11.12.12

Industriekonzern

ThyssenKrupp streicht nach Mega-Verlust Dividende

Es ist ein Novum in der Geschichte des Stahlkonzerns ThyssenKrupp: Zum ersten Mal erhalten die Aktionäre keine Ausschüttung. Die Suche nach den Schuldigen für den Verlust läuft.

Quelle: dapd
11.12.12 1:53 min.
Die Quartalszahlen wiesen unterm Strich ein Minus von rund 5 Millarden Euro aus.

Milliardenschwere Fehlinvestitionen in Übersee haben neue Löcher in die Bilanz des angeschlagenen Industriekonzerns ThyssenKrupp gerissen. Das Unternehmen schrieb weitere 3,6 Milliarden Euro auf die erst vor kurzem fertiggestellten Anlagen in der Brasilien und den USA. Das führte zu einem Verlust von 5 Milliarden Euro im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr.

Bereits vor einem Jahr hatte der Konzern wegen hoher Wertberichtigungen einen auf die eigenen Aktionäre anfallenden Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht.

Novum in Geschichte von ThyssenKrupp

Der Horror-Verlust führt zu einem Novum in der Geschichte von ThyssenKrupp – die Dividende fällt aus. Der Einzelabschluss weise kein ausschüttungsfähiges Ergebnis aus, erklärte das Unternehmen. Die Stahlwerke in Übersee standen zuletzt noch mit einem Wert von sieben Milliarden Euro in den Büchern. Diese Einschätzung erklärte der Konzern nun als unrealistisch.

In den Verkaufsverhandlungen zeichnete sich schon früh ab, dass ThyssenKrupp nur zwischen drei und vier Milliarden Euro für die Anlagen erlösen kann. Einen Käufer präsentierte ThyssenKrupp noch nicht. Der Prozess verlaufe planmäßig, erklärte ThyssenKrupp.

ThyssenKrupp hatte nach früheren Angaben rund 12 Milliarden Euro in die Werke gesteckt – hinzu kam ein weiterer operativer Verlust von rund einer Milliarde Euro im vergangenen Geschäftsjahr.

Betriebsratschef spricht von "Fehlentscheidungen"

Der Gesamtbetriebsratschef von ThyssenKrupp Steel machte Fehlentscheidungen des Managements für den Fünf-Milliarden-Verlust des Konzerns verantwortlich. "Man hat alles auf eine Karte gesetzt und sich ein Stück weit verzockt", sagte Günter Back dem Radiosender "WDR5".

Die Verluste ließen sich seiner Meinung nach nur im Stahlbereich ausgleichen. "Wenn man diesen Verlust im Konzern überhaupt wieder einbringen will, dann geht das nur mit Stahl."

Back betonte, der Betriebsrat werde "mit Argusaugen darauf achten, dass es eben nicht zulasten der Beschäftigten geht."

Suche nach Schuldigen läuft

Im Konzern läuft bereits die Suche nach den Schuldigen für das Debakel. Der Aufsichtsrat bestätigte den in der vergangenen Woche angekündigten Rauswurf des halben Vorstands. Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin Eichler zum Jahresende gehen.

Hintergrund sind neben den drohenden Verlusten bei den Stahlwerkprojekten in Übersee auch zahlreiche Fälle von unsauberen Geschäftspraktiken. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht richtig durchgegriffen zu haben.

Herber Gewinneinbruch im operativen Geschäft

Auch im rein operativen Geschäft erlebte ThyssenKrupp wegen der Konjunkturschwäche und der Verluste in Übersee einen herben Gewinneinbruch. Das um Sondereffekte wie Abschreibungen bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern sackte um rund drei Viertel auf 399 Millionen Euro ab.

Dazu trug auch das schwächelnde Stahlgeschäft in Europa bei. Wegen der unsicheren Wirtschaftsaussichten ist die Nachfrage schwach. Das drückt auf die Preise. Bei ThyssenKrupp arbeitet deshalb ein Teil der im Stahlbereich tätigen Beschäftigten seit dem Sommer kurz.

Defizitäres Edelstahlgeschäft

Ausgeklammert aus den Berechnungen des operativen Gewinns ist das defizitäre Edelstahlgeschäft, das ThyssenKrupp derzeit an den finnischen Konkurrenten Outokumpu verkauft. ThyssenKrupp betrachtet die Sparte seit der im Januar getroffenen Grundsatzvereinbarung mit den Finnen als nicht-fortgeführte Aktivität.

