28.11.12

Firmenzentrale

Porsche macht Flughafen von Atlanta zur Rennstrecke

Am Flughafen von Atlanta baut der Sportwagenhersteller seine neue US-Firmenzentrale – inklusive kleiner Rennstrecke. Das soll die Verkäufe auf dem für die Marke wichtigsten Markt beschleunigen.

Foto: dpa

Ein Porsche Boxster vor der geplanten US-Zentrale am Flughafen Atlanta
Ein Porsche Boxster vor der geplanten US-Zentrale am Flughafen Atlanta

Eine Reklametafel, ein Straßenname, eine Sandburg: Die Gäste der Porsche-Feier in Atlanta können am vergangenen Dienstag nur Symbole beschwören. Denn bisher liegen die 52 Hektar im Süden der Stadt noch brach, auf denen der Sportwagenbauer seine neue amerikanische Firmenzentrale baut.

Sie soll moderner und sinnlicher werden werden als die Niederlassungen deutscher Konkurrenten – mit Büros, Museum, Restaurant und einer 2,7 Kilometer langen Teststrecke, auf der Kunden die Wagen voll ausfahren können. Der 100.000-Quadratmeter-Bau soll im Herbst 2014 fertig werden, 400 Mitarbeitern Platz bieten und rund 100 Millionen Dollar (77,6 Millionen Euro) kosten.

"Unsere Investition ist ein Zeugnis dafür, dass wir an die Zukunft des amerikanischen Marktes glauben", sagt Matthias Müller, Porsche-Vorstandschef beim ersten Spatenstich. Gemeinsam mit Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche, Vertriebsvorstand Bernd Maier und Aufsichtsrat Hans Michel Piech ist er aus Deutschland zu der Zeremonie gereist.

Testfahrt in der Einflugschneise

Sie findet wenige Tage vor Beginn der Los-Angeles-Autoshow statt, der zweitgrößten Automobilmesse in den USA nach Detroit – und der einzigen Messe in Nordamerika, auf der Porsche ausstellt. Die Herren müssen ihre Reden immer wieder unterbrechen, wenn Flugzeuge über dem Zelt zur Landung ansetzen.

Das Gelände liegt direkt am Flughafen von Atlanta, mit 92 Millionen Reisenden pro Jahr das größte Passagierdrehkreuz der Welt. "Tausende von Reisenden werden jeden Tag vom Flugzeug aus die Porsche-Zentrale sehen – und in Versuchung geraten, die Teststrecke selbst auszuprobieren", sagt Nathan Deal, Gouverneur des Bundesstaates Georgia.

Porsches künftige US-Zentrale entsteht – Ironie der Wirtschaftsgeschichte – auf dem Gelände einer ehemaligen Ford-Fabrik, die 2006 ihre Tore schloss. Das Fundament ist noch nicht ausgehoben, aber der Straßenname bereits geändert, von "Henry Ford II Avenue" in "Porsche Avenue". Wer Wachstum und Jobs bringt, dessen Name hat Klang, da sind die Amerikaner unsentimental.

Autotempel als Sandburg

Die neue Porsche-Zentrale soll 100 neue Arbeitsplätze schaffen. "Das Hauptquartier wird ein gutes Geschäft für Porsche sein, und es ist schon jetzt ein gutes Geschäft für Georgia", sagt Gouverneur Deal, dessen Name Programm ist und der als ein ehrgeiziger Wirtschaftsförderer gilt.

Der Autotempel ist in seiner Form dem Porsche-Emblem nachempfunden, ein geschwungener, lichtdurchfluteter Komplex aus Glas und Stahl. Für die Zeremonie hat ein Künstler die künftige Zentrale als Sandburg aufbaut.

"Die neue Zentrale unterstreicht die wachsende Bedeutung von Porsche in den USA", sagt Rebecca Lindland, Automobilexpertin beim Marktforscher IHS in Boston. Die USA sind der größte Markt für Porsche weltweit. 2011 verkauften die Schwaben hier gut 29.000 Fahrzeuge. 2012 waren es in den ersten zehn Monaten schon 28.300.

