30.11.12

Gluten- und laktosefrei

Das große Geschäft mit den unnötigen Lebensmitteln

Konsumenten kaufen zunehmend Nahrungsmittel ohne Laktose, Gluten oder Fruktose – und halten das für gesund. Die Hersteller freuen sich über den wachsenden Markt und machen Kasse.

Von Anette Dowideit
Foto: Infografik Die Welt

Laktosefreie Milchverkäufe steigen immer mehr an, die Laktosempfindlichkeit aber nicht
Laktosefreie Milchverkäufe steigen immer mehr an, die Laktosempfindlichkeit aber nicht

Schauspielerin Jessica Alba tut es, ebenso Fußballer-Frau Victoria Beckham, Teenie-Sängerin Miley Cyrus und Supermodel Miranda Kerr – zumindest, wenn man der einschlägigen amerikanischen Klatschpresse glaubt. All die schlanken Schönheiten schwören demnach auf eine besondere Diät: Sie essen überwiegend glutenfrei.

Laut der US-Marktforschungsfirma Hartman Group tun ihnen dies in den Vereinigten Staaten insgesamt rund 60 Millionen Menschen gleich. Die meisten davon, obwohl sie es aus gesundheitlichen Gründen nicht müssten.

Glutenfrei, so scheint es, ist das neue fettfrei

Es gibt dort sogar Internetportale wie glutenista.com, die eine Ernährung ohne das Klebereiweiß, das in den Samen einiger Getreidearten vorkommt und zum Beispiel das Brot zusammenhält, als "fabelhaft" darstellt. Die Betreiber erklären dort zum Beispiel, wie man Disney World besuchen kann, ohne den vermeintlich dickmachenden Stoff aufnehmen zu müssen.

Glutenfrei, so scheint es, ist das neue fettfrei. Auch andere Produkte, die eigentlich für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten entwickelt wurden, liegen offenbar im Trend. Die Ausgaben für laktosefreie Milchprodukte etwa sind allein im vergangenen Jahr bundesweit um 22 Prozent gewachsen, berichtet die Konsumforschungsfirma GfK, und zwar auf rund 100 Millionen Euro. Und das, obwohl die Zahl der Kunden mit Milchzucker-Unverträglichkeit gar nicht steigt.

Zahl der Konsumenten steigt rasant

Das freut die Lebensmittelindustrie. In den Regalen der Supermärkte und Reformhäuser stehen immer häufiger glutenfreie Spaghetti oder Butterkekse, Trinkpäckchen mit laktosefreiem Kakao oder fruktosefreie Schokolade.

Die Zahl der Haushalte, die laktosefreie Milch oder ebensolchen Joghurt kaufen, ist laut GfK allein im vergangenen Jahr von 4,4 auf 5,1 Millionen gestiegen. "Das kann nicht daran liegen, dass die Zahl der Betroffenen steigen würde", sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Blähungen, Übelkeit, Bauchschmerzen

Etwa 15 Prozent der deutschen Bevölkerung vertragen tatsächlich keinen Milchzucker, sagt Gahl. Das sei jedoch meistens genetisch bedingt. Den Betroffenen fehlt das Enzym Laktase, dass der Körper braucht, um diesen Stoff aufzuspalten. Mögliche Folgen: Blähungen, Übelkeit, krampfartige Bauchschmerzen. Dramatischer ist die Glutenintoleranz.

Wer unter dieser Unverträglichkeit leidet – der Fachbegriff dazu heißt Zöliakie – kann Symptome wie Durchfall, Entzündungen der Darmschleimhaut und Gewichtsverlust erleiden. Ein prominentes Beispiel ist die Tennisspielerin Sabine Lisicki, die im Mai bei den French Open im dritten Satz des Achtelfinales zusammenbrach und von Sanitätern aus dem Stadion getragen werden musste, weil die Glutenunverträglichkeit ihren Körper nahezu lahmgelegt hatte. Laut DGE ist von einer solchen gefährlichen Glutenintoleranz allerdings nur etwa jeder 200. Deutsche betroffen.