Nach der Genehmigung durch die EU im November soll der Verkauf bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Der Verkauf soll rund 2,7 Milliarden Euro in die leeren ThyssenKrupp-Kassen spülen.

Im laufenden Geschäftsjahr rechnet ThyssenKrupp mit weiterem Gegenwind aus der Konjunktur und wegen der ungelösten Schuldenkrise. Der Umsatz – ohne Edelstahl und die Stahlwerke in Übersee – dürfte von 42,3 Milliarden auf etwa 40 Milliarden Euro sinken. Das bereinigte EBIT aus fortzuführenden Geschäften soll bei einer Milliarde Euro liegen – im abgelaufenen Geschäftsjahr lag der Vergleichswert 1,4 Milliarden Euro.

Quelle: dpa/cat
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Die gefeuerten Thyssen-Manager
  • Edwin Eichler (54)

    Der gebürtige Bayer war 2002 von Bertelsmann in den Vorstand des Ruhrkonzerns gekommen. Der als Vertrauter des früheren Vorstandschef Ekkehard Schulz geltende Manager war zunächst für den weltweiten Handel mit Werk- und Rohstoffen zuständig, später übernahm er auch noch für rund drei Jahre die Verantwortung für die Aufzugsparte. Im Zuge der Neuordnung des Konzern 2009 wurde er Chef der gesamten Stahlaktivitäten des Konzerns.

    Eichlers Vertrag war erst im vergangenen Jahr bis 2017 verlängert worden. Zuvor hatte es schon Spekulationen um seine Zukunft im Konzern gegeben. Der Manager hatte als einer der möglichen internen Kandidaten für den Vorstandsvorsitz gegolten. Doch den Posten besetzte der Aufsichtsrat Anfang 2011 mit dem früheren Siemens-Manager Heinrich Hiesinger. Eichler wird vorgeworfen, beim ersten internen Bekanntwerden des Schienenkartells nur halbherzig durchgegriffen zu haben. Im November sah der Konzern ihn durch zwei interne Gutachten noch entlastet.

  • Olaf Berlien (50)

    Der gebürtige Berliner sollte eigentlich der große Gewinner des geplanten Ausbaus des Technologiegeschäfts bei ThyssenKrupp werden. Er war im Vorstand für diesen Bereich zuständig. Jahrelang hatte er jedoch zusehen müssen, wie in seinen Geschäftsfeldern wegen der ständig steigenden Ausgaben für die neuen Stahlwerke so sehr gespart werden musste, dass der Konzern den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren drohte.

    Berlien ist seit April 2002 im ThyssenKrupp-Vorstand. Auch er soll sich Hoffnungen auf die Nachfolge des früheren Vorstandschefs Schulz gemacht haben. Sein Vertrag lief ebenfalls noch bis 2017.

  • Jürgen Claassen (54)

    Der Manager mit Wurzeln im Ruhrgebiet gilt als versierter Strippenzieher. 1985 begann er beim damaligen Krupp-Konzern. Als Assistent wurde er enger Vertrauter des späteren Krupp-Chefs Gerhard Cromme. Er stieg zum Pressechef auf und verstand es, dem heutigen Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp den Rücken bei der hart umkämpften Schließung von Stahlwerken den Rücken freizuhalten.

    Claassens Weg nach oben führte ihn 2011 in den Vorstand von ThyssenKrupp. Er galt bei manchen als Crommes Aufpasser im Management. Zugleich soll er über exzellente Kontakt zum 99 Jahre alten Konzern-Patriarchen Berthold Beitz verfügt haben, dem Chef der Krupp-Stiftung und größten Aktionär des Unternehmens.

    Dabei machte sich Claassen – der mal jovial, mal knallhart auftritt – einige Feinde. Im Vorstand war er für den Bereich Compliance zuständig – die ethisch gute Unternehmensführung. Als bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn Ermittlungen wegen Untreue prüft, ließ er sich am vergangenen Wochenende von seinen Vorstandsaufgaben zunächst vorläufig entbinden. Inzwischen hat die Justizbehörde teilweise Ermittlungen gegen Claassen eingeleitet. dpa

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