04.12.12

Klinikkonzerne

Helios hat Rhön-Übernahme noch nicht abgehakt

Im Sommer war der Helios-Mutterkonzern Fresenius an der Übernahmen von Rhön gescheitert. Helios-Chef de Meo hofft auf eine neue Chance.

Foto: Massimo Rodari
Spitzenmanager  Francesco De Meo führt eines der größten Berliner Unternehmen: die Krankenhaus-Kette Helios, die er weiter ausbauen will
Spitzenmanager Francesco De Meo führt eines der größten Berliner Unternehmen: die Krankenhaus-Kette Helios, die er weiter ausbauen will

Francesco De Meo leitet den Krankenhauszweig des Gesundheitskonzerns Fresenius. Er wäre gern Chef eines Klinikriesen aus seinem Unternehmen Helios und Konkurrent Rhön geworden. Die Übernahme kam nicht zustande.

Warum er die Hoffnung nicht aufgibt und wie seine Berliner Hospitalkette mit dem Thema Hygiene umgeht – darüber sprach er mit der Berliner Morgenpost.

Berliner Morgenpost: Herr De Meo, bis zum Sommer durften Sie hoffen, durch Übernahme des Konkurrenten Rhön Chef der größten deutschen Klinikkette zu werden. Das hat sich zerschlagen. Enttäuscht oder erleichtert?

Francesco De Meo: Weder noch. Helios liegt ja schon vorne. Auf Größe allein kommt es nicht an. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es sinnvoll wäre, in Deutschland einen Klinikkonzern mit Erreichbarkeit für alle Patienten zu schaffen. Vielleicht ergibt sich irgendwann eine neue Chance.

Berliner Morgenpost: Erst mal machen Sie jetzt aber weiter wie in den vergangenen Jahren – hin und wieder ein kommunales Krankenhaus übernehmen?

Francesco De Meo: Ja, und daran ist doch nichts Schlechtes. Wir übernehmen defizitäre Krankenhäuser und machen sie zukunftsfähig. Das ist unser originäres Geschäftsmodell. Wie in den vergangenen Jahren wollen wir durch Übernahmen jährlich um ungefähr 150 Millionen Euro Umsatz wachsen. Damit dürften wir gut auf die für 2015 erwarteten vier bis 4,25 Milliarden Euro Umsatz kommen.

Berliner Morgenpost: Schon jetzt hat Helios 72 Kliniken. Bis zu welcher Größe ist ein Krankenhauskonzern steuerbar?

Francesco De Meo: Mit der absoluten Zahl der Häuser hat das wenig zu tun. Entscheidend ist allein Art und Qualität der Kliniken, die wir integrieren müssen: Übernehmen wir einen Maximalversorger in einer Großstadt oder ein kleineres Kreiskrankenhaus? Haben wir in der Region schon Kliniken, oder müssen wir bei null anfangen? Daraus ergibt sich, wie viel Managementaufwand nötig ist, welche Synergien möglich sind. Bislang haben wir Herausforderungen immer gemeistert.

Berliner Morgenpost: In welchen Regionen schauen Sie nach Übernahmekandidaten?

Francesco De Meo: Schön wäre ein dichteres Cluster im Süden Deutschlands. Da sind wir bislang wenig vertreten. Am liebsten ist uns dabei immer ein Maximalversorger als Nukleus, um den herum wir in der Region mehrere kleine Häuser gruppieren können. Letztlich können wir all das aber nur bedingt beeinflussen. Wir sind ja davon abhängig, welche kommunalen oder kirchlichen Einrichtungen überhaupt auf den Markt kommen – und wo.

Berliner Morgenpost: Und in Berlin? Machen Sie sich irgendwelche Hoffnungen, Teile der Charité, etwa das Benjamin-Franklin-Klinikum, kaufen zu können?

Francesco De Meo: Nein, wir fühlen uns mit unseren Kliniken in Berlin-Buch und Zehlendorf gut aufgestellt, alles Weitere wird sich zeigen. Das ist ein Thema des Senats. Fragen Sie da doch mal nach – ich bin sehr gespannt auf die Antwort.

Berliner Morgenpost: Gerade die Privatisierung von Krankenhäusern stößt in der Bevölkerung auf Vorbehalte. Erschwert das Ihr Geschäft?

Francesco De Meo: Man muss Emotionen und Fakten trennen. Die Fakten sagen: In privatisierten Kliniken steigen sowohl Behandlungsqualität als auch Wirtschaftlichkeit. Trotzdem schlagen die Emotionen immer wieder hoch, gerade in den vergangenen Monaten wurde die Grundstimmung deutlich aggressiver. Ich glaube aber an die Vernunft und die Überzeugungskraft von Sachargumenten. Denn an den guten Argumenten hat sich trotz der aufgeregten Debatte doch nichts geändert.

Berliner Morgenpost: Bei der Übernahme der Damp-Kliniken gab es viel Unruhe um die Kündigung von Hunderten Mitarbeitern.

