02.12.12

Scheidungen

"Unterhaltsrecht bestraft Hausfrauen brutal"

Auch die Chefarztgattin muss sich Sorgen machen: Die Regierung plant eine Entschärfung des Unterhaltsrechts bei langjähriger Ehedauer, damit Frauen nach der Scheidung nicht ins Bodenlose fallen.

Foto: Getty Images

Das Ende der Ehe kann nach dem derzeitigen Unterhaltsrecht für Frauen existenzgefährdend sein
Das Ende der Ehe kann nach dem derzeitigen Unterhaltsrecht für Frauen existenzgefährdend sein

An Altersarmut hat Juliane Berg früher nie gedacht. Die Hamburgerin lebte mit ihrem Mann und zwei – inzwischen erwachsenen – Kindern in einem schmucken Reihenhaus, sie fuhr ihr eigenes Auto, und zwei Mal im Jahr verreiste die Familie. Doch nach 19 Jahren zerbrach die Ehe, als der Gatte zu seiner neuen Partnerin zog. 2010 reichte er die Scheidung ein. Und für Frau Berg begann der soziale Abstieg.

Als Ungelernte fand die Mitfünfzigjährige nur eine nicht allzu gut bezahlte Teilzeitstelle. 500 Euro im Monat bekommt sie von ihren Ex-Mann an Unterhalt – noch. In zwei Jahren muss die Geschiedene mit ihrem eigenen Einkommen auskommen, denn der Unterhalt wurde vom Gericht befristet auf ein Viertel der Ehedauer.

Und während der frühere Partner weiterhin im eigenen Haus wohnt und sich Auto und Reisen leisten kann, droht der Frau spätestens im Rentenalter der Gang zum Sozialamt.

Geschiedene sind weitgehend auf sich gestellt

So wie Juliane Berg geht es heutzutage vielen Geschiedenen. Mit der Neuregelung des Unterhaltsrechts vor fünf Jahren hat der Gesetzgeber die "nacheheliche Solidarität" auf ein Minimum beschränkt. Galt früher der Grundsatz "einmal Chefarztgattin, immer Chefarztgattin", musste also ein Mann oftmals bis an sein Lebensende zahlen, sind jetzt die Geschiedenen weitgehend auf sich gestellt, wenn die Familie zerbricht.

Und das tut sie immer öfter. Elf von 1000 bestehenden Ehen wurden allein im vergangenen Jahr geschieden. 1992 lag diese Quote noch bei sieben zu 1000. "Das neue Unterhaltsrecht trifft geschiedene Ehepartner hart, die sich in einer lang andauernden Ehe – im Einvernehmen mit ihrem Partner und ja auch zu dessen Gunsten – in jungen Jahren um die Kinder und den Haushalt gekümmert haben, statt ins Büro oder in die Firma zu gehen", sagt Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU).

Nach einer Scheidung hätten die meisten Betroffenen gar keine Chance, auf dem Arbeitsmarkt eine Beschäftigung zu finden, mit der sie ihren Lebensstandard halten könnten.

Unterhaltsrecht bestraft Hausfrauen brutal

"Das neue Leitbild der Politik ist die Karrierefrau. Mütter, die wegen ihrer Familie beruflich aussteigen, werden durch das neue Unterhaltsrecht brutal bestraft", sagt Familienanwalt Eckard Benkelberg. "Die meisten der Frauen, die sich heute scheiden lassen, haben unter gänzlich anderen Bedingungen geheiratet", beklagt der Jurist aus Emmerich am Rhein.

Einer 64-jährigen Mandantin von ihm habe das Oberlandesgericht Düsseldorf nach 30 Jahren Ehe den Unterhaltsanspruch auf sieben Jahre beschränkt. "Wovon soll die Frau denn leben, wenn sie 73 Jahre alt ist?", so Emmerich.

Mit der radikalen Reform des Unterhaltsrechts wollte der Gesetzgeber erklärtermaßen auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren. Immer mehr Frauen sind heute gut ausgebildet und berufstätig. Auch ist ihre Arbeitskraft angesichts des drohenden Fachkräftemangels in der Wirtschaft unentbehrlich.

Viele Familien leben nach traditionellen Rollenmustern

Krippenausbau, Ganztagsschulen und das auf ein Jahr beschränkte Elterngeld sollen die Erwerbstätigkeit der Mütter steigern helfen. Und die Änderungen beim Unterhalt sollen den Frauen signalisieren, stets erwerbstätig zu bleiben. Denn sie sind durch eine Eheschließung nicht mehr abgesichert.

Doch so leicht, wie sich das manche Politiker wünschen, lässt sich die Hausfrau nicht abschaffen. "Die Lebenswirklichkeit der Ehefrauen steht nicht im Einklang mit dem Recht", sagt die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Familienanwälte, Eva Becker. Ob geplant oder ungeplant, lebten nach wie vor viele Familien nach traditionellen Rollenmustern.

"Wir haben noch ein ordentliches Maß an Alleinverdiener-Ehen", sagt die Berliner Juristin. Auch wenn die Paare zu Beginn ihrer Ehe dem neuen Leitbild entsprechen und beide voll berufstätig sind, ändert sich das in aller Regel, sobald Kinder kommen. Der überwiegende Teil der Mütter arbeitet in den ersten Jahren nicht oder nur Teilzeit.