Präsentes Thema in Wahrnehmung

Je präsenter das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch wird, desto mehr Menschen vermuten, selbst keine Milchprodukte oder normales, glutenhaltiges Brot zu vertragen – und greifen zu den weit teureren Spezialnahrungsmitteln, sagt Gahl. "Wir beobachten, dass immer mehr Leute solche Produkte kaufen, die es eigentlich nicht müssten." Den erhofften positiven Gesundheitseffekt hat das nicht: "Man schränkt sich nur unnötig ein", sagt Gahl.

Das Unternehmen Dr. Schär, größter deutscher Anbieter für glutenlose Nahrung mit deutschem Sitz im Örtchen Ebsdorfergrund nahe Marburg, wächst dennoch jährlich um zehn bis 15 Prozent. Ähnlich erfolgreich ist der deutsche Marktführer für laktosefreie Produkte, die baden-württembergische Molkerei Oberland-Milchverwertung Ravensburg, kurz Omira.

Wachstum soll sich fortsetzen

Laut Berichten in Fachmedien soll das Unternehmen mit seiner Marke "MinusL", die als Milch, Sprühsahne, Nuss-Nougat-Creme oder Butterkäse in vielen Supermarktregalen steht, im Jahr 2010 einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro erzielt haben und davon ein Zehntel, also 50 Millionen Euro, mit MinusL. Das Unternehmen kommentiert diese Zahlen auf Anfrage nicht, prognostiziert aber, dass sich das Wachstum der vergangenen Jahre weiter fortsetzen dürfte.

Vor kurzem hat Omira einen neuen Coup gelandet: Gemeinsam mit dem Tiefkühlgerichte-Hersteller Apetito verkauft das Unternehmen nun Pizza, Hühnerfrikassee und andere tiefgekühlte Fertigprodukte ohne Laktose – mit Erfolg, wie Geschäftsführer Wolfgang Nuber versichert. Kooperationen mit anderen Unternehmen gebe es auch schon bei Eis, Feinkost und Antipasti.

Der Grund für den Erfolg der Produkte sei die bessere gesundheitliche Aufklärung der Konsumenten, meint Nuber: "Es wissen immer mehr Personen, dass ihre Beschwerden, also Bauchschmerzen, Durchfälle oder Kopfschmerzen, ihre Ursache in einer Intoleranz haben und können entsprechend auf laktosefreie Produkte umsteigen."

Preise fast doppelt so hoch

Wer im Supermarkt die Preise vergleicht, stellt deutliche Unterschiede fest: Ein herkömmlicher Liter H-Milch kostet 68 Cent, ein Liter MinusL-Milch 1,39 Euro. Die laktosefreie Sprühsahne liegt bei 1,99 Euro – und ist damit doppelt so teuer wie die Eigenmarke des Supermarkts.

Omira-Geschäftsführer Nuber sagt, die laktosefreien Milchprodukte seien deutlich teurer in der Herstellung, unter anderem, weil das Enzym Laktase bereits den Produkten zugefügt wird, und weil überdies jede Produktionscharge aufwendig kontrolliert werden müsse, um die Sicherheit der Kunden zu gewährleisten. Die höheren Endpreise, die der Verbraucher zahlt, dienten lediglich dazu, diese Kosten zu decken.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung kritisiert, manche milchzuckerfreien Nahrungsmittel seien lediglich ein Marketingtrick. "Viele laktosefreie Produkte sind nicht nur überteuert, sondern in vielen Fällen ist die Kennzeichnung überflüssig", sagt Antje Gahl. Beispielsweise enthalten Schinken oder Putenbrust natürlicherweise gar keine Laktose – die entsprechenden Produkte gibt es aber trotzdem. Außerdem seien auch Hartkäse wie Emmentaler oder Parmesan ohnehin so gut wie laktosefrei.

Geschicktes Marketing

Dass trotzdem derart viel Geld mit den Produkten verdient werde, sei zum Teil auf geschicktes Marketing zurückzuführen, kritisierte der renommierte Tübinger Allergologe Tilo Biedermann vor kurzem in einem Interview: "Im Internet gibt es etliche Seiten, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Die Produkte werden stark beworben und es ist eine hohe Sensibilität in der Bevölkerung vorhanden. Man hört Sätze wie: Ich ernähre mich vorsichtshalber laktosefrei – was völliger Unsinn ist." Die Molkerei Omira etwa teilt mit, die höheren Preise für die MinusL-Produkte kämen auch zustande, weil der Kommunikationsaufwand viel höher sei als der für herkömmliche Milchprodukte.

