04.12.12

Autobranche

USA und China retten die deutschen Autobauer

Die Autokrise erreicht Westeuropa. Trotz stabiler Konjunktur bleiben auch hierzulande die Kunden fern. Doch Daimler, Volkswagen & Co. haben ein gutes Rezept gegen den Abschwung.

Von Nikolaus Doll
Foto: Bloomberg

Großer Auftritt bei der Automesse in Peking. In China trägt bereits jeder fünfte verkaufte Neuwagen ein deutschen Markenzeichen. Besonders beliebt sind die Premiummodelle
Großer Auftritt bei der Automesse in Peking. In China trägt bereits jeder fünfte verkaufte Neuwagen ein deutschen Markenzeichen. Besonders beliebt sind die Premiummodelle

Das größte Rätsel für die deutschen Automobilhersteller sind derzeit die Deutschen selbst. Dass Italiener, Spanier oder gar Griechen momentan Autohäuser meiden, überrascht angesichts der wirtschaftlichen Probleme dort nicht. Ebenso wenig wie der Kaufrausch in den USA oder China. In Nordamerika ist nach der jüngsten Krise immer noch erheblicher Nachholbedarf. In der Volksrepublik boomt die Wirtschaft, läuft die Erstmotorisierung der Bevölkerung erst richtig an.

Und hierzulande? "Wir haben eine weiterhin hohe Beschäftigung hierzulande, die Einkommensperspektive ist unverändert gut. Und auch die Konsumneigung im Land zeigt insgesamt nicht nach unten", sagt der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann. Dennoch sinken die Verkaufszahlen.

Leere Autohäuser trotz guter Konjunktur

2,9 Millionen Autos wurden bis November dieses Jahres in Deutschland neu zugelassen, zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das hört sich wenig an, ist aber für eine Branche, die wie kaum eine andere auf Wachstum ausgelegt ist, fatal. "Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten liefern keine eindeutige Erklärung dafür, warum der deutsche Markt so wenig Dynamik aufweist", wundert sich Wissmann.

Es sei wohl so, dass die nicht enden wollenden Probleme der Euro-Zone die Stimmung im Land doch nachhaltig drückten. "Wer schon beim Frühstück eine Hiobsbotschaft nach der anderen hört, geht nicht am Nachmittag voller Vorfreude ins Autohaus", so der VDA-Präsident.

Autokrise erreicht Westeuropa

Die Autokrise, bislang ein Phänomen, das nur in Süd- und Westeuropa akut war, frisst sich mittlerweile durch den Kontinent. 2013 werde auch für die noch erfolgreichen deutschen Hersteller ein "hartes Arbeitsjahr", sagt Wissmann voraus. In Westeuropa sind die Einbrüche schon jetzt signifikant.

Nach VDA-Zahlen werden dort im laufenden Jahr nur noch 11,7 Millionen Pkw verkauft, neun Prozent oder eine Million Wagen weniger als im Vorjahr. Und der VDA geht davon aus, dass 2013 in Westeuropa nur noch 11,4 Millionen Neuwagen abgesetzt werden.

"Kein Absturz, aber Gegenwind"

Und Deutschland ist eben auch kein Rettungsanker mehr für die Branche. "Mit Wachstum ist im Inland 2013 nicht zu rechnen", fasst Wissmann zusammen. Der VDA schätzt, dass im kommenden Jahr deutschlandweit rund drei Millionen Autos verkauft werden. "Das ist kein Absturz, aber der Gegenwind nimmt zu."

Der Druck steigt auch dadurch, dass ausländische Hersteller zunehmend versuchen, einen Teil der Fahrzeugflotten, die sie in Süd- und Westeuropa nicht verkaufen konnten, auf dem großen und bislang stabilen deutschen Markt abzusetzen – und das mit Kampfpreisen, um überhaupt eine Chance zu haben. Der Preisdruck sei inzwischen enorm, stellt man beim VDA fest.

