05.12.12

Luftfahrtkonzern

Berlin und Paris teilen sich die Macht bei EADS

Die Machtverhältnisse beim europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS werden neu geordnet. Die Regierungen Frankreichs, Deutschlands und Spaniens haben sich zu einer Einigung durchgerungen.

Von J. Hartmann, A. Tauber, G. Wüpper
Foto: dpa

Ein A380 der EADS-Tochter Airbus: Die Eigentümerstruktur des Konzerns wird sich stark verändern
Ein A380 der EADS-Tochter Airbus: Die Eigentümerstruktur des Konzerns hat sich verändert. Berlin und Paris werden in Zukunft mit jeweils 12 Prozent beteiligt sein, Madrid mit vier Prozent

Es sollte der wichtigste Umbau in der Geschichte des Luft- und Raumfahrtunternehmens EADS werden. Nun stehen nach monatelangen Verhandlungen endlich die Details fest: Deutschland, Frankreich und Spanien haben sich auf eine Neuaufteilung ihrer Macht über die Airbus-Muttergesellschaft geeinigt. Berlin und Paris werden künftig mit jeweils maximal zwölf Prozent am Konzern beteiligt sein, Madrid mit vier Prozent. Der zwölf Jahre alte Aktionärspakt bei EADS wird reformiert.

Die Politik lobte die Einigung überschwänglich. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Neuordnung der Machtstruktur bei EADS als zukunftsweisend für Europas Flugzeugbau. Damit könne "die Erfolgsgeschichte dieses bedeutenden deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekts fortgeschrieben werden".

Der französische Präsident François Hollande sagte: "Dieses neue Abkommen garantiert den Schutz der französischen, deutschen und spanischen Staatsinteressen im Konzern und gibt dem Unternehmen die Handlungsfreiheit, die es braucht, um seine Entwicklung fortzusetzen."

Aus staatlicher Umklammerung lösen

Die Vereinbarung stellt aus Sicht von Konzernchef Tom Enders einen wichtigen Schritt auf dem Weg dar, EADS aus der staatlichen Umklammerung zu lösen. Die Vereinbarung ziele auf eine "Normalisierung und Vereinfachung der Konzernführung" ab, teilte das Unternehmen mit. "Heute ist ein guter Tag für EADS", sagte Enders einer Mitteilung zufolge. "Das EADS-Management begrüßt mit Nachdruck die heutigen Entscheidungen und die Chancen, die sich daraus für unser großartiges Unternehmen ergeben."

Auch Daimler reagierte erleichtert. "Wir begrüßen die Neuordnung der Aktionärsstruktur der EADS mit einem beschränkten Staatseinfluss, für den wir uns stets eingesetzt haben", sagte Bodo Uebber, Finanzvorstand von Daimler.

Balance durch kompliziertes Bündnis gewahrt

Die Neuaufteilung der Macht war notwendig geworden, weil die privaten Aktionäre aus dem Kapital des Unternehmens aussteigen möchten. Bislang wird die Machtbalance der beteiligten Staaten durch ein kompliziertes Aktionärsbündnis gewahrt, an dem sowohl private als auch staatliche Eigner beteiligt sind.

So hält Frankreich indirekt 15 Prozent und der Pariser Medienkonzern Lagardère 7,5 Prozent an EADS. Die deutschen Anteile werden vom Autobauer Daimler (15 Prozent) und einem öffentlich-privaten Bankenkonsortium (7,5 Prozent) gehalten. Spanien ist indirekt mit 5,5 Prozent beteiligt.

Daimler zieht sich zurück

Der Stuttgarter Autohersteller Daimler, der zu den EADS-Gründungsmitgliedern zählte, zieht sich nun von seiner milliardenschweren Beteiligung zurück. Er gibt damit auch seine Rolle als De-facto-Statthalter der Bundesregierung ab.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte zuletzt mehrfach betont, sein Konzern wolle sich auf den Automobilbau konzentrieren. EADS bindet nicht nur Kapital, sondern ist auch eine Zusatzbelastung fürs Management. Beispielsweise sitzen die Daimler-Vorstände Bodo Uebber und Wilfried Porth im EADS-Verwaltungsrat.

Der Ausstieg von Daimler erfolgt Schritt für Schritt: Bis Jahresende darf der Autobauer 7,44 Prozent, also gut die Hälfte seines Aktienpakets, veräußern. 2,76 Prozent davon wird die KfW übernehmen. Weitere 1,9 Prozent gehen an Investoren aus dem Dedalus-Konsortium, die gehedged hatten und sich nun mit EADS-Aktien eindecken müssen. Die übrigen Aktien werden an institutionelle Investoren verkauft. Damit kann Daimler noch in diesem Monat 4,68 Prozent der EADS-Aktien am Markt platzieren.

Für die übrigen 7,5 Prozent gilt eine Halteperiode bis zum 31. Juli 2013. Danach ist Daimler frei, die Aktien am Markt zu platzieren. Die Vereinbarung sei ein "wichtiger Schritt für alle Beteiligten", hieß es bei Daimler.

Kfw wird neuer Großaktionär

Die Kfw-Bankengruppe wird indes zum neuen Großaktionär bei EADS aufsteigen. Parallel zum Kauf der genannten Anteile aus dem Daimler-Besitz wird die KfW die privat gehaltenen Aktien des so genannten Dedalus-Bankenkonsortiums aufkaufen, das insgesamt 7,44 Prozent des Aktienkapitals hält.

Damit wird die KfW gemeinsam mit anderen öffentlichen deutschen Körperschaften mit den Dedalus-Anteilen insgesamt 10,2 Prozent der EADS-Aktien halten. Nach einem Aktienrückkaufprogramm soll dieses Paket zwölf Prozent am EADS-Kapital umfassen.

EADS legt das Aktienrückkaufprogramm auf, um den privaten Aktionären den Ausstieg zu erleichtern. Es gilt für bis zu 15 Prozent der ausstehenden Aktien. Die erste Tranche des Programms von bis zu 7,5 Prozent steht allen EADS-Aktionären mit Ausnahme der Vertragsparteien offen.

Von der zweiten Tranche sind bis zu 5,5 Prozent den Anteilen vorbehalten, die Lagardère hält. Der Rest soll in einer festgelegten Reihenfolge den anderen Vertragspartnern und damit auch Daimler offenstehen.

Änderungen in der Satzung

Mit der Neuordnung werden auch Änderungen in der Satzung einhergehen. Sie sollen auf einer außerordentlichen Hauptversammlung von EADS im ersten Halbjahr 2013 beschlossen werden.

Diese Änderung soll etwa vorsehen, dass kein Einzelaktionär und auch keine Aktionärsgruppe von EADS mehr als 15 Prozent der Stimmrechte auf sich vereinen darf. Der seit 2000 geltende Aktionärspakt soll aufgelöst und durch eine "neue, begrenzte Vereinbarung zwischen den Regierungen Frankreichs, Deutschlands und Spaniens" ersetzt werden.

In der Politik wird die Einigung als Zeichen dafür gewertet, dass EADS sich nun normalisiert. "Ich sehe das als wirklichen Durchbruch", sagte Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, der "Welt". "Dies ist ein gutes politisches Signal: Einerseits für eine deutsch-französische Balance mit klaren Regelungen im neuen Aktionärspakt und andererseits ein klares Bekenntnis zu mehr markt- und privatwirtschaftlichem Engagement und Verantwortung."

Widerstand gegen staatlichen Einfluss

EADS wehrt sich traditionell gegen den hohen staatlichen Einfluss im Unternehmen. So kritisierte Konzernchef Enders einmal die Machtbalance als "deutsch-französische Zwangsjacke", aus der sich das Unternehmen befreien müsse. Enders machte auch die Machtbalance dafür verantwortlich, dass der Aktienkurs unter seinen Möglichkeitenblieb. Mit einem Streubesitz von 70 Prozent könnte sich der Kurs künftig positiver entwickeln, so die Hoffnung.

