04.12.12

Tropenmedizin

Knochenbrecher-Fieber sucht Indien heim

Dengue-Fieber grassiert in Indien wie eine Seuche: Patienten blockieren massenhaft die Gänge in Kliniken – viele teilen sich ein Bett. Doch das Land ignoriert das dramatische Ausmaß der Krankheit.

Foto: dapd

Gespenstische Szenerie: In Neu Delhi laufen Menschen durch den Rauch zuvor versprühter Pestizide, die gegen den Überträger des Dengue-Fiebers eingesetzt werden
Gespenstische Szenerie: In Neu Delhi laufen Menschen durch den Rauch zuvor versprühter Pestizide, die gegen den Überträger des Dengue-Fiebers eingesetzt werden

Die Zeit der Mücken neigt sich dem Ende. Auch in Indien wird es nun kühl und trocken, die Brutplätze für die Mückenlarven verschwinden und die Menschen atmen auf.

Die Regierung in Neu Delhi zieht Bilanz: Mehr als 35.000 Menschen sind in dieser Saison offiziell am Dengue-Fieber erkrankt, das ist trauriger Rekord. 216 Menschen starben an den Folgen des Virus, das von der Asiatischen Buschmücke übertragen wird. Doch die tatsächliche Zahl der Betroffenen – so Experten – dürfte viel, viel höher liegen.

"Die Regierung versucht gar nicht ernsthaft, die tatsächliche Zahl der Erkrankten zu erfassen", sagt Scott Halstead, der an der McMaster Universität im US-amerikanischen Rockville die Krankheit erforscht.

Experten schätzen, dass pro Jahr eine Million erkranken

Man könne davon ausgehen, dass in Indien ähnlich viele Menschen am Dengue-Fieber erkrankten wie in Thailand oder Vietnam – doch es gebe keine belastbaren Zahlen. Halstead schätzt, dass Dengue in Indien jedes Jahr mindestens eine Million Menschen trifft. In der Hauptstadt Neu Delhi kennt jeder Männer, Frauen und Kinder, die wegen des Dengue-Fiebers wochenlang im Bett lagen.

"Ich habe mich noch nie in meinem Leben so schwach gefühlt. Es hat mich unglaublich Kraft gekostet, nur das dünne Betttuch anzuheben", erzählt eine Diplomatin. Sie habe kaum mehr etwas gegessen oder getrunken – weil das zu anstrengend war. "Die Knochen haben sich angefühlt, als seien sie gebrochen." Schließlich musste sie für eine Bluttransfusion ins Krankenhaus.

Gegen Ausbreitung der Mücken zu wenig getan

Das Problem: Da das Ausmaß der Verbreitung offiziell unterschätzt wird, wird nicht genug gegen die Ausbreitung der Mücken getan. Manish Kakkar, Dengue-Spezialist der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Indien, meint, die Menschen seien sich zwar grundsätzlich der Gefahr bewusst.

"Aber es wird trotzdem nicht ständig darauf geachtet, in Häusern und Gärten Mücken vom Brüten abzuhalten." Dabei reiche schon eine Blumentopf mit Wasser für die Larven.

Derzeit liegt Indien in der WHO-Statistik der Dengue-Fälle weit hinter dem Nachbarland Sri Lanka – obwohl Indien 60 Mal mehr Einwohner hat. Die WHO dringt nun darauf, die Erfassung von Dengue-Fällen weltweit zu standardisieren, um auch global gegen die "vernachlässigte tropische Krankheit" vorgehen zu können. "Das tatsächliche Ausmaß der Krankheit zu erfassen, ist eine Herausforderung", räumt Kakkar ein.

Infizierte zeigen zunächst keine Symptome

Zu niedrige Fallzahlen seien ein weltweites Problem. Denn Infizierte des sogenannten Knochenbrecher-Fiebers zeigten oft zunächst die Symptome einer Grippe und suchten keinen Arzt auf, sagt Kakkar. Andere gehen dem Experten zufolge zwar ins Krankenhaus, werden dort aber nur ambulant behandelt und nicht getestet.

In Indien kommt allerdings hinzu: Selbst wer im Krankenhaus liegt, wird noch lange nicht offiziell registriert. Denn auf dem Subkontinent werden nur Patienten in öffentlichen, nicht aber in privaten Kliniken erfasst. Aber auch nur dann, wenn ein Labor den Dengue-Verdacht mit Hilfe eines Bluttests bestätigt.

"Es gibt zwar eine Verordnung, diese Tests bei allen durchzuführen", sagt ein Arzt aus einem öffentlichen Krankenhaus in Kalkutta. "Aber das wird bei uns kaum umgesetzt – wegen der Vielzahl an Kranken."

Patienten mussten sich die Betten teilen

In manchen staatlichen Krankenhäusern des Landes lagen die Dengue-Patienten dieses Jahr so dicht aufgereiht in den Fluren, dass die Ärzte kaum mehr durchkamen. Manche Patienten mussten sich Betten teilen. Und es gibt derzeit keinerlei Anzeichen, dass die Zahl der Dengue-Patienten zurückgehen wird.

Vielmehr nimmt die Zahl der schweren Fälle zu. Denn es gibt vier Formen des Dengue-Erregers. Wer an einem Serotyp erkrankt, ist zwar sein Leben lang dagegen immun, aber wenn er beim nächsten Stich ein anderes Virus erwischt, dann überreagiert das Immunsystem.

"Die zweite Erkrankung ist viel schlimmer", sagt US-Forscher Halstead. Es komme häufig zu Atemnot, Schockzuständen und inneren Blutungen. Die Sterblichkeit liege viel höher als bei der Ersterkrankung.

Medikamente zur ursächlichen Behandlung gibt es nicht

Mit jedem Monsun erhöht sich die Zahl der Menschen, die bereits einmal infiziert waren – und damit die Zahl derjenigen, die schwer erkranken können. Medikamente zur ursächlichen Behandlung von Dengue-Fieber gibt es nicht. Ein erster Impfstoff, der gerade erforscht wird, schützt nur bedingt.

"Deswegen brauchen wir dringend ein breites, staatliches Vorgehen gegen die Mücken", fordert Halstead. Die indischen Regierung könne sich dabei ein Vorbild an Brasilien nehmen. "Dort gibt es ein sehr ausgeklügeltes System der Erfassung von Dengue-Fällen. Da könnte Indien eine wunderbare Lektion erhalten."

Quelle: dpa/oc
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