02.12.12

Luft- und Raumfahrt

Zu viele Baustellen blockieren den EADS-Konzern

Bei EADS hat seit einem halben Jahr Tom Enders das Sagen. Doch der Deutsche kann kaum Erfolge vorweisen – auch weil Deutschland und Frankreich um Einfluss feilschen. Jetzt wird die Macht neu geordnet.

Foto: Bloomberg
Produktion eines Airbus A380 im französischen Saint-Nazaire. Im EADS-Konzern feilschen Deutschland und Frankreich um Macht und Einfluss
Produktion eines Airbus A380 im französischen Saint-Nazaire. Im EADS-Konzern feilschen Deutschland und Frankreich um Macht und Einfluss

Tom Enders bleibt seinen Prinzipien auch unter schwierigen Bedingungen treu. Es ist Freitagabend. Der Vorstandschef des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS hat eine lange Arbeitswoche hinter sich.

Trotzdem hält er seine Zusage ein, bei einer Veranstaltung des Vereins "Frauen in die Aufsichtsräte" über Chancengleichzeit zu sprechen.

80 Frauen und eine Hand voll Männer erwarten ihn in einem vollkommen überhitzten Veranstaltungsraum einer Anwaltskanzlei in der Münchener Innenstadt. Enders – dessen Unternehmen neben Passagierfliegern Kampfjets, Hubschrauber, Satelliten und Raketen baut – scheut die Konfrontation nicht.

Von einer gesetzlichen Frauenquote hält er nichts. "Ich bin von der altmodischen Sorte und gehe davon aus, dass staatlicher Dirigismus begrenzt sein soll – zumindest in privaten Unternehmen."

Schranken für die Regierungen

Staatsdirigismus, das Thema treibt Enders um. In den vergangenen Monaten focht er unermüdlich dafür, den staatlichen Einfluss auf sein Unternehmen abzuschütteln.

Sein Versuch, EADS mit dem britischen Rüstungsunternehmen BAE Systems zu fusionieren, sollte auch dem Ziel dienen, die Regierungen Deutschlands und Frankreichs, ohne die bei EADS keine große Entscheidung getroffen wird, in die Schranken zu weisen. Das Fusionsprojekt scheiterte allerdings.

Nun feilschen die Staaten um Macht und Einfluss bei EADS. Die Bundesregierung steht kurz davor, über die Staatsbank KfW direkt als Aktionär einzusteigen.

"Das wird der größte Reset seit 2000", sagt Enders über die Verhandlungen zur Neuordnung des Aktionärspaktes gegenüber der Berliner Morgenpost. "Reset" ist der Neustart eines Computers. Enders wünscht sich, dass sich die Parteien bald einigen: "Ich hoffe, dass wir bald Ruhe kriegen in die Shareholder-Diskussion."

So manche Dinge sind ihm entglitten

Sein Ruf könnte gehört werden. In verhandlungsnahen Kreisen ist die Rede davon, dass bereits in diesen Tagen eine Einigung vermeldet werden könnte. Die Diskussionen seien in den vergangenen Tagen vorangekommen.

An diesem Montag hält EADS eine Investorenkonferenz in London ab. Gut möglich, dass hier schon Neuigkeiten bekannt werden.

Eine Einigung der Staaten über Macht und Einfluss über EADS könnte Enders erheblich entlasten. Dem 53-Jährigen sind in seinen ersten sechs Monaten im Amt so manche Dinge entglitten.

Als Enders am 1. Juni das Amt von Louis Gallois übernahm, war schnell die Rede vom "Überflieger". Er werde nicht mehr so diplomatisch und bedächtig wie Gallois vorgehen. Enders legte auch gleich los mit seinen Fusionsplänen.

Doch bei EADS wurden seit Enders' Start mehr Baustellen geöffnet als geschlossen. Die Zukunft der Rüstungssparte Cassidian ist nach der gescheiterten Fusion unklar, gegen EADS wird wegen Korruptionsverdachts ermittelt, und auch bei Airbus läuft es nicht rund.

Strategische Kernfragen klammert er aus

Von Enders werden Antworten erwartet. Doch der Konzernlenker, dem Schüchternheit eher fremd ist, hält sich zurück. Wenn er in diesen Tagen öffentlich in Erscheinung tritt, klammert er die strategischen Kernfragen des Konzerns aus.

So forderte er jüngst in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" ein klares Bekenntnis zur europäischen Forschungsförderung. Und vor wenigen Tagen nahm er an einer deutsch-chinesischen Konferenz in Hamburg teil und betonte, China sei in der Lage, langfristig das Duopol von Airbus und Boeing, die den Markt mit Passagierflugzeugen dominieren, zu brechen.

Das sind wichtige Themen. Doch sind es die wichtigsten Fragen, die den Konzern umtreiben?

Enders gilt als geradlinig und prinzipientreu

Enders ist sonst kein Mensch, der sich versteckt. Er gilt als hemdsärmeliger Typ und als ein Mann der klaren Worte und Prinzipien.