Enders verfolgt schon länger das Ziel, den staatlichen Einfluss auf EADS zu verringern. Diesem Ziel sollte etwa auch die geplante Fusion mit dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems dienen.

Enders wollte, dass die Mitgliedstaaten ihre Sonderrechte als Aktionäre aufgeben und stattdessen so genannte "Goldene Aktien" erhalten, mit denen sie ein Veto gegen Übernahmen einlegen können. Die Fusionsgespräche waren allerdings im Oktober am Widerstand der beteiligten Regierungen gescheitert.

Niederländisches Recht gilt

Dass die Staaten den Aktionärspakt auf einen Anteil von 30 Prozent beschränken, hängt mit dem niederländischen Recht zusammen. EADS hat in den Niederlanden den Firmensitz. Das dort geltende Recht schreibt vor, dass bei einer Neuordnung der Struktur eines Aktionärspaktes ein Pflichtangebot an alle anderen Aktionäre erfolgen muss, sofern der Pakt mehr als 30 Prozent der Anteile kontrolliert. Alternativ müssen Neumitglieder des Pakts auf Sonderrechte verzichten.

Ob die Staaten künftig ihren Einfluss auf EADS lockern werden, wird sich erst zeigen müssen. Auch ein geringer Anteil von 30 Prozent reicht aus, um die Geschichte einer Gesellschaft entscheidend zu lenken. Denn auf einer Hauptversammlung, die etwa den Verwaltungsrat wählt, sind niemals alle Aktionäre vertreten. Ein Stimmrechtsblock von 30 Prozent dürfte damit auch bei EADS eine dominierende Rolle haben.

Keine leichten Beziehungen zu Berlin

Mit der Bundesregierung erhält EADS einen neuen Großaktionär, mit dem die Beziehungen derzeit nicht einwandfrei sind. So hält die Bundesregierung derzeit Finanzhilfen für die Entwicklung des Langstreckenflugzeugs A350 zurück, weil sie Deutschland im Konzern benachteiligt sieht. Darüber hinaus hat die Ankündigung von Enders, die Konzernzentralen in München und Paris nach Toulouse zu verlegen, für Unmut gesorgt.

Der EADS-Konzern war 2000 aus der Fusion der deutschen Daimler Aerospace AG (DASA), der französischen Aerospatiale Matra und der spanischen Casa entstanden. Im Zuge der Gründung einigten sich die beteiligten Parteien auf ein Gleichgewicht der Stimmrechte zwischen deutschen und französischen Anteilseignern.

Foto: Airbus S.A.S.

Computersimulation des Konzeptflugzeuges von Airbus...

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Die EADS-Gruppe
  • Mitarbeiter

    Die EADS-Gruppe ist mit mehr als 133.000 Mitarbeitern an weltweit über 170 Standorten Marktführer in den Bereichen Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung. Der Konzern ging im Jahr 2000 aus dem Zusammenschluss der deutschen Dasa, der französischen Aerospatiale-Matra und der spanischen Casa hervor.

  • Töchter

    Zu EADS gehören vor allem vier Töchter: Airbus, Astrium, Cassidian und Eurocopter. Die wichtigste Tochter Airbus ist neben Boeing einer der beiden großen Flugzeugbauer weltweit. Die Palette umfasst auch militärische Tank-, Transport- und Einsatzflugzeuge. Wichtigstes Produkt ist der Airbus A320.

  • Astrium

    ist mit der Ariane-Rakete europäischer Marktführer bei Raumfahrtprogrammen und das weltweit drittgrößte Raumfahrtunternehmen. Astrium deckt den gesamten Raumfahrtbereich bis hin zu Satellitendiensten ab.

  • Cassidian

    ist laut EADS weltweiter Marktführer „bei modernsten Lösungen für Streitkräfte und zivile Sicherheit“. Wichtigstes Produkt ist das Eurofighter-Kampfflugzeug.

  • Eurocopter

    gilt als global führender Hersteller von Helikoptern im zivilen Bereich. Das Unternehmen bietet auch militärische Hubschrauber an. dapd

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