10.12.12

"Lloyds"

Nach den Billig-Arzneien kommt die Edel-Apotheke

Der Pharmahändler Celesio ist mit der Internet-Apotheke DocMorris gescheitert. Nun will das Unternehmen Europa mit einem Netz aus Apotheken überziehen, die zugleich Parfümerie und Arztpraxis sind.

Foto: Celesio

Pilot-Filiale der geplanten Celesio-Kette „Lloyds“ im britischen Bicester nahe London
Pilot-Filiale der geplanten Celesio-Kette "Lloyds" im britischen Bicester nahe London

Kosmetikdüfte durchziehen das nagelneue Ladenlokal in der Fußgängerzone der britischen Kleinstadt Bicester, Werbung für Luxusparfüms wie "Chanel" oder "Dior" erwecken den Eindruck man sei in einer Parfümerie – und auch sonst hat das Ambiente der "Lloyds"-Pharmacy wenig mit dem herkömmlichen Bild einer Apotheke zu tun.

Rechts an der Wand entlang ziehen sich mit Kosmetiktiegeln gefüllte Regale, davor bittet eine Fachkraft zur Hautanalyse, gegenüber berät ein Kollege in Sachen Schmerztherapie – erst ganz hinten dann steht sie, die traditionelle Ladentheke, hinter der die Hochregale voller verschreibungspflichtiger Medikamente verborgen sind.

Eine Mischung aus Parfümerie und Arztpraxis, aus Drogerie und klassischem Arzneimittelverkauf, in deren Zentrum der Apotheker steht - geht es nach Stephan Borchert, Vorstandsmitglied des Pharmagroßhändlers Celesio, soll so die Apotheke der Zukunft aussehen. Vergangene Woche gab das Stuttgarter Unternehmen den Startschuss für ein neues Apothekenkonzept, das die Rolle des Apothekers ausbauen und ihn verstärkt als Gesundheitsberater einsetzen will.

Noch steckt das Projekt mit vier Pilot-Geschäften in Italien und Großbritannien zwar in der Erprobungsphase, doch dabei soll es nicht bleiben: "Mit dem Namen 'Lloyds' wollen wir in den kommenden Jahren die führende Apothekenmarke Europas aufbauen", sagt Celesio-Vorstand Borchert in dem bei London gelegenen Bicester und kündigt an, zunächst seine 2200 eigenen Apotheken schrittweise einzugliedern und sich dann europaweit auf die Suche nach Partnern zu machen.

Strategieschwenk für die Traditionsfirma

Vor allem mit dem Angebot zusätzlicher Beratungsleistungen - etwa für die Schmerz- und Hauttherapie von Patienten wie auch im Hinblick auf die korrekte Einnahme von Medikamente - will sich Celesio dabei von der Konkurrenz abheben – und so nach Jahren der Krise endlich wieder auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zurückfinden.

Für den Konzern, der seit mehr als 175 Jahren im Pharmahandel unterwegs ist, bedeutet dies einen Strategieschwenk. Bis der im Sommer 2011 neu inthronisierte Konzernchef Markus Pinger kam, hatten die Stuttgarter voll auf den Internethandel gesetzt: Nach dem 220 Millionen Euro schweren Zukauf der Versandapotheke DocMorris sollte unter dieser Marke die Expansion sowohl im Netz als auch im stationären Arzneimittelverkauf vorangetrieben werden.

Doch die Rechnung ging nicht auf, denn statt als Wachstumspille entpuppte sich der Neuzugang allem voran auf dem Heimatmarkt als große strategische Belastung: Die erhoffte Liberalisierung des deutschen Apothekenmarkts scheiterte an den Gerichten, so dass das angestrebte Wachstum über den Aufbau von Apothekenketten hierzulande bis auf weiteres untersagt ist.

Celesio peilt bis zu 10.000 Filialen an

Noch dazu reagierten die Apothekenkunden von Celesio verschnupft, weil sich ihr Pharmagroßhändler anschickte, ihnen Konkurrenz zu machen. Am Ende also blieb der Haniel-Tochter nichts anderes übrig, als sich in diesem Herbst von DocMorris zu trennen – für magere 25 Millionen Euro Verkaufserlös. Mit dem neuen europäischen Apothekenkonzept wagt nun Celesio nach Monaten der Konsolidierung wieder einen sichtbaren Schritt nach vorn.

