammer fordert Preisbindung

"Weit und breit gibt es kein Konzept, wie wir Tierärzte den wirtschaftlichen Verlust kompensieren können, wenn wir weniger Antibiotika verkaufen." Um den ruinösen Wettbewerb einzudämmen, forderten sowohl die Tierärztekammer als auch der Bundesverband Praktizierender Tierärzte schon vor Jahren eine Preisbindung für Medikamente.

Blockiert wurde das im Bundeswirtschaftsministerium. Die Kosten trägt am Ende die Gesellschaft, wie Norbert Roers meint: "Die Kostenvorteile großer Landwirtschaftsbetriebe gehen zu Lasten der Einzeltierbehandlung und werden bezahlt mit einem höheren Antibiotika-Einsatz."

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