13.12.12

Zahlen und Studien

Wenn politische Einstellung die Statistik fälscht

Schrumpft die Mittelschicht nun oder ist sie doch stabil groß? Konrad-Adenauer-Stiftung und DIW kommen beim gleichen Gegenstand zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das Geheimnis liegt in der Definition.

Von Dorothea Siems
Foto: dpa

Eine typische Mittelschichtfamilie am Rennsteig im Thüringer Wald. Schrumpft die Mittelschicht oder ist sie stabil, darüber streiten die Statistiker
Eine typische Mittelschichtfamilie am Rennsteig im Thüringer Wald. Schrumpft die Mittelschicht oder ist sie stabil, darüber streiten die Statistiker

Mit Statistiken lässt sich Politik machen. Das wusste schon Winston Churchill, dem das geflügelte Wort zugeschrieben wird: "Ich traue nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe."

Dass eine Fälschung der Daten gar nicht nötig ist, um gewünschte Ergebnisse zu erzielen, zeigt sich, wenn man zwei aktuelle Studien zur Lage der hiesigen Mittelschicht vergleicht. Die eher konservative Konrad-Adenauer-Stiftung kommt zum Schluss: Deutschlands Mitte ist stabil.

Genau das Gegenteil hat das als gewerkschaftsfreundlich geltende Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zusammen mit dem Bremer Soziologen Olaf Groh-Samberg ermittelt. Das Fazit ihrer für die Bertelmann-Stiftung verfassten Studie: Die Mittelschicht schrumpfte in den vergangenen 15 Jahren von 63 auf 58 Prozent der Bevölkerung.

Unschärfe in der Definition

Ein wesentlicher Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse liegt in der Definition der gesellschaftlichen Mitte. Die Bertelsmann-Studie fasst den Kreis eng: Wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügt, zählt dazu. Die Konrad-Adenauer-Stiftung nimmt 60 und 200 Prozent als Grenzen. Bei der weiten Definition gehören viele Menschen noch in die Mitte, die in der Bertelsmann-Stiftung bereits der Unterschicht zugerechnet werden.

Wird innerhalb der – breit definierten – Mittelschicht noch einmal in obere, mittlere und untere Mittelschicht unterschieden, zeigen sich Verschiebungen: Die untere Mittelschicht hat sich in den vergangenen 15 Jahren ausgedehnt, die obere und mittlere Einkommensbereiche der Mittelschicht nicht.

Wenn heute besonders viele Menschen knapp unter 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, signalisiert dies für die einen Forscher eine alarmierende Ausweitung der Unterschicht, für die anderen nicht, weil sie diese Personen weiter zur Mitte zählt.

Ein zweiter Grund für das unterschiedliche Fazit ist der Zeitraum. Die Adenauer-Stiftung stellt fest, dass seit 2005 die Mittelschicht nicht geschrumpft ist. In den Jahren zuvor gab es jedoch einen Rückgang: Zwischen 1998 und 2005 ist der Anteil derjenigen, die über ein Einkommen zwischen 60 und 200 Prozent des mittleren Einkommens verfügen, von 83 auf 78 Prozent geschrumpft.

Unterschiedliche Zeiträume als Grundlage

In den frühen 90er Jahren war der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung dagegen leicht angestiegen. Es hat somit in der Vergangenheit keinen stetigen Trend einer schrumpfen Mitte gegeben, resümiert die Adenauer-Stiftung, sondern immer wieder Schwankungen.

Die Bertelsmann-Studie vergleicht das Niveau 1998 mit 2010. Man beginnt somit zu einem Zeitpunkt, als die Mittelschicht im wieder vereinigten Deutschland ihre bislang größte Ausdehnung erreicht hatte. Dass es danach zunächst wirtschaftlich bergab ging und die Arbeitslosigkeit 2005 mit fünf Millionen einen Rekord erreichte, hinterließ in der Mittelschicht Spuren.

Doch andere wissenschaftliche Untersuchungen des DIW zeigten, dass seit 2005 die Entspannung am Arbeitsmarkt auch die Kluft zwischen arm und reich verringert hat. Dazu passt wiederum das Ergebnis der Konrad-Adenauer-Stiftung, dass seither die Mitte stabil geblieben ist.

Es hat nichts mit wissenschaftlicher Qualität, aber viel mit politischer Einstellung zu tun, welche Einkommensgrenzen man bei der Definition von Mittelschicht wählt. Ohnehin ist das Einkommen nur ein Kriterium unter vielen. Auch die Bildung und Werte charakterisieren die Mitte. Die Analyse der Adenauer-Stiftung zeigt, dass sich beispielsweise Studenten überwiegend der Mittelschicht zurechnen, obgleich sie im Regelfall mit wenig Geld auskommen müssen.

Auch identifiziert sich das Gros der Beamten, quer durch alle Laufbahngruppen mit der Mittelschicht. Wird die Bevölkerung nach ihrer Selbsteinschätzung gefragt, sagen heute sogar mehr Menschen als noch Anfang der 90er Jahre, dass sie zur Mitte zählen. Die Bertelsmann-Stiftung hält jedoch dagegen, dass ein wachsenden Anteil der Mitte heutzutage von Abstiegsängsten geplagt wird – und schürt solche Ängste noch.

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