07.12.12

Milliardär Würth

"Allein in Italien haben wir 60.000 Kunden gesperrt"

Reinhold Würth (77) wurde durch sein Schraubenimperium zum Milliardär. Für ihn gehört es zum "Lauf der Dinge", dass Reiche immer reicher werden. In der Finanzkrise erkennt er eine Chance für Europa.

Von Marcel Speiser
Foto: picture-alliance/ dpa

Reinhold Würth gründete das Schrauben-Handelsunternehmen Würth
Reinhold Würth gründete das Schrauben-Handelsunternehmen Würth

Reinhold Würth spricht gerne Klartext. Der Unternehmer gründete den Schraubenhandel Würth in Baden-Württemberg und wurde zu einem der reichsten Männer Deutschlands. Der Kunstsammler glaubt an die Vereinigten Staaten von Europa und hat nichts dagegen, wenn mit seinen Steuergeldern Griechenland geholfen wird.

Die Welt: Sind Sie schon mal Peer Steinbrück begegnet?

Reinhold Würth: Ich ihm schon, aber er mir nicht.

Die Welt: Was heißt denn das?

Würth: Herr Steinbrück tritt ja oft als Redner auf und hält Vorträge. Ich saß dabei auch schon im Publikum.

Die Welt: Vielleicht sollten Sie ihn kennenlernen. Er könnte nächstes Jahr Kanzler werden. Beunruhigt Sie das?

Würth: Gar nicht. Die Vorstellung löst bei mir keine Reaktion aus.

Die Welt: SPD oder CDU ist Ihnen egal?

Würth: Die CDU ist so SPD-isiert, dass es keine großen Unterschiede mehr gibt. Die Kanzlerin arbeitet schon jetzt auf eine große Koalition hin. Steinbrück wird Vizekanzler und Finanzminister. Das ist meine Prognose.

Die Welt: Sie verfolgen also ziemlich genau, was politisch läuft in Deutschland.

Würth: Natürlich. Als Kaufmann bin ich dazu verdammt zu wissen, was in der Politik und der Wirtschaft passiert.

Die Welt: Sie sind dazu verdammt?

Würth: Mich regt die Ineffizienz der Politik auf. Aber das ist ja auf der ganzen Welt so. In Deutschland, in der Schweiz, aber auch in China oder Brasilien.

Die Welt: Dass Sie die Vorstellung eines Kanzlers Steinbrück kalt lässt, erstaunt. Schließlich machte er bereits klar, Vermögende wie Sie stärker zu besteuern.

Würth: Ich bin da neutral und zahle meine Steuern. Ich hatte nie einen Cent Schwarzgeld und habe auch jetzt keinen.

Die Welt: Sie wurden immerhin einmal wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Würth: Hätte ich zu jener Zeit so viel über Steuerstrafrecht gewusst wie heute, wäre das Verfahren ganz anders gelaufen. Die Strafe belastet mich heute noch sehr. Die Wunde ist inzwischen verheilt, aber Narben bleiben natürlich.

Die Welt: Was halten Sie von der deutschen Jagd nach Schwarzgeld auf Schweizer Banken?

Würth: Da kann ich das Maul schon etwas aufreißen. Mich stört es sehr, dass Landsleute ihr Geld in die Schweiz brachten und keine Steuern darauf bezahlten. Aber absolute Gerechtigkeit wird es nie geben.

Die Welt: Finden Sie es in Ordnung, dass der deutsche Staat geklaute Daten kauft?

Würth: Der Wohlstand der Schweiz beruht zu einem guten Teil auf dem Geschäft der Banken mit ausländischem Schwarzgeld. Das muss man fairerweise sagen. Was mich an der Geschichte am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass es bei Schweizer Banken viele Mitarbeiter gibt, die ihren Spaß am Verkauf von CDs haben. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Illoyalität gibt bei den treuen Eidgenossen.

Die Welt: Mir scheint, das schlechte deutsch-schweizerische Verhältnis ist eine Folge der Krise in Europa.

Würth: Das spielt wohl bei der Steuerdiskussion tatsächlich eine Rolle. Aus europäischer Sicht aber wird man sich in 50 Jahren über die jetzige Krise freuen.

Die Welt: Wie bitte?

Würth: Meine These ist: Aus der Krise zwischen 2008 und 2015 werden die Vereinigten Staaten von Europa entstehen. Die weitergehende Integration in Europa lässt sich nicht aufhalten.

Die Welt: Auch mit Ihren Steuergeldern wird der Schlendrian Südeuropas finanziert.

Würth: In Deutschland kennen wir den Länderfinanzausgleich. Das ist gut akzeptiert. Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Hamburg zahlen für den Rest Milliarden. Das hat zwar seltsame Folgen: Rheinland-Pfalz zum Beispiel wird dank den Ausgleichszahlungen die Pflicht locker erfüllen, jedem Kind einen Platz in einer Kinderkrippe zur Verfügung zu stellen. Bei uns in Baden-Württemberg aber fehlt wegen der Ausgleichszahlungen das Geld dafür. Egal: Ein ähnlicher Ausgleichsmechanismus wie innerhalb Deutschlands wird sich auch in Europa etablieren.