Francesco De Meo: Der Konflikt ist eskaliert, beide Seiten haben sich sicher nicht mit Ruhm bekleckert. In der aufgeheizten Stimmung sind sicher auch bei uns Dinge vorgefallen, die man in einem emotionsfreien Rahmen hätte besser regeln können, und das müssen wir ernst nehmen. Mir geht es aber eher um das Grundsätzliche: Welches sind die größten Bedenken gegen Privatisierung? Oft wird die Qualität genannt – was schlichtweg nicht stimmt. Es gibt gute und schlechte Kliniken, öffentliche wie private. Helios hat gezeigt, dass die Qualität nach einer Übernahme besser wird. Ein weiterer Vorbehalt lautet: Personalabbau. Der aber findet – wenn überhaupt – kaum in Pflege und Medizin statt, sondern eher bei Dienstleistungen wie Essen, Wäsche und Reinigung. Wenn wir diese Bereiche ausgliedern, gelten meist niedrigere Tarife, die von anderen Gewerkschaften als Ver.di für die jeweilige Branche verbindlich verhandelt wurden. Das spart Kosten, meist wird dabei die Qualität besser, es führt aber dennoch zu Konflikten. Unweigerlich trifft es auch Menschen, die ihren Job verlieren. Indes: Wir kämpfen dafür, aus einem kranken Unternehmen ein gesundes zu machen und die vielen anderen Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern – daran ist nichts Verwerfliches.

Berliner Morgenpost: Aber Kostendruck gibt es doch – Stichwort Krankenhauskeime – auch im Pflegebereich und bei Ärzten. Das haben Klinikchefs schon eingeräumt.

Francesco De Meo: Dann müssen Sie die fragen, was die mit der Verknüpfung von Kostendruck und Krankenhauskeimen meinen. Ich orientiere mich an den Fakten. Grundsätzlich ist das vom Gesetzgeber vorgegebene System der Krankenhausfinanzierung so angelegt, dass Druck auf die Kosten ausgeübt wird – der sich überall bemerkbar macht. Jede Klinik, ob privat, öffentlich oder gemeinnützig, bekommt über die Fallpauschalen dieselbe Vergütung für Leistungen. Bei den einen steht unterm Strich ein Verlust, andere machen Gewinn, mit dem Investitionen gestemmt werden können. Das Entscheidende für mich ist nur eines: Ist die Qualität bei Häusern mit Gewinn gleich gut oder sogar besser? Qualität muss der Maßstab sein, und dafür setzen gerade wir uns bei Helios ein.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie getan, um der Keimproblematik Herr zu werden?

Francesco De Meo: Wir überwachen die Keimbelastung in unseren Kliniken natürlich seit Jahren sehr genau. Um den Druck zur Verbesserung zu erhöhen, haben wir uns nun entschlossen, die Zahlen öffentlich zu machen. Dann können sich unsere Häuser untereinander vergleichen, und andere Krankenhäuser können sich daran messen. Wahrscheinlich werden einige aufschreien, andere die Daten anzweifeln, wieder andere werden die Aktion gut finden. So war das bislang immer, wenn wir Daten zur Qualität unserer Häuser öffentlich gemacht haben. Der wichtigste Effekt ist aber: Unsere Kliniken haben einen Anreiz, sich anzustrengen, falls andere Häuser besser sind. Und das steigert die Qualität insgesamt.

Berliner Morgenpost: Wünschen Sie sich von der Politik mehr Druck, sodass alle Krankenhäuser ihre Defizite transparent machen müssen?

Francesco De Meo: Nein, die Politik kann da wenig ausrichten. Was wir brauchen, ist eine neue Kultur, in der keiner Angst davor hat, sich zu Fehlern zu bekennen. Politische Zwangsregelungen sind da eher kontraproduktiv. Die Mitarbeiter müssen wirklich verstehen, dass Hygiene existenziell wichtig ist – auch und gerade, wenn es hektisch wird. Wenn es irgendwo piept, eilen Ärzte und Schwestern vom einen Patienten sofort zum anderen. Sie müssen lernen, dass es das Wichtigste ist, erst einmal die Hände zu desinfizieren, bevor man zum nächsten Patienten eilt. Strukturdiskussionen, wie sie die Politik gewöhnlich führt, helfen bei diesem Lernprozess nicht weiter. Es ist vielmehr Aufgabe der Krankenhäuser, der Politik zu zeigen, wie man so etwas im Klinikalltag wirklich effizient hinbekommt.

Berliner Morgenpost: Seit Jahren veröffentlichen Kliniken Qualitätsberichte – nur verstehen die meisten sie nicht. Müssten relevante Informationen – zu Kunstfehlern oder Sterbefällen – nicht auf einen Klick im Netz zu finden sein?

Francesco De Meo: Da besteht sicher Handlungsbedarf. Allerdings werden diese Informationen gerade von älteren Patienten, die ja ein Gros unserer Betten belegen, auch noch gar nicht nachgefragt. Sie wählen das Krankenhaus, das ihnen empfohlen wird oder das am nächsten liegt. Bei jüngeren Patienten fängt es aber tatsächlich an, dass die sich vorher gründlich über die Klinik informieren, in die sie sich begeben. Und da sollten sich die Kliniken schon die Frage stellen, wie man ihr Informationsbedürfnis so gut wie möglich befriedigen kann.

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