28.11.12

Verkehrsclub-Studie

Flieger versus Bahn – Was wirklich günstiger ist

Viele Airlines setzen auf Schnäppchen-Tarife und wollen der Bahn damit Kunden abspenstig machen. Doch wie reist man innerhalb Deutschlands wirklich am günstigsten? Eine neue Studie klärt auf.

Von Nikolaus Doll
Foto: Infografik Die Welt

Auf allen Strecken ist die Bahn günstiger: 100 Prozent entspricht den Kosten für ein Flugticket, der Bahnpreis wird immer im Verhältnis dazu gesehen
Auf allen Strecken ist die Bahn günstiger: 100 Prozent entspricht den Kosten für ein Flugticket, der Bahnpreis wird immer im Verhältnis dazu gesehen

Sie wollen quer durchs Land und vermutlich buchen Sie dafür einen Flug. Ist schneller. Und billiger. Glauben viele, aber das ist falsch. Laut einer Studie, die der Verkehrsclub Deutschland in Auftrag gegeben hat, sind Bahnreisen innerhalb Deutschlands gegenüber Flügen überraschend preiswert. In 91,5 Prozent der untersuchten Fälle ist die Reise mit der Bahn günstiger.

Das trifft auf die eintägige Geschäftsreise, den Wochenendausflug und den vierzehntägigen Familienurlaub zu. Und es spielt auch keine Rolle, ob die Tickets drei Monate, vier Wochen, eine Woche oder einen Tag vor der geplanten Reise gebucht werden. "Im Grunde ist es gar nicht nötig, innerhalb Deutschlands zu fliegen", sagt Heidi Tischmann vom Verkehrsclub.

Der VCD hatte zwischen Mai und September 540 Tests durchführen lassen und dabei jeweils 270 Flüge mit der entsprechenden Zahl von Bahnverbindungen verglichen. Ausgewählt wurden die zehn Strecken mit dem höchsten Aufkommen an Fluggästen.

Heraus kam, dass Reisende auf der Strecke München-Frankfurt mit der Bahn im Durchschnitt nur 42 Prozent des Flugpreises zahlen, auf der Strecke Frankfurt-Hamburg sind es 57 Prozent, zwischen Hamburg und München 63,3 Prozent. Auf der Strecke Köln/Bonn-Berlin ist der Spareffekt mit 77,2 Prozent des Flugticketpreises am geringsten.

Preisbrecher zwischen München und Frankfurt

In absoluten Zahlen bedeutet das, dass Geschäftsreisende (eine Person, an Werktagen unterwegs) auf der Strecke München-Frankfurt mit der Bahn gegenüber einem Flug 135,41 Euro sparen können, zwischen Frankfurt und Hamburg 43,09 Euro und auf der Strecke Köln/Bonn-München 36,72 Euro.

Denn natürlich hängt es davon ab, an welchem Tag man reist, wie viele Personen unterwegs sind und wohin sie wollen. An Wochenenden ergibt sich ein anderes Bild, dort sparen zwei Personen zwischen München und Düsseldorf mit der Bahn 333,17 Euro, im Fall von Köln/Bonn-München sind es 130,41 Euro. Eine vierköpfige Familie, die eine zweiwöchige Urlaubsreise unternimmt, kann auf Touren zwischen Frankfurt und Hamburg den größten Spareffekt erzielen: 609,67 Euro.

Kein Freund der Flugbranche

Nun steht der VCD generell im Ruf, nicht gerade ein Freund der Flugbranche zu sein, schließlich ist er ökologischen Gesichtspunkten verpflichtet. Und dort schneidet das Flugzeug gegenüber der Bahn deutlich schlechter ab. Wenn der VCD also erklärt, dass der Energieverbrauch eines Fliegers auf Kurz- und Mittelstrecken – und damit der Schadstoffausstoß, wenn auch nicht exponentiell – 4,4 Mal größer ist, als bei einem Zug, dann kann man das getrost glauben.

Dass die Bahn auch bei den Kosten den Fliegern so haushoch überlegen ist, überrascht dagegen in diesem Ausmaß schon. Schließlich kann man bei früher Buchung tatsächlich superbillige Flugtickets auch innerhalb Deutschlands bekommen. War also beim VCD der Wunsch Vater des Gedankens?

Stabile Methodik

Offenbar nicht, denn die Methodik der Tester ist nicht in Zweifel zu ziehen. Es wurden nicht nur verschiedene Tage, Reisespannen und eine unterschiedliche Zahl an Reisenden berücksichtigt. Gewertet wurde auch, wie lange vorher die Reise gebucht wurde – einer der Hauptfaktoren, um an günstige Tickets zu kommen. Überraschenderweise rechnet sich auch für Frühbucher in den meisten Fällen die Bahn.

Wer einen Tag vor Reisebeginn eine Fahrkarte kauft, spart natürlich mit der Bahn am meisten. Insgesamt betrachtet haben Wochenendreisende (vier Personen) dann mit 171 Euro das größte Sparpotenzial. Sieben Tage vor Antritt kommen Urlaubsreisende (zwei Personen) mit 151 Euro im Durchschnitt günstiger weg als Nutzer von Flugzeugen.

Drei Monate vorher können Bahnfahrer immerhin noch 74 Euro im Vergleich zum Flug sparen, an Wochenendtrips sind es immerhin noch 50 Euro, bei Geschäftsreisenden 36 Euro – letztere Gattung profitiert am wenigsten beim Frühbuchen mit der Bahn.

Bahn-Cards nicht berücksichtigt

Selbst wenn der VCD eher Bahn-nah ist, muss zu seiner Ehrenrettung gesagt werden, dass Bahn-Cards nicht berücksichtigt wurden. Im Fernverkehr hat aber rund jeder dritte Kunde eine solche und spart damit deutlich. Die Tester haben bei den Flugreisen zudem nicht nur die Internetportale der Airlines berücksichtigt, sondern zusätzlich professionelle Billigflugsuchmaschinen befragt, die zum Teil zu günstigeren Tarifen kommen.

Verglichen wurde jeweils die Economy-Klasse der Airlines mit der zweiten Klasse der Bahn. Nicht gewertet beim Faktor Zeit wurden hingegen die zahlreichen Verspätungen der Bahn, die höher ausfallen als bei den Airlines. Wie die Tester mit der Bahn auf eine Reisezeit zwischen München und Berlin von 5:42 Stunden kommen, beim Flieger dagegen auf 2:10 Stunden (Flughafen zu Flughafen) ist vollends unverständlich – weitere Reisezeitangaben ebenfalls. Das Hauptaugenmerk habe eben auf dem Preisvergleich gelegen, heißt es dazu beim VCD.

Aber wie gut ist der in der Praxis? Ein Schnelltest auf den vom Club getesteten Strecken ergibt zum Beispiel: Einfache Strecke Köln/Bonn-Berlin in genau zwei Monaten im Flieger: 48,65 Euro mit Lufthansa (flug.de). Wobei vermutlich eine Gebühr für Kreditkartenzahlung hinzukommen dürfte. Die Bahn verlangt für diese Strecke 29 Euro. Frankfurt-Hamburg in genau einem Monat gibt es ab 59 Euro bei der Bahn. Flug.de bietet einen Lufthansa-Flug für 150,30 Euro als günstigstes Angebot.

VCD rät zur Bahn

Kein Wunder, dass der VCD im Ergebnis dazu rät, nicht nur das Auto in der Garage, sondern auch den Flieger im Hangar zu lassen. "Wer innerhalb Deutschlands verreisen will, muss nun wirklich nicht mehr überlegen, ob er mit der Bahn oder dem Flugzeug reist. Die Bahn ist nicht nur umweltfreundlicher sondern auch erwiesenermaßen preiswerter. Hinzu kommen die bekannten Vorteile wie Bewegungsfreiheit während der Fahrt, die Möglichkeit, zu telefonieren und das Internet zu nutzen, die zentrale Lage der Bahnhöfe", sagt Michael Ziesak, der Bundesvorsitzende des Clubs.

Doch allein die Benennung dieser Vorteile wird aus Sicht des VCD nicht ausreichen, um möglichst viele Reisende aus der Luft auf den Boden zurück zu holen. Unternehmen und Verwaltungen sind aufgefordert, die Ergebnisse des Bahn-Flug-Kostenchecks ernst zu nehmen.

Gleichbehandlung der Verkehrsträger

Mitarbeiter sollten Dienstreisen innerhalb Deutschlands generell mit dem Zug machen. Dies kann zum Beispiel in der jeweiligen Reiserichtlinie festgeschrieben werden. Die Politik wiederum muss bessere Rahmenbedingungen für einen fairen Wettbewerb zwischen den Verkehrsträgern schaffen.

"Der Preisvorteil der Bahn wäre noch viel offensichtlicher, würde es die steuerliche Ungleichbehandlung von Bahn und Flugverkehr nicht geben. Rund 680 Millionen Euro Wettbewerbsvorteil im innerdeutschen Fernverkehr bringt dem Luftverkehr die Befreiung von der Kerosin- und Ökosteuer. Dies muss geändert werden, wir brauchen eine steuerliche Gleichbehandlung für alle Verkehrsträger", fordert der VCD-Chef.

Quelle: dapd
22.11.12 1:35 min.
Siemens bekommt die technischen Probleme beim Bau der neuen ICE-Züge für die Deutsche Bahn nicht in den Griff. Im Winter könnten diese Probleme vor allem für die Verbraucher unangenehm spürbar werden.
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