28.11.12

Konjunktur-Studien

EU-Kommission rechnet sich die Euro-Krise schön

Euro-Partner Chefvolkswirte sehen in ihren Studien eine höhere Wettbewerbsfähigkeit in den Krisenländern. Kritiker wie Top-Ökonom Hans-Werner Sinn halten die Statistiken für eine Augenwischerei.

Foto: Getty Images
Krise in Spanien
Krisenstimmung in Spanien: Nach den Boomjahren, auf deren Höhepunkt in Spanien 800.000 Häuser gebaut wurden, folgt nun die Flaute. Die Türenfabrik Mavisa (Foto) beschäftigte einst 5700 Arbeitskräfte. Jetzt verwahrlost sie

Werden die Krisenländer in der Euro-Zone wettbewerbsfähiger? Die EU-Kommission ist davon überzeugt und hat Statistiken präsentiert, die eine positive Entwicklung belegen. Der Warnmechanismus-Bericht, eine jährliche Untersuchung, belege, dass die Korrektur der wirtschaftlichen Ungleichgewichte erfolgreich verlaufe.

"In den Ländern mit den größten außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten verringern sich die Leistungsbilanzdefizite – eine Entwicklung, die durch die schrittweise Verbesserung der Exportleistung und der Wettbewerbsfähigkeit unterstützt wird", erklärte die Kommission. Auch zwei jüngst veröffentlichte Studien bescheinigen den Krisenländern erhebliche Fortschritte bei der Bewältigung ihrer strukturellen Probleme.

Zweifler, wie Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchener Ifo-Instituts glauben nicht an tatsächliche Fortschritte: "Ich kann nicht erkennen, dass die Wettbewerbsfähigkeit in den Krisenländern steigt", sagte Sinn der Berliner Morgenpost. "Das sind bisher reine Zweckbehauptungen, um dafür zu sorgen, dass die Deutschen beruhigt sind und weiter bereitwillig ihre Portemonnaies aufmachen."

Der Report der EU-Kommission wird mit großem Interesse verfolgt, denn wie sich die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer entwickelt, entscheidet mit über den Erfolg der Krisenpolitik in der Euro-Zone. Die Strategie der Euro-Partner war es bisher vor allem, den betroffenen Ländern Zeit zu kaufen, damit diese ihre Staatsfinanzen sanieren und die heimischen Volkswirtschaften auf Wachstumskurs bringen können.

Wachstum verbessert die Lage

Wachstum sehen Ökonomen als entscheidend für eine Verbesserung der Lage: Es brächte Arbeitsplätze, steigenden Wohlstand und würde dafür sorgen, dass die Höhe der Staatsschuld in Relation zur Wirtschaftsleistung schrumpft und damit erträglich wird. Aktuell stecken die meisten Krisenländer in einer hartnäckigen Rezession, die nach neuesten Prognosen auch im kommenden Jahr anhalten dürfte.

Als Voraussetzung für gesundes Wachstum gilt eine höhere Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Volkswirtschaften. Zwei Studien bescheinigten den Krisenländern zuletzt große Erfolge auf diesem Weg.

Eine gemeinsame Studie der Hamburger Berenberg Bank und des Brüsseler Think Tanks Lisbon Council, kommt zu dem Schluss, dass alle Länder, die Hilfsprogramme beantragt haben, ihre Volkswirtschaften erfolgreich anpassen, und dass die Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone sich verringern.

"Alle Länder, die sich unter dem Druck der Krise schnell wieder in Form bringen müssen, tun etwas", resümiert Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Die Euro-Zone als Ganzes wandelt sich zu einer ausgeglicheneren und potenziell dynamischeren Volkswirtschaft."

Im Euro Plus Monitor ist Griechenland vorne

In dem von ihm mitverfassten Euro Plus Monitor landet Griechenland auf dem ersten Platz, unter anderem, weil dort die Lohnkosten stark geschrumpft sind. Auch Irland, Spanien und Portugal gelten als Länder, denen die erfolgreiche Anpassung gelingt. Die Verfasser verweisen vor allem auf sinkende Lohnstückkosten, steigende Exporte und schrumpfende Leistungsbilanzdefizite.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie mit ähnlichem Namen: Der Euro Monitor der Allianz hat ebenfalls untersucht, wie sich Staatsfinanzen und Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer zuletzt entwickelt haben.