Noch steckt es allerdings in den Kinderschuhen. Zwar hofft Celesio-Vorstand Borchert darauf, das Netzwerk in den kommenden Jahren auf bis zu 10.000 Filialen auszudehnen. Doch der Gesundheitsmarkt ist allerorten stark reguliert, so dass der Handlungsspielraum je nach Land in Europa stark bis weniger stark beschränkt ist. Das Interesse der potenziellen Partner wird zudem nicht zuletzt davon abhängen, ob auch die Krankenkassen womöglich bereit sind, für die Zusatzleistungen der Apotheker zu bezahlen.

"Es ist klar in unserem Fokus, dass die Services auch tatsächlich vergütet werden", sagt Borchert und verweist etwa auf Frankreich, wo Apotheker auf Drängen der Politik schon heute verstärkt medizinische Dienstleistungen vornehmen und diese auch abrechnen dürften. Für konkrete Forderungen in Richtung Politik ist es ihm aber noch zu früh: "Jetzt zeigen wir erst einmal, was wir alles leisten können", sagt er.

Bis zu 500 Milliarden Dollar verschwendet

Der Ansatz fällt jedoch auch bei unabhängigen Gesundheitsexperten auf fruchtbaren Boden. Erst im Oktober hatte das IMS Institute for Healthcare Informatics in einer umfassenden Studie aufgezeigt, wie - unter anderem - eine effizientere Nutzung der Apotheken dazu beitragen könnte, die allerorten explodierenden Gesundheitskosten deutlich zu senken.

Vor allem, weil die Menschen älter werden und zudem mehr Menschen Zugang zu Medikamenten haben, sei allein das Volumen der oral verabreichten Medikamente in den vergangenen zehn Jahren weltweit um 48 Prozent gestiegen, analysierten die Experten.

Bis zu 500 Milliarden Euro der global anfallenden Kosten würden jedoch verschwendet – etwa durch den Verzicht auf den Einsatz kostengünstigerer Generika, durch Einnahmefehler oder mangelnde Einnahmedisziplin seitens der Patienten oder indem teils von verschiedenen Ärzten verschiedene Präparate verschrieben würden, deren Wirkung sich gegenseitig unterminiere.

"Es muss vor allem darum gehen, die Patienten besser zu informieren und deren Umgang mit Medikamenten besser zu kontrollieren", resümiert Murray Aitken, Chef des IMS-Institute. Gerade die Apotheker könnten hier eine entscheidende Rolle spielen. Man habe den Gesundheitsministern daher unter anderem geraten, "deren Rolle zu stärken".

Apotheker genießen mehr Vertrauen als Ärzte

Das Beispiel Großbritannien liefert schon heute Ansätze dafür, in welche Richtung so ein Modell gehen könnte. Im staatlichen Gesundheitssystem NHS (National Health Service gehören lange Wartezeiten an die Tagesordnung, so dass Patienten schon allein deshalb verstärkt den Rat der Apotheker suchen. Allein um sich von der Konkurrenz abzusetzen, bieten auch hierzulande etliche Apotheken schon verschiedene Dienstleistungen wie etwa Blutdruckmessen an.

Auch in Deutschland wäre das Umfeld günstig: Studien zufolge haben 87 Prozent der deutschen Verbraucher Vertrauen zu ihnen – womit der Berufsstand in puncto Ansehen sogar noch vor den Ärzten rangiert. Noch dazu sind die Apotheken flächendeckend und bis in die Provinz hinein vertreten.

Anders als etwa in Großbritannien, Schweden, Norwegen und Irland besitzt Celesio keine eigenen Apotheken hierzulande, das Wachstum würde also rein über Partner laufen müssen. Rund 21.000 Apotheken zählt das Land derzeit, doch das Apothekensterben ist in vollem Gange – pro Woche, heißt es, würden bis zu sechs Apotheken dichtmachen.

Misstrauen könnte zum Stolperstein werden

Grund dafür sind Nachfolgeprobleme, allem voran auf dem Land. Andererseits klagen die Unternehmer jedoch auch über die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen, die nach den früheren goldenen Zeiten um einiges strenger geworden sind. Im Zentrum der Kritik steht dabei immer wieder das Honorar sowie der Zwangsrabatt, den die Apotheker den Krankenkassen erlassen müssen.

Sollte sich das Geschäft mit den Zusatzleistungen tatsächlich rechnen, könnte allein aus dieser Lage heraus somit ein Anschluss an das europäische Netzwerk von Celesio sinnvoll erscheinen. "Die Mitgliedschaft sichert den inhabergeführten Apotheken Wettbewerbsvorteile gegenüber Drogerien und Supermärkten", betont Borchert.