Sein CSU-Parteibuch gab der Major der Reserve und früherer Fallschirmjäger zurück, nachdem sich die Bundesregierung aus dem Libyen-Konflikt weitgehend heraushielt und er auch noch die Art und Weise der Energiewende kritisierte.

Vertraute von Enders, fragt man sie nach den Eigenschaften des Chefs, nennen Geradlinigkeit und Prinzipientreue an erster Stelle.

Enders bereut nichts. Bei seinem Auftritt in München wirkt er locker. Und wenn er eine Bilanz seiner ersten sechs Monate im Amt ziehen soll, dann klingt kein Groll mit. "Spannend" sei die Zeit gewesen, sagt er.

Die privaten Aktionäre wollen aussteigen

Vor fast zwei Monaten hörte sich das noch anders an. Da schrieb er einen Brief an seine Mitarbeiter. Enttäuschung klang in seinen Worten mit. Er habe vor allem den Widerstand aus Berlin unterschätzt. Widerstand gegen seinen Masterplan, aus EADS und BAE den weltgrößten Rüstungskonzern zu formen.

Enders betont zwar bei seinem Auftritt in München, dass er EADS als privates Unternehmen sieht. Doch Tatsache ist, dass es unter staatlicher Aufsicht steht. EADS wird von einem Aktionärspakt beherrscht, an dem deutsche und französische Aktionäre jeweils 22,5 Prozent halten sowie 5,5 Prozent indirekt dem spanischen Staat gehören.

Als private Aktionäre sind auf französischer Seite die Mediengruppe Lagardère und auf deutscher Seite der Autobauer Daimler sowie einige private Banken vertreten. Die privaten Aktionäre, die bislang als Statthalter der Staaten bei EADS fungierten und viel eigenes Kapital banden, drängen allerdings darauf, ihre Aktienpakete abzustoßen.

Der Streubesitz wird sich deutlich erhöhen

Es gilt als nahezu ausgemacht, dass Daimler und Lagardère aussteigen, Deutschland und Frankreich jeweils zwölf Prozent halten und Spanien an seinem Aktienpaket von 5,5 Prozent festhält. Damit würden die Staaten statt bislang 50 Prozent nur noch 30 Prozent halten.

Der Streubesitz würde sich deutlich erhöhen, was in Enders' Sinne ist. Unklar ist, ob Deutschland und Frankreich sich wieder auf einen Aktionärspakt einigen. Auch unklar ist, ob Berlin statt der Daimler-Manager Bodo Uebber und Wilfried Porth eigene Vertreter in den Verwaltungsrat schicken wird.

Der Einstieg der Bundesregierung hat seine Brisanz, denn das Verhältnis von EADS zur Bundesregierung gilt als beschädigt.

"Das Scheitern trägt auch seine Handschrift"

Das hat mehrere Gründe. Zum einen fanden es manche Regierungsvertreter wenig patriotisch, als Enders, kaum war er im Amt, erklärte, EADS werde künftig seinen alleinigen Firmensitz dort haben, wo auch Airbus ist: im französischen Toulouse. Bislang wurde das Unternehmen aus Paris und aus Ottobrunn bei München geleitet.

Zum anderen fühlten sich mächtige Spieler in Berlin nur unzureichend eingebunden in die Fusionsgespräche EADS/BAE. Enders hatte da offenkundig die Rechnung ohne Bundeskanzlerin Angela Merkel gemacht. Ihr Widerstand war auch maßgeblich für das Aus des Megaprojekts verantwortlich.

Selbst einige, die Enders für einen brillanten Manager halten und ihn viele Jahre kennen, kritisieren rückblickend seine Verhandlungsstrategie. Er sei da "dilettantisch" vorgegangen, sich nicht gleich zu Anfang der Rückendeckung aus Berlin versichert zu haben. Er hätte die politischen Fallstricke erkennen müssen, kurz: "Das Scheitern trägt auch seine Handschrift."

Der bedingungslose Rückhalt der Regierung fehlt

Peter Hintze, Luft- und Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung, macht keinen Hehl daraus, dass er das Aus der Fusion begrüßt. Auch in anderen Punkten ist die Stimmung vergiftet. So streitet Berlin mit Airbus über die Anschubfinanzierung für die Entwicklung des Langstreckenflieger A350.

Es geht um rund eine Milliarde Euro, . Enders ist damit der erste EADS-Chef, der nicht auf den bedingungslosen Rückhalt seiner eigenen Regierung setzen kann.

Das ist eine schwere Bürde für den Schäfersohn aus dem Westerwald, der es als einer der wenigen Deutschen auf eine Spitzenposition in der internationalen Wirtschaft gebracht hat.

Rückendeckung aus Frankreich

In Frankreich hingegen kommt Enders gut an. Hier erhält er womöglich sogar mehr Unterstützung als ihm derzeit lieb sein kann. Enders sei einer der Architekten der Erneuerung von EADS gewesen, nachdem die deutsch-französischen Grabenkämpfe das Unternehmen zuvor lange Zeit gelähmt hätten, urteilte zuletzt "Le Monde".