MinusL hat eine eigene Facebook-Seite und eine Oecotrophologen-Telefonhotline; die Firma steht laut Geschäftsführer Nuber in regelmäßigem Kontakt zu Selbsthilfegruppen.

Branche soll Probleme selbst verursacht haben

Was andere Arten von Lebensmittelunverträglichkeiten, vor allem Gluten und Fruktose, angeht, ist nach Ansicht vieler Nahrungsmittelforscher in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich die Zahl der Betroffenen gestiegen – wenn auch nicht so deutlich, wie die Zahl der Käufer es vermuten lässt. Daran seien laut lebensmittelindustriekritischen Forschern auch die Hersteller selbst Schuld.

Einer der deutlichsten Kritiker ist der österreichische Arzt und Buchautor Maximilian Ledochowski. So stecke im Brot weit mehr Gluten als noch vor Jahrzehnten – was die Wahrscheinlichkeit steigen lasse, dass der Körper empfindlich auf den Konsum reagiere.

Vor allem die steigende Verbreitung der Fruktoseintoleranz, bei dem Menschen nach dem Genuss von Obst oder Saft schlecht würde, habe die Branche zum großen Teil selbst verursacht, sagt Ledochowski. "Neue Apfelsorten werden auf höhere Fruchtzuckergehalte hin gezüchtet, weil sie dann süßer schmecken", sagt der Arzt für innere Medizin, der das Buch "Wegweiser Nahrungsmittel-Intoleranzen" geschrieben hat.

Verbreitung von Übergewicht

Besonders kritisch beurteilt Ledochowski den in der industriellen Nahrungsmittelherstellung weit verbreiteten "High Fructose Corn Syrup", einen stark fruktosehaltigen Maissirup, der zum Süßen von Soft-Drinks, Kuchen und vielen anderen Lebensmitteln verwendet wird und vor allem in den USA für die weite Verbreitung von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Krankheiten mitverantwortlich gemacht wird.

"Die Industrie sorgt mit ihren designten Lebensmitteln dafür, dass wir tatsächlich immer häufiger das Essen schlecht vertragen. Sie hat sich den Markt für Speziallebensmittel für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten zum Teil selbst geschaffen", sagt Ledochowksi.

Ob nun Produkte ohne Laktose, Gluten und Fruktose eher den Zeitgeist westlicher Industrienationen widerspiegeln oder ob tatsächlich immer mehr Menschen unter dem Essen leiden, Tatsache ist: Von diesem Trend profitieren nicht nur die Hersteller, sondern auch die Handelsketten.

Auch Reformhäuser verdienen gut

Bei Rewe etwa gibt es seit wenigen Monaten eine eigene Produktlinie, die unter dem Namen "REWE frei von" alles von glutenfreien Croissants bis laktosefreiem Eis "Fürst Pückler"-Art im Angebot hat. Auch die Reformhäuser verdienen gut daran.

Erwin Perlinger, Vorstand der Neuform-Genossenschaft, der rund 2000 Reformhäuser bundesweit angehören, sagte vor kurzem in einem Interview, dass der Umsatz mit solchen Speziallebensmitteln pro Jahr um bis zu 20 Prozent wachse.

Sogar Restaurants springen zunehmend auf den Zug auf. Der Berliner Starkoch Tim Raue zum Beispiel kocht in seinem neuen Restaurant nur noch gluten- und laktosefrei. Er sagte der taz im Interview, das passe zu seinem leichten, asiatischen Kochstil – Zeitgeist eben.

Foto: picture-alliance/ dpa

Als Parmesan darf ein Käse nur dann bezeichnet werden, wenn er in der norditalienischen Region um Parma und Bologna nach einem traditionellen Verfahren hergestellt worden ist. Das entschied der EuGH 2008.