Die ersten deutschen Zulieferer sind schon pleite

Vor allem Volumenhersteller hierzulande haben bereits reagiert, indem die Produktion gedrosselt wurde. "Vor dem Rückbau der Zeitarbeit werden die Arbeitszeitkonten der Stammbelegschaften abgebaut", so Wissmann. "Für 2013 erwarten wir aber eine weiterhin stabile Beschäftigungslage in unserer Branche."

Eng wird es allerdings für die ersten Zuliefererbetriebe, vor allem jene, die stark auf die Nutzfahrzeugindustrie ausgerichtet sind oder für Hersteller arbeiten, deren Stammmärkte in Süd- und Westeuropa liegen. "Manche davon haben bereits Insolenz angemeldet", so Wissmann. Er gehe aber nicht von einer Insolvenz-Welle aus. Finster sieht es hingegen für die Hersteller schwerer Nutzfahrzeuge aus. 2011 war die Zahl der Neuzulassungen im Inland um 21 Prozent auf gut 89.000 Fahrzeuge gestiegen. In diesem Jahr ist mit einem Minus von elf Prozent zu rechnen, im kommenden um weitere vier Prozent.

Woanders ist die Autowelt noch in Ordnung

Aber es gibt ja noch die Märkte außerhalb Europas – und weil gerade die größten Regionen immer noch wachsen und die deutschen Hersteller dort anders als die europäische Konkurrenz erfolgreich unterwegs sind, rettet das BMW, Daimler und den Volkswagen-Konzern. Weltweit betrachtet ist die Autowelt noch völlig in Ordnung: In immer mehr Ländern steigt der Wohlstand, so dass das der Privat-Pkw zum Massenverkehrsmittel wird.

Beim VDA geht man davon aus, dass 2013 weltweit erstmals mehr als 70 Millionen Pkw verkauft werden. Ein besonders großer Schub wird aus den USA kommen, mit einem erwarteten Plus von fünf Prozent auf 15 Millionen Fahrzeuge. China ist nach den USA bereits der größte Automarkt und wird nach VDA-Schätzungen im kommenden Jahr um weitere sechs Prozent auf dann 14 Millionen Autos wachsen.

In China fährt man deutsch

Der große Vorteil, den die deutschen Hersteller gegenüber ihren Wettbewerbern haben ist die Tatsache, dass sie auf den größten und derzeit dynamischsten Märkten schneller als alle anderen wachsen. In China hatten die deutsche Autobauer ihren Markanteil allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres auf 22 Prozent gesteigert.

Inzwischen trägt dort mehr als jeder fünfte Neuwagen ein deutsches Markenzeichen. In den USA liegt der Marktanteil bei 12,5 Prozent, wobei dort vor allem teure Premiummodelle "made in Germany" gekauft werden. Der Weltmarktanteil der deutschen Hersteller beträgt inzwischen rund ein Fünftel – und das ist das beste Rezept gegen den Abschwung.

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Europas Autobranche
  • Neuzulassungen

    Europas Automarkt ist bereits ein Jahr lang auf Talfahrt. Im September sank die Zahl der Pkw-Neuzulassungen den zwölften Monat in Folge – um 10,8 Prozent auf 1.099.264 Autos.

  • Märkte

    Für die großen Märkte ging es dabei beinahe ausnahmslos bergab: Frankreich (-17,9 Prozent) und Italien (-25,7 Prozent) verzeichneten deutliche Rückgänge, der spanische Markt brach gar um 36,8 Prozent ein. Auch in Deutschland schlug das schwächelnde Geschäft mit einem Minus von 10,9 Prozent zu Buche.

  • Verkäufe

    Insgesamt gingen die Verkäufe in der Europäischen Union von Januar bis September um 7,6 Prozent auf 9.368.327 Autos zurück, wie Branchenverbände berichteten. Besonders stark unter der Absatzkrise leiden Volumenhersteller wie Opel und Peugeot/Citroën, weil sie ihre Autos kaum außerhalb Europas verkaufen.

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