Sie titelte nach dem Scheitern der Fusionsgespräche von EADS und BAE Systems: "Wir müssen den Soldaten Tom retten." Er habe Entscheidungen gefällt, die nur ein Deutscher hätte durchführen können, meinte das Blatt in Anspielung auf den Beschluss, die Firmenzentrale von EADS nach Toulouse zu bringen. Und auch Frankreichs Spitzenpolitiker stärken Enders den Rücken.

Der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault erklärte bei der Eröffnung der A350-Endfertigungslinie von Airbus in Toulouse: "Monsieur Enders, ich habe volles Vertrauen in die Strategie der Gruppe, deren internationale Dimension immer ausgeprägter wird und ich habe volles Vertrauen in alle Projekte, die Sie in Angriff nehmen."

Enders ist angezählt

Dieses Vertrauen haben ihm auch schon Ministeriale in Berlin ausgesprochen. Dass das in aller Öffentlichkeit geschieht, macht aber vor allem eines deutlich: Enders ist angezählt.

Die Franzosen unterstützen den Manager nicht ohne Grund. Nach der gescheiterten Fusion war unter der Hand immer wieder die Frage gestellt worden, ob Enders nicht den Bettel hinschmeißt.

Und es wird auch gefragt, ob er, der so sehr auf Prinzipien Wert legt und EADS als privates Unternehmen begreift, weiter an Bord bleibt, sollten die Staaten ihre Kontrolle über EADS stärken. Ob er rote Linien in den Verhandlungen habe? Enders weicht der Frage der Berliner Morgenpost aus. Wenn er sie hätte, würde er sie nicht öffentlich nennen.

Im Fokus der Staatsanwälte

Als hätte Enders auf diesen Baustellen nicht schon genug zu tun, ist EADS auch noch in den Fokus der Staatsanwaltschaften in München und Wien gerückt. Anfang November durchsuchten Beamte die Firmenzentrale in Ottobrunn und andere Niederlassungen.

Es geht um den Vorwurf, EADS habe Politiker in Österreich geschmiert, um so den Verkauf von Eurofighter-Kampfjets zu forcieren. Enders steht nicht auf der Liste der Beschuldigten. Doch die Beispiele des Lastwagenbauers MAN und des Technologiekonzerns Siemens zeigen, dass Korruptionsskandale schnell bei Konzernspitzen ankommen können.

Wo bleibt Enders da noch Zeit für das eigentliche Geschäft? Bei der wichtigsten Tochter von EADS läuft es derzeit nicht rund. Erzrivale Boeing aus den USA ist auf gutem Wege, Airbus in diesem Jahr bei den Bestellungen abzuhängen.

Auch der Airbus A380 macht Probleme

In den vergangenen Jahren hatte Airbus noch stets die Nase vorn. Zurzeit macht auch der Prestigeflieger Airbus A380 Probleme. Das von Verkaufschef John Leahy im Frühjahr verkündete Ziel, 30 Neubestellungen für den A380 zu erreichen, scheint für dieses Jahr unrealistisch. Bis Ende Oktober lagen gerade mal vier neue Aufträge vor.

Ein Grund für die schleppenden Verkäufe sind die anhaltenden Probleme mit Haarrissen in den Flügelklammern, die Airbus zu Nacharbeiten zwingen. EADS rechnet deshalb mit Belastungen von 260 Millionen Euro in diesem Jahr.

Auch der neue Langstreckenjet A350 sorgt für Probleme. Airbus-Chef Fabrice Brégier, Enders' Nachfolger auf diesem Posten, musste im Juli die Erstauslieferung auf die zweite Jahreshälfte 2014 verschieben. Der Zeitplan ist ehrgeizig, so dass weitere Verzögerungen nicht auszuschließen sind, die schnell Milliarden kosten können.

Unmut in der Belegschaft

Darüber hinaus gibt es auch in der Belegschaft Unmut. So geht der geplante Umzug nach Toulouse nicht wie geplant voran. Der Betriebsrat murrt.

Und auch die Mitarbeiter der Rüstungssparte Cassidian warten auf klare Ansagen, welche Zukunft sie im Konzern haben, nachdem Cassidian-Chef Bernhard Gerwert vor wenigen Tagen eine Verschärfung des Sparprogramms und den Abbau von 850 Stellen angekündigt hatte.

Enders arbeitet an den Baustellen. Er überprüft die Unternehmensstrategie "Vision 2020". Auf einen Zeitplan, wann er eine überarbeitete Version vorlegt, möchte er sich aber nicht festlegen: "Da müssen wir uns die Zeit lassen, die wir benötigen", sagt er.

Investoren werden mit Interesse verfolgen, ob Strategiechef Marwan Lahoud bei der Investorentagung in London Hinweise auf mögliche Neuverschiebungen der Gewichte geben wird.

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