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Das Glossar der Food-Begriffe
  • Aromastoffe

    gibt es natürlich und synthetisch. Natürliche Aromen enthalten natürliche Aromastoffe und -extrakte, die aus verschiedenen Ausgangsstoffen stammen. Nur wenn z.B. „Natürliches Erdbeer-Aroma“ ausgewiesen ist, kann man sicher sein, dass das Aroma zu mindestens 95 Prozent aus Erdbeeren stammt

  • Biowein

    wird in Deutschland laut Bundesverband Ökologischer Weinanbau „Ecovin“ von 215 Mitgliedsbetrieben auf 1400 Hektar Rebfläche in elf Anbaugebieten produziert. Sie verwenden weder Kunstdünger noch chemisch-synthetische Substanzen und fördern Nützlinge. Neben klassischen Rebsorten werden auch natürlicherweise gegen Pilzerkrankungen widerstandsfähige Sorten wie Regent und Johanniter angebaut.

     

  • Direktsaft

    ist der sogenannte Muttersaft von überwiegend Äpfeln und Orangen, der direkt nach dem Pressen und Keltern filtriert und im Idealfall sofort abgefüllt wird. Geschmacklich kommt er dem frisch gepressten Saft am nächsten. Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit ist er hingegen fraglich, kommen doch die meisten Säfte aus Brasilien und legen daher weite Transportwege zurück.

  • Functional Food

     heißt übersetzt „Funktionelle Lebensmittel“. Sie sollen neben Sättigung und Geschmack noch einen gesunden Zusatznutzen haben, sind deshalb mit gesundheitsfördernden Stoffen angereichert, beispielsweise Eier mit Omega-3-Fettsäuren.

     

  • Glutamat

     ist ein Geschmacksverstärker. Er wird in ungezählten Fertignahrungs- und Würzmitteln eingesetzt, obwohl bekannt ist, dass der Stoff gesundheitsgefährdend ist. Die Höchstmenge ist auf ein Gramm pro Kilogramm Lebensmittel beschränkt.

     

  • Konservierungsstoffe

    sollen die Haltbarkeit von Lebensmitteln verlängern. Doch viele Konservierungsstoffe sind umstritten, weil sie gesundheitliche Nebenwirkungen wie Asthma, Kopfschmerzen, Allergien bis hin zur Bildung krebserregender Nitrosamine hervorrufen können. Als harmlos gelten die Konservierungsmittel Sorbinsäure (E200 bis 203) und Ameisensäure (E236 bis 238).

  • Lebensmittelampeln

    sollten der Fehlernährung in der Bevölkerung entgegenwirken. Auf Waren sollen in rot-gelb-grün die Mengen an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz angezeigt werden. Grün steht für einen niedrigen Wert, Rot für einen hohen. Bundestag und EU-Parlament sind jedoch bisher mehrheitlich dagegen

  • Nahrungsergänzungsmittel

    sind laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung unnötig. Hochdosierte Pillen könnten zudem Nebenwirkungen haben. Lediglich für Gruppen mit erhöhtem Bedarf wie Schwangere, Hochleistungssportler, Raucher oder Senioren könnten solche Präparate sinnvoll sein – jedoch nur in Abstimmung mit dem Arzt. Wer sich weitgehend vollwertig ernährt, sei bestens versorgt.

  • Novel Food

    steht für „neuartige Lebensmittel“, für die es seit 1997 in der EU eine Zulassungspflicht gibt. Diese neuen Lebensmittel dürfen nur auf den europäischen Markt kommen, wenn sie gesundheitlich unbedenklich sind. Exotische Früchte gelten dabei genauso als Novel Food wie neuartige, synthetisch hergestellte Fett-Ersatzstoffe

  • Zusatzstoffe

    (in der EU sind mehr als 300 zugelassen) sollen Geschmack, Aussehen, Haltbarkeit und Konsistenz eines Lebensmittels verbessern. Zu ihnen gehören Konservierungsmittel, Emulgatoren, Antioxidantien oder Süßstoffe. Sie müssen gesundheitlich unbedenklich sein und sind deshalb genehmigungspflichtig.

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