09.12.12

Textilindustrie

Wie in Kambodscha T-Shirts, Jeans und Sporthosen entstehen

In Pakistan und Bangladesch sind bei Bränden in Textilfabriken Hunderte Näherinnen gestorben. Kambodscha zeigt, wie es besser geht.

Von Sophie Mühlmann
Foto: REUTERS

Massenproduktion: Frauen nähen in einer Fabrik in Kambodscha vergleichsweise unter besseren Arbeitsbedingungen
Massenproduktion: Frauen nähen in einer Fabrik in Kambodscha vergleichsweise unter besseren Arbeitsbedingungen

Böse Geister! Als im vergangenen Jahr Kambodschas Näherinnen reihenweise umfielen und Hunderte Arbeiterinnen in elf Textilfabriken an ihren Arbeitsplätzen ohnmächtig zusammenbrachen, da konnte sich die offizielle örtliche Untersuchungskommission das Problem zunächst nur so erklären: Übersinnliche Kräfte mussten ihre Hände im Spiel gehabt haben. Kambodschas Massenkollaps hatte zuvor in der ganzen Welt für Schlagzeilen gesorgt. Denn überall, auch in Deutschland, tragen viele am Leib, wofür diese Frauen schwer geschuftet haben: T-Shirts von H&M, Jeans von Levi's, Sporthosen von Puma oder Adidas.

Für die Schwindelgefühle bei den Näherinnen waren allerdings keine Gespenster verantwortlich, sondern schlechte Sauerstoffzufuhr, chemische Ausdünstungen und Unterernährung. Die dicke Luft in den Fabriken, die langen Arbeitstage ohne Pause und die niedrigen Löhne haben den Arbeiterinnen die Luft zum Atmen genommen.

Dabei geht es in Kambodschas Textilfabriken noch vergleichsweise fair zu. Kambodscha hat sich selbst für "sweatshop-frei" erklärt. Die Arbeiter, überwiegend junge Frauen, haben ein Mindestmaß an Rechten, es gibt Sicherheitsstandards. Im Vergleich zu anderen Ländern ist Kambodschas Textilindustrie der buchstäbliche Einäugige unter den Blinden. Auch hier geht es nicht rosig zu für die fast 350.000 Arbeiter – aber immer noch besser als anderswo.

85 Dollar Monatsgehalt

"Wenn ich Überstunden mache, verdiene ich 85 Dollar im Monat", erzählt Hang Bunthom einem Kamerateam der Produktionsfirma Meta House, die für die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Initiative "Better Factories Cambodia" Kurzfilme über die Situation der Textilarbeiterinnen drehte. "Das ist genug Geld für meine Familie und mich", sagt Bunthom. Die Witwe arbeitet als Näherin bei der Moha Garment Company in einer staubigen Vorstadt von Phnom Penh. Sie hat einen 13-jährigen Sohn. "Ich arbeite jeden Tag, denn sonntags bringt der Job Extrageld."

Nach drei Jahrzehnten Bürgerkrieg und Genozid ist Kambodscha immer noch eines der ärmsten Länder der Erde. Kleidung und Textilien sind die Lebensader der Wirtschaft. Fast die Hälfte der gesamten arbeitenden Bevölkerung ist in dieser Branche beschäftigt: ein 3,47 Milliarden-Dollar-Geschäft, das vier Fünftel der Exporte des südostasiatischen Landes ausmacht.

Als die USA mit Kambodscha 1999 ein bilaterales Textilhandelsabkommen abschlossen, stellten sie eine Bedingung: Die Arbeitsgesetze sollten überholt werden. Nun sind Grundrechte wie Mutterschutz garantiert, und Kinderarbeit unter 15 Jahren ist verboten. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) führt regelmäßig Kontrollen durch.

Deshalb sticht Kambodscha heute positiv hervor – und deshalb lassen internationale Unternehmen hier auch gern fertigen, weil es ethisch verantwortlicher daherkommt und nicht nach Ausbeutung riecht. Ein gutes Fünftel der hier gefertigten Kleidungsstücke wird in die EU exportiert. Der Ruf als sozial verantwortungsbewusster Textilproduzent macht Kambodscha für amerikanische und europäische Käufer attraktiv, auch wenn es hier nicht immer so günstig ist, wie beispielsweise in Bangladesch.

Lebensunterhalt für drei bis fünf Personen verdienen

Nhim Ri ist vom Land nach Phnom Penh gezogen. "Ich arbeite seit zwei Jahren hier", erzählt die 20-Jährige. "Und ich teile mir ein Zimmer mit meinen Cousinen Chanthy und Sina." Die drei hübschen jungen Frauen tragen alle gelbe Kopftücher über ihren langen Pferdeschwänzen. Mit ihrem Job in der Unisu-Fabrik ernähren sie ihre gesamte Großfamilie auf dem Land, jede einzelne junge Frau verdient den Lebensunterhalt für drei bis fünf Personen. Ein Einkommen, das durch Arbeit auf den Reisfeldern niemals zusammenkommen würde. "Mein Baby ist krank geworden, und ich hatte kein Geld für den Doktor", erzählt Chanthy, "deshalb habe ich hier angefangen."