Die Welt: Und Sie finden das gut?

Würth: Oh ja. Um in Freiheit und Frieden leben zu können, lohnt sich das.

Die Welt: Sie gehören also nicht zu denen, die den Friedensnobelpreis für die EU kritisieren.

Würth: Im Gegenteil. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Das Nobel-Komitee hat eine pfiffige Entscheidung getroffen.

Die Welt: Apropos Schlendrian in Südeuropa: In Italien, Spanien oder Portugal laufen die Würth-Geschäfte schlecht.

Würth: Die drei Länder kosten uns aktuell gut zwei Prozentpunkte Umsatzwachstum. Seit Anfang des Jahres legte der Würth-Konzern beim Umsatz bloß um 4,5 Prozent zu. Ohne die Krise in Südeuropa wären es rund sieben Prozent.

Die Welt: Das heißt, die Geschäfte in Südeuropa sind praktisch tot.

Würth: Fast. Das Geld fehlt, die Kunden können nicht mehr zahlen. Allein in Italien haben wir 60.000 Kunden gesperrt. Die bekommen erst wieder neue Ware, wenn sie die alten Rechnungen bezahlt haben.

Die Welt: Läuft Griechenland besser?

Würth: Auch nicht. Ich sage meinen Leuten schon lange, macht doch unser Geschäft da unten in Griechenland zu. Die aber antworten, das sei keine gute Idee. Bald seien alle anderen Schraubenhändler tot, Würth aber sei auch nach der Krise noch da. Vielleicht hat das was. Wir werden sehen. Fakt ist: Unsere Gesellschaften haben so viel Eigenkapital, die könnten die Krise auch glatt verschlafen.

Die Welt: Können Sie die roten Zahlen in Südeuropa über die Wachstumsmärkte in Indien und China kompensieren?

Würth: Zum Teil. Der Anteil der europäischen Märkte an unserem Umsatz liegt nach wie vor bei 70 Prozent. Aber Indien und China legen Jahr für Jahr um 50 oder 60 Prozent zu. Da startet eine Rakete. Es erinnert mich an meine Jugend, als Würth auch in Deutschland so rasant zulegte.

Die Welt: Da Sie gerade davon reden: Wäre es möglich, den Erfolg von Würth noch einmal zu wiederholen?

Würth: Sicher nicht. Nicht in dieser Branche. Die Märkte sind verteilt. Ich übernahm den Betrieb ja im Alter von 19 Jahren von meinem Vater. Mit zwei Angestellten. Heute haben wir in 80 Ländern über 65.000 Mitarbeitende und machen 2012 rund zehn Milliarden Euro Umsatz. In anderen Branchen lassen sich sicher noch ähnliche Erfolgsgeschichten und Unternehmerkarrieren schreiben.

Die Welt: In welchen?

Würth: In der Informationstechnologie oder in der Pharmaindustrie. Die Grundvoraussetzungen für den Erfolg waren und sind immer die gleichen. Neugier, Spaß und Fleiß. Zwei Drittel sind Fleiß. Wer mit der Bierflasche vor dem Fernseher sitzt, wird niemals erfolgreich sein. Da kann er noch so viel studiert haben. Wer eine Firma gründet, hat in den ersten Jahren kein Wochenende und keine Ferien.

Die Welt: Sie gaben eine Vision 2020 aus. Bis dahin wollen Sie den Umsatz verdoppeln. Das ist sehr ambitioniert.

Würth: Wahrscheinlich sogar zu ambitioniert. Es sind ja nur noch acht Jahre bis dahin. Auch bei uns wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Wir sagten immer, das Umsatzziel gelte, wenn nichts Spektakuläres passiere in der Weltwirtschaft. Die aktuelle Krise halte ich aber doch für ziemlich spektakulär.

Die Welt: Sie sagten mal, ein Unternehmen sei krank, wenn es nicht um zehn Prozent wachse.

Würth: Wie gesagt: Auch bei uns wachsen die Bäume nicht in den Himmel.

Die Welt: Immerhin reicht es noch für großzügige Spenden. Sie gehören gemäß der Rangliste des "Manager-Magazins" zu den zehn reichsten Deutschen und setzen viel Geld für wohltätige Zwecke ein. Empfinden Sie das als Ihre Pflicht?

Würth: Ich halte es da mit dem Grundgesetz, Artikel 14, Absatz 2. Der Text lautet: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Meine Familie und ich können etwas tun und tun es auch gerne. Es ist der Lauf der Dinge, dass die Reichen immer reicher werden. Deshalb ist es auch richtig, dass der Staat ordnend eingreift.

Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe der Schweizer "Handelszeitung".

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