"In den GIPS-Ländern ist lange wenig passiert, aber das ändert sich zur Zeit mit dramatischer Geschwindigkeit. Die Länder reduzieren ihre Ungleichgewichte , vor allem im Außenhandel mit großem Tempo", sagte Michael Heise, der Chefvolkswirt der Allianz gegenüber der Berliner Morgenpost.

Heise und die anderen Verfasser verweisen beispielsweise auf stark gestiegene Lohnstückkosten in Griechenland, die lange viel zu hoch waren, inzwischen aber wieder niedriger seien als im Durchschnitt der Euro-Zone. Die Lohnstückkosten, die Kosten pro hergestellter Einheit, seien in Griechenland allein in diesem Jahr um acht Prozent gesunken, dahinter stünden Lohnkürzungen von 15 Prozent. Griechenland sei damit auf einem Niveau angelangt, das gesund sei.

Auch in Portugal, Spanien und Irland beobachten die Autoren um Heise sinkende Lohnstückkosten, höhere Produktivität und sinkende Leistungsbilanzdefizite.

Sinn interpretiert die Studien ganz anders

Der Spitzenökonom Hans-Werner Sinn interpretiert diese Statistiken allerdings anders als die Chefvolkswirte. "Die Lohnstückkosten in den Krisenländern sinken, weil die Länder in der Rezession stecken", sagt Sinn. "Firmen mit hohen Lohnstückkosten gehen unter und Firmen mit günstigeren Lohnstückkosten und höherer Produktivität bleiben am Leben. Das führt zwar rechnerisch zu niedrigeren Lohnstückkosten der gesamten Volkswirtschaft, aber ich kann nicht erkennen, wie man das als Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit interpretieren kann."

Auch der Abbau der Leistungsbilanzdefizite ist für Sinn kein Anzeichen für eine nachhaltige Verbesserung. "Die Leistungsbilanzdefizite sinken, weil die Volkswirtschaften der Krisenländer in der Rezession stecken, die Verbraucher geringere Einkommen haben und deshalb weniger Importe kaufen", sagte Sinn der Berliner Morgenpost. "Aber sobald die Länder sich erholt haben, wird dieser Effekt wieder verschwinden. "

Allianz-Chefvolkswirt Heise weist solche Kritik allerdings zurück: "Dass Angestellte mit niedriger Produktivität entlassen werden, ist bedauernswert, aber ein notwendiger Prozess in einer Krise. Die Volkswirtschaft muss ein neues Gleichgewicht finden, dass die Beschäftigung dabei so hoch bleibt wie zur Spitze des Booms ist ziemlich abwegig."

Sehr kritisch äußern sich übrigens beide Anpassungsstudien zu Frankreich. Das Land sei das einzige in der Euro-Zone, das in den vergangenen Monaten nichts getan habe, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, urteilt die Berenberg-Untersuchung. Und Heise und seine Kollegen schreiben der Regierung in Paris ins Stammbuch, sich um die drängendsten Probleme zu kümmern.

Quelle: Reuters
27.11.12 2:21 min.
Wegen der geplanten Zinssenkung bei Griechenland-Krediten komme es im Bundeshaushalt zu Mindereinnahmen von rund 130 Millionen Euro, sagt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ein.
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OECD-BIP-Prognose
  • Euro-Zone

    2012: – 0,4 Prozent

    2013: – 0,1 Prozent

    2014: 1,3 Prozent

  • OECD insgesamt

    2012: 1,4 Prozent

    2013: 1,4 Prozent

    2014: 2,3 Prozent

  • USA

    2012: 2,2 Prozent

    2013: 2,0 Prozent

    2014: 2,8 Prozent

  • Japan

    2012: 1,6 Prozent

    2013: 0,7 Prozent

    2014: 0,8 Prozent

    Bruttoinlandsprodukt real, arbeitstäglich bereinigt, Quelle: dpa

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