28.11.12

Netzüberlastung

Deutsche zahlen Millionen für nutzlosen Windstrom

Die deutschen Windparks konnten vergangenes Jahr 400 Gigawattstunden Strom nicht einspeisen, weil Leitungen fehlen. Die Elektrizität verpufft einfach – auf der Stromrechnung taucht sie trotzdem auf.

Von Daniel Wetzel
Foto: Infografik Die Welt

So viel Windenergie wird in den Bundesländern produziert
So viel Windenergie wird in den Bundesländern produziert

Die Verbraucher müssen sich beim Strompreis auf weitere Erhöhungen einstellen. Mit dem Geld sollen die Betreiber von sogenannten Offshore-Windparks auf hoher See entschädigt werden, wenn ihre Anlagen nicht rechtzeitig ans Netz angeschlossen werden können.

Union und FDP wollen noch in dieser Woche im Bundestag beschließen, dass die Bürger künftig höhere Lasten als bisher bekannt tragen. Die Entschädigungszahlungen der Netzbetreiber, die ja eigentlich für die Anschlüsse zuständig sind, sollen auf 110 Millionen Euro jährlich gedeckelt werden – der Rest wird auf die Strompreise abgewälzt. Das geht aus einem überarbeiteten Gesetzentwurf vor.

Für die Bürger werden durch die Offshore-Haftungsumlage allein für 2013 Belastungen von rund einer Milliarde Euro erwartet. Schon ohne diese Kosten werden die Strompreise 2013 im Schnitt um zwölf Prozent steigen.

Zusätzliche Kosten entstehen durch eine Verdreifachung der Zwangsabschaltung von Windparks an Land, weil die Netze zu schwach für die Einspeisung sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag des Bundesverbands Windenergie.

Demnach ging vergangenes Jahr der Rekordwert von 407 Gigawattstunden (GWh) Windstrom verloren, 2010 waren es erst 150 GWh. Da die Betreiber für solche Produktionsdrosselungen entschädigt werden müssen und dies auf die Stromverbraucher abgewälzt wird, entstehen den Bürgern weitere Millionenbelastungen für nicht eingespeisten Strom.

Mit dem nicht eingespeisten Strom hätten etwa 116.000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgt werden können. Ein Sprecher des Windenergieverbands betonte: "Das zeigt, wie dringend ein zügiger Netzausbau ist." Es handele sich "weiterhin in den meisten Fällen um ein regionales Problem des Verteilungsnetzes", wird in der Studie betont. Dies sind die unteren Netzebenen, quasi die Land- und Gemeindestraßen im Stromnetz.

Um die angespannte Situation im Stromnetz zu entspannen, will die Bundesregierung künftig Industriebetriebe dazu bewegen, ihre Produktion im Falle von Stromengpässen zu drosseln. Das sieht eine "Verordnung zu abschaltbaren Lasten" vor, die am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossen wurde. Entschädigt werden die Betriebe monatlich mit 1667 Euro pro Megawattstunde Abschalt-Kapazität. Hinzu kommen bis zu 500 Euro pro Megawattstunde bei tatsächlicher Abschaltung.

SPD und Grüne kritisieren Pläne scharf

Der Großteil der Entschädigungszahlungen kann auf die Strompreise abgewälzt werden, sofern kein Vorsatz für das Netzproblem vorliegt. Allein für 2013 sind Kosten von einer Milliarde Euro zu erwarten. Experten zweifeln, ob die Obergrenze der Bürger-Umlage von 0,25 Cent je Kilowattstunde und damit pro Durchschnittshaushalt von neun Euro pro Jahr noch einzuhalten ist.

Union und FDP wollen mit der Abwälzung Planungssicherheit im Offshore-Bereich schaffen. Nachdem es zunächst hieß, der Beschluss verschiebe sich auf Mitte Dezember, soll er nun schon in dieser Woche im Bundestag verabschiedet werden. Der Wirtschaftsausschuss gab am Mittwoch grünes Licht. SPD und Grünen kritisierten die Pläne scharf.

Harter Kampf um die Zukunft der Windenergie

Dass an Land immer öfter Windparks abgeschaltet werden müssen, bereitet der Windkraftbranche Sorgen. "Die neuen Zahlen zeigen, wie dringend ein zügiger Netzausbau ist", betont ein Sprecher des Windenergieverbands. In ihrer Not hat die Branche schon angeboten, selbst Leitungen an Land zu verlegen.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) will ohnehin den Windausbau drosseln, den Zubau zwischen den Ländern besser koordinieren und an das Tempo des Netzausbaus anpassen. Dies steht auch im Fokus der angestrebten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG).