Angesichts der Euro-Krise gilt der amerikanische Markt als Stabilitätsfaktor. Anders als BMW, Mercedes und Volkswagen produziert Porsche allerdings nicht in den USA.

Auch in LA können US-Kunden künftig Gas geben

"In dem neuen Firmensitz wollen wir unsere wichtigsten amerikanischen Geschäftseinheiten bündeln", sagt Detlev von Platen, Vorstandschef von Porsche Nordamerika, der Berliner Morgenpost. Das sind neben der Autosparte Porsche Financial Services, bislang in Illinois angesiedelt, die Beratungstochter Porsche Consulting sowie Schulungsanbieter für US-Händler.

"Vor allem wollen wir die Marke näher an den Kunden rücken, emotionaler gestalten." Parallel baut Porsche bis 2014 in Los Angeles ein neues Kundenzentrum mit Teststrecke. "Wir wollen auch im Westen wachsen. Kalifornien ist der größte Markt für Porsche innerhalb der USA", sagt von Platen (48), der deutsche Eltern hat, aber in Frankreich aufwuchs, studierte und arbeitete.

Die Geschichte des Sportwagenbauers in den Vereinigten Staaten begann in den 50er-Jahren. Lange Zeit war Porsche ein Exot auf dem US-Automarkt, wo bis heute Pick-up-Trucks, SUVs und Minivans dominieren. Der erste Firmensitz befand sich in der Spielerstadt Reno, Nevada. 1998 zog Porsche nach Atlanta, wegen des Flughafens, der niedrigen Steuern und der guten Infrastruktur. Seither befindet sich die Porsche-Zentrale im 10. Stock eines seelenlosen Büroturms.

Die Autokrise von 2008 wirkt noch nach

Heute konkurriert Porsche im Luxussegment mit Mercedes, BMW und Audi. "Der amerikanische Automobilmarkt ist der am härtesten umkämpfte Markt der Welt", sagt von Platen. "Wer es hier schafft, der ist auch global wettbewerbsfähig."

Er übernahm das Steuer im Jahr 2008, als der amerikanische Automarkt kollabierte. Auch die Absätze von Porsche brachen ein, von 34.700 im Jahr 2007 auf 19.700 im Jahr 2009. "In den USA hat man als Automobilhersteller nur eine Chance, wenn man sich schnell und flexibel mit seinem Angebot an den Markt anpasst", hat von Platen gelernt. Seit 2010 zieht der Absatz stetig an.

Das tut er auch in China. 2011 verkauften sich in den USA 4683 Porsche-Fahrzeuge mehr als in der Volksrepublik, in den ersten zehn Monaten 2012 schrumpfte der Vorsprung auf 120 Autos. Der US-Chef sieht die Entwicklung gelassen. "China ist ein riesiger Wachstumsmarkt, keine Frage", so von Platen. "Und natürlich gibt es einen internen sportlichen Wettbewerb bei Porsche, den wir in den USA gewinnen wollen."

Der Cayenne als Zweitwagen für 911-Fahrer

Ob es den typisch amerikanischen Porsche-Kunden gibt? Von Platen lacht. Die meisten Amerikaner wollten nicht warten, "sondern nach dem Kauf sofort mit dem Auto vom Hof fahren". Vor allem aber fahren sie gerne große Autos. "Und deshalb ist der Cayenne auch unser absoluter Verkaufsstar in den USA."

Der Wagen, seit 2002 auf dem Markt, macht etwa die Hälfte des Absatzes von Porsche in den USA aus. Zwar seien auch Mercedes und BMW mit SUVs auf dem US-Markt vertreten, sagt Lindland. Doch der Cayenne sei durch die Verwandtschaft mit den Sportwagen besonders attraktiv: "Es gibt eine ganze Reihe von Amerikanern, die seit Jahren einen Porsche 911 fahren und jetzt in ihrer zweiten Garage einen Cayenne stehen haben."

Die Honoratioren aus Deutschland stechen in Atlanta schließlich mit ihren glitzernden Schaufeln mitten hinein in die prächtige Sandburg. Dass sie das Kunstwerk zerstören, scheint niemand für ein düsteres Omen zu halten. Bei Porsche ist man nicht abergläubisch.

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