Das Geld, das diese Frauen monatlich nach Hause in die entfernte Provinz schicken, hat die Lebensqualität dort deutlich verbessert. Fast zwei Millionen Dollar im Monat gelangen so in die ländlichen Regionen. Weil die Näherinnen, wenn sie in die Stadt gezogen sind, essen, wohnen und von A nach B kommen müssen, entstehen weitere Arbeitsplätze in städtischer Umgebung.

Der Morgenhimmel ist um kurz vor sieben noch grau, wenn der Arbeitstag im Chom-Chau-Distrikt vor den Toren Phnom Penhs beginnt. Hier, im Vattanac Industrial Park, wurden gleich mehrere Textilfabriken aus dem Boden gestampft. Sie tragen blumige Namen wie "Long Victory", "New Rainbow" oder "Masterpiece Garments", die meisten davon in chinesischer Hand. Es sind ganze Heerscharen von Frauen beschäftigt, die von hier aus die Welt bekleiden.

Noch ist es kühl, und die Garküchen vor den Fabriken bereiten sich auf den Ansturm vor. Es riecht nach Fisch, Wasserspinat und Kohl. In großen Blechtöpfen kocht Nudelsuppe mit Schweinefleisch vor sich hin, die später als "Pausenbrot" in Plastiktütchen verpackt wird. Vereinzelt treffen die ersten Arbeiterinnen ein. Sie kommen zu dritt auf Motorradtaxen oder zusammengedrängt auf der Ladefläche von Lkws. Immer mehr Frauen strömen herbei. Ein paar Männer sind auch darunter, doch die meisten der Angestellten sind Frauen zwischen 20 und Mitte 40. Um den Hals tragen sie ihre Arbeitsausweise, die sie beim Betreten der Fabrik vor den Scanner halten. Eine Kamera filmt alles.

In der riesigen Fabrikhalle, so groß wie ein Sportplatz, stehen unter grellen Neonröhren dicht an dicht die Tische der Näherinnen. Eine schrille Klingel ertönt, und die Frauen eilen an ihre Arbeitsplätze. Dann surren die Nähmaschinen los, Garnrollen rattern, und wie ein flirrendes Spinnennetz spannen sich die Fäden über den gebeugten Köpfen der Frauen.

Ventilatoren kämpfen gegen die schwüle Hitze

An einem Tisch in der Mitte wird weißer Stoff mit roten und orangefarbenen Herzchen verarbeitet. Hier sitzt Hang Bunthom. In großen Eisenwägen ziehen andere Frauen Stoffballen hin und her, in Apfelgrün, Himbeerrot, Vanillegelb. Am Rande stehen die Büglerinnen und schieben die dampfenden Eisen über die Baumwolle. Es ist heiß, der Schweiß läuft ihnen die Schläfen hinunter. An der Wand kämpfen zwei Ventilatoren müde gegen die schwüle Hitze an.

"Sie geben uns die Zahl der Hosen vor, die wir an einem Tag fertigstellen müssen. Wenn wir zum Beispiel 1700 oder 2000 Hosen schaffen, kriegen wir einen Bonus von einem Dollar." Die Füße in Plastik-Flipflops, treten sie rhythmisch auf die Pedale der Nähmaschine. Finger mit dicker Hornhaut lenken geschickt den Herzstoff unter der Nadel entlang, während Bunthom redet. Sie ist der Gewerkschaft beigetreten, weil es viele Vorteile für sie bringt. "Als ich zum Beispiel einen Verkehrsunfall hatte, hat die Gewerkschaft meine Arztrechnung und das Essen bezahlt."

Über 1600 Gewerkschaften sind heute in Kambodscha registriert. Sie geben sich Mühe, doch oft kommt die kleine Arbeitnehmervertretung mit ihren Forderungen gegen die Arbeitgeber und die Regierung nicht an. Und wenn die Arbeiter streiken und protestieren, wie etwa im vergangenen Januar, dann fallen auch schon mal Schüsse, und die Polizei schlägt mit Stöcken auf die Frauen ein.

Aus dem Herzchenstoff sind mittlerweile Kinderkleidchen geworden. Sie hängen unter Plastiküberzügen an runden Ständern und warten darauf, in Kartons gepackt zu werden. Draußen wird es langsam dunkel, und die Frauen trotten erschöpft zum Ausgang. Sicherheitspersonal tastet alle Arbeiterinnen von oben bis unten ab. Niemand soll hier auf die Idee kommen, auch nur ein Kinder-T-Shirt unter seinem Hemd zu verstecken und nach draußen zu schmuggeln.

Die Sehnsucht nach den Reisfeldern

Ri, Chanthy und Sina holen sich ihren Lohn ab. "Warum geben sie mir so zerfledderte Scheine?", beschwert sich Chanthy lachend. "Ich habe nur 90 Dollar verdient und bin nicht so glücklich damit", sagt sie draußen und beißt sich auf die Unterlippe. "Ich muss meine Schulden zurückzahlen. Also bleibt nicht viel für mich selbst übrig – nur ein bisschen, das ich zu meiner Mutter heimschicken kann."

Auch ihre Cousinen glauben nicht, dass sie sich diesmal etwas Schönes außerhalb der notwendigen Dinge leisten können. "Vielleicht ist es nicht einmal genug für unsere täglichen Ausgaben. Vielleicht müssen wir uns wieder etwas dazuleihen", sagt Sina. Das Leben in Kambodscha wird auch durch den Erfolg der Kleiderfabriken teurer. Manchmal sehnt sich Ri beinahe nach den Reisfeldern zurück.

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