Den Gegenpol bilden Leute wie Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne): Er will Fakten schaffen. Schleswig-Holstein möchte die Windenergieleistung bis 2020 auf rund 9000 Megawatt fast verdreifachen. Ein hohes Tempo soll den Druck für einen schnelleren Netzausbau hochhalten und die grüne Energiewende zementieren.

Netze fehlen nicht nur bei den Strom-Autobahnen

Altmaier betonte diese Woche bei einem Kongress in Berlin, dass nicht überall ohne Koordinierung neue Windräder ans Netz gehen könnten und der Strom dann bald von Norden nach Süden und eventuell auch umgekehrt fließe. "Dann haben wir einen großen Knall in der Höhe von Frankfurt. Und das war's dann mit der Energiewende in Deutschland."

Die Zwangsabschaltungen von Windparks sind nicht das einzige Problem im Bereich der erneuerbaren Energien in Deutschland. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Michael Fuchs, sagte der "Welt": "Unser Problem ist leider noch größer als nur die Windkraft. Wir fördern auch Solarenergie und Biomasse viel zu hoch und vor allem ohne sie mit dem Netzausbau zu synchronisieren." Spätestens in zwei Jahren werde es ein "riesiges Problem" geben, "weil wir überall im Land nicht angeschlossene Anlagen herumstehen haben".

Am Montag hatte der für den Netzausbau zuständige Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) die Pläne für 2800 Kilometer neue Stromautobahnen vorgestellt – 1000 Kilometer weniger als zunächst geplant. Während der Fokus auf den Höchstspannungstrassen – quasi den Strom-Autobahnen – liegt, werfen die Abschaltungsrekorde aber auch ein Schlaglicht auf die großen Probleme bei den "Bundes- und Landstraßen" im Stromnetz.

Eine noch unveröffentlichte Studie der Deutschen Energie-Agentur (Dena) sieht einen Bedarf von bis zu 214.000 Kilometern an neuen Netzen bei unteren Spannungsebenen. Kosten: 27,5 bis 42,5 Milliarden Euro bis 2030. Um die Belastung des Stromnetzes kurzfristig zu verringern, will die Bundesregierung die Industrie dafür entlohnen, wenn diese energiefressende Anlagen auf Zuruf rasch abschaltet.

Unternehmen können freiwillig auf Strom verzichten

Aluminiumhütten, Stahlproduzenten und andere energieintensive Unternehmen sollen mit finanziellen Anreizen dafür gewonnen werden, kurzfristig ihren Stromverbrauch massiv zu drosseln. Das Kabinett beschloss am Mittwoch dazu eine Verordnung für abschaltbare Lasten. Bundesweit sollen die Netzbetreiber 3000 Megawatt pro Monat an Abschaltleistung ausschreiben.

Das entspricht der Leistung von drei Großkraftwerken. 1500 Megawatt davon sollen laut Bundeswirtschaftsministerium binnen Sekunden vom Netz gehen können. Die anderen 1500 Megawatt binnen 15 Minuten. Firmen, die diese Voraussetzungen erfüllen, sollen monatlich 1667 Euro pro Megawatt Abschaltleistung erhalten, pro Jahr macht das 20.000 Euro pro Megawattstunde.

Die Kosten werden auf die Strompreise umgelegt. Laut Ministerium werden die Zusatzkosten pro Haushalt ein bis zwei Euro jährlich ausmachen.

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So können Sie Strom sparen
  • Stromfresser rauswerfen

    Ein zehn Jahre alter Kühlschrank verbraucht rund 100 Kilowattstunden mehr als ein modernes Gerät. Ein neuer Geschirrspüler spart rund 50 Kilowattstunden, und auch Waschmaschinen haben ein erhebliches Einsparpotenzial gegenüber ihren Vorgängermodellen. „Der Austausch alter Geräte gegen energieeffiziente Varianten lohnt sich in jedem Fall. Die höheren Anschaffungskosten gleichen sich durch den geringeren Stromverbrauch im Laufe der Zeit aus“, sagt Dagmar Ginzel, Energieexpertin beim Vergleichsportal Verivox.

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