Wie weit potenzielle Partner kooperierten, könnten sie selbst entscheiden. Denkbar sei auch, nur bestimmte Module des Modells zu übernehmen. Bislang gebe es "anfängliche Gespräche" hierzulande, sagt er. "Die müssen jetzt intensiver werden."

Größter Stolperstein bei der geplanten Expansion hierzulande dürfte dabei die eigene Vergangenheit sein – das Misstrauen nach dem DocMorris-Kauf, im Zuge dessen die inhabergeführten Apotheker Konkurrenz von ihrem eigenen Großhändler fürchteten. "Es gibt eine abwartende Haltung in Deutschland", räumt denn auch Borchert ein. DocMorris habe zu viele Interessenskonflikte nach sich gezogen. "Jetzt wollen wir einen neuen Dialog starten."

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Tipps zum Sparen in der Apotheke
  • Riesiges Sparpotenzial

    Rund 14 Arzneimittel hat jeder Deutsche im vergangenen Jahr durchschnittlich vom Arzt verordnet bekommen. 488 Euro kosteten diese verschreibungspflichtigen Medikamente pro Person. Den Großteil dafür übernimmt die Krankenkasse, doch gesetzlich Versicherte müssen sich mit Zuzahlungen von zehn Prozent, mindestens aber fünf Euro pro Medikament beteiligen. Hinzu kommen durchschnittlich 51 Euro, die jeder Bundesbürger jedes Jahr für freiverkäufliche Medikamente ausgibt. Da kommt am Ende des Jahres einiges zusammen. Doch es gibt Möglichkeiten, zu Sparen.

  • Verschreibungspflichtige Medik

    Für verschreibungspflichtige Medizin ist ein Preisvergleich nicht möglich – und auch die im europäischen Ausland ansässigen Versandapotheken dürfen nun keine größeren Rabatte oder Boni auf eingereichte Verordnungen mehr geben. Kleine Nachlässe aber sind erlaubt. Oft gibt es Gutscheine, für die freiverkäufliche Medikamente oder Kosmetika erworben werden können. Ungeklärt ist bislang, ob Mini-Rabatte pro Rezept oder pro verordnetem Medikament eingeräumt werden dürfen. Wettbewerbshüter haben ein misstrauisches Auge drauf, seit einer Entscheidung des BGH 2010. Hier warten alle Seiten auf ein klärendes höchstrichterliches Urteil. Solange können Patienten die gewährten Rabatte allerdings nutzen.

  • Freiverkäufliche Medikamente

    Für freiverkäufliche Medikamente wurde 2004 die Preisbindung aufgehoben. Seither können Apotheken Preise selbst festlegen und müssen sich nicht an Empfehlungen der Hersteller halten. Vor allem Versandapotheken, nicht nur ausländische, geben erhebliche Preisvorteile von bis zu 50 Prozent. Über Portale wie Medizinfuchs.de oder Medipreis.de können Patienten Preise vergleichen.

  • Steuern

    Die Ausgaben für Medikamente und medizinisch notwendige Behandlungen können steuerlich als „außergewöhnliche Belastungen“ geltend gemacht werden – allerdings gilt das erst abzüglich einer vom Verdienst abhängigen zumutbaren Belastung. Wie der BFH jüngst entschieden hat, fallen unter diese Position in der Steuerererklärung auch die zehn Euro Praxisgebühr, die gesetzlich Versicherte im Quartal für Arztbesuche zahlen müssen.

  • Generika

    Gerade im Sortiment der freiverkäuflichen Arzneimittel gibt es eine große Auswahl an Nachahmer-Medikamenten, so genannten Generika. Sie enthalten die gleichen Wirkstoffe wie das Originalpräparat, sind aber deutlich billiger. Über die Möglichkeit, ein günstigeres Arzneimittel mit derselben Wirkung zu kaufen, sollte ein Apotheker aufklären. Generika gibt es auch im verschreibungspflichtigen Bereich – hierüber muss dann aber der Arzt Bescheid wissen. So lassen sich zumindest Zuzahlungen reduzieren.

  • Zuzahlungsbefreiung

    Übersteigen die Kosten für notwendige Arzneimittel, Zuzahlungen und weitere Verordnungen eine bestimmte finanzielle Belastungsgrenze, können Patienten bei ihrer Kasse Zuzahlungsbefreiung beantragen. Als Belastungsgrenze gelten zwei Prozent des Bruttoeinkommens, bei Chronikern hingegen liegt die Grenze bei einem Prozent.

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