Große Unsicherheit, wie Gerichte entscheiden

Kommt es jedoch zur Trennung, verlangen die Gerichte heute meist, dass die Frauen ihre Berufstätigkeit kräftig ausweiten. Im Extremfall muss die Mutter Vollzeit arbeiten, wenn das jüngste Kind drei Jahre alt wird. Allerdings hat der Bundesgerichtshof in mehreren Urteilen klargestellt, dass es keine strenge Altersgrenze gibt. Vielmehr prüfen die Richter in jedem Einzelfall, wie groß der Betreuungsaufwand ist.

"Die Unsicherheit, wie die Gerichte entscheiden, ist heutzutage sehr groß", sagt Familienanwältin Becker. Man müsse heute viel vortragen, um zu begründen, warum der Betreuungsaufwand eine Vollzeit-Arbeit unmöglich mache. Da zählt, ob das Kind zum Sport- und Musikunterricht gefahren werden muss, Krankheiten oder psychische Probleme hat oder es in der Schule kein Betreuungsangebot gibt.

"Es gibt kein Raster mehr, nach dem die Gerichte den Betreuungsunterhalt festlegen. Es herrscht Einzelfallgerechtigkeit", lobt CDU-Expertin Ute Granold.

Ehebedingte Nachteile rechtfertigen Unterhalt

An einer anderen Stelle aber sieht der Gesetzgeber Nachbesserungsbedarf. "Wir werden durch eine Änderung im Unterhaltsrecht klarstellen, dass die Länge der Ehe mehr berücksichtigt wird", kündigt Granold an. Ein entsprechender Gesetzesantrag werde Anfang Dezember im Bundestag beschlossen werden.

Derzeit stellen viele Gerichte allein darauf ab, ob sich für die Frauen ehebedingte Nachteile nachweisen lassen, die einen dauerhaften Unterhaltsanspruch rechtfertigen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn eine Ehefrau nach einer Ausbildung und erfolgreichem Berufseinstieg die Karriere abbrach, weil sie Kinder bekam und fortan zu Hause blieb.

Doch selbst beim Fehlen solcher ehebedingter Nachteile könne eine Befristung oder Begrenzung eines Unterhaltsanspruchs unzulässig sein, wenn dies "mit Blick auf die insbesondere bei Ehen von langer Dauer gebotene nacheheliche Solidarität unbillig erschiene", heißt es im verquasten Juristendeutsch in der Begründung des Gesetzentwurfs. Heißt: Nach einer langen Ehe hat man sich Schutz verdient.

Frauen sollen nicht ins Bodenlose fallen

Was als langjährig einzustufen ist, lässt der Gesetzgeber offen. "Es geht nicht um ein Schema F, sondern um einen fairen Interessenausgleich", so CDU-Politikerin Granold. "Wir wollen, dass Ehefrauen, die vor langer Zeit geheiratet haben, im Fall einer Scheidung nicht ins Bodenlose fallen."

Für Bayerns Justizministerin Merk geht die geplante Korrektur der Reform in die richtige Richtung. Allerdings drängt die CSU-Politikerin auf eine weitere Änderung. Das Unterhaltsrecht müsse klarstellen, "dass man von dem Elternteil, der ein oder mehrere Kinder unter 15 Jahren im eigenen Haushalt versorgt, neben der Kinderbetreuung eine Vollzeitberufstätigkeit regelmäßig nicht erwarten kann", fordert Merk.

Dies gelte auch dann, wenn eine Kindertagesbetreuung zur Verfügung stehe. "Nur so können wir alleinerziehende Eltern vor einer Überforderung schützen."

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Morgenpost-Autorin Franziska Birnbach machte sich mithilfe von Google Maps auf den Weg ins Berliner Verkehrschaos
24.05.13Neue Fahrradnavigation
Mit Google Maps wird Radtour in Berlin zum Stresstest

Google Maps bietet ab sofort auch in Deutschland Routen für Radfahrer. Die Morgenpost hat die Anwendung auf Berlins Straßen getestet und stieß dabei auf Straßen, die gar nicht existieren. mehr...


Schon 2012 lockte der „Summer Rave“ viele junge Berliner in die Hangars des stillgelegten Flughafens Tempelhof
24.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonnabend

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Sonna, den 25. Mai. mehr...


Am Maxim Gorki Theater feiert am Samstag das Stück „Leben des Galilei“ Premiere. Pressesprecherin Claudia Nola rechnet damit, dass diese nicht ausverkauft sein wird
24.05.13Bühne
Champions-League-Finale bringt Berlins Theater in Bredouille

Berlins Theater sehen sich am Samstagabend einem kaum besiegbaren Konkurrenten ausgesetzt. Denn nicht nur potenzielle Zuschauer wollen das Champions League Finale sehen, sondern auch viele Darsteller. mehr...


„The Rock“: Wowereit zeigte nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass ihn die Fragen vielleicht ermüdeten
24.05.13Hauptstadtflughafen
Wowereit lässt sich im BER-Ausschuss nicht fassen

Berlins Regierender Bürgermeister musste sich dem BER-Untersuchungsausschusses stellen. Dabei zeigte er sich gelassen - und hatte auf alles ein Antwort. Eine persönliche Verantwortung wies er zurück. mehr...

Leser-Kommentare 1 Kommentar
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. KommentareChampions LeagueHer mit der German Fußlümmelei!
  2. 2. DebatteProduktkennzeichnungDer grüne Antizionismus hat eine lange Tradition
  3. 3. AuslandTerror in London"Unser Herz ist auseinandergerissen worden"
  4. 4. AuslandTapie-AffäreIWF-Chefin Lagarde entgeht Ermittlungsverfahren
  5. 5. WirtschaftJeroen DijsselbloemEuro-Gruppen-Chef ärgert wieder einmal Berlin
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Finale in London

Das tippen die Berliner Fans von Bayern und BVB

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote