27.11.12

Studie

Die OECD warnt vor einem Zerfall der Euro-Zone

In ihrer Prognose sprechen die Experten von einem fragilen Zustand und einer drohenden Rezession. Auch Deutschland wäre betroffen.

Foto: dpa

„Vor sich hin dümpeln“, „ganz besonders träge“, „erhebliche Unsicherheit“ oder „ungünstige Dynamik“ - so beschreiben die OECD-Experten wie hier Angel Gurria die Lage
"Vor sich hin dümpeln", "ganz besonders träge", "erhebliche Unsicherheit" oder "ungünstige Dynamik" - so beschreiben die OECD-Experten wie hier Angel Gurria die Lage

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sorgt sich zunehmend um die Stabilität der Euro-Zone und fürchtet sogar um deren Fortbestand. "Die Währungsunion ist einem starken Zerfallsdruck ausgesetzt und könnte in Gefahr sein", warnte der Chefvolkswirt der Organisation, Pier Carlo Padoan. "Sie bleibt in einem fragilen Zustand." Padoan und seine Kollegen erwarten, dass die Sorge um die Zukunft der Währungsunion die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren stark belasten wird.

"Vor sich hin dümpeln", "ganz besonders träge", "erhebliche Unsicherheit" oder "ungünstige Dynamik" sind die Worte, mit denen die OECD-Experten die Lage beschreiben. Im Herbstausblick beschreiben sie ein "vereinfachtes Abwärtsszenario" , in dem sie erstmals die Konsequenzen zeigen, die ein Scheitern der Politik im Kampf gegen die Staatsschuldenkrise hätte. Die Ergebnisse der Simulation sind mehr als beunruhigend.

Anhaltende Krise befürchtet

Bei einer weiteren Zuspitzung der Lage in der Euro-Zone ist demnach eine ausgewachsene Weltwirtschaftskrise zu befürchten. Der Handel würde global um bis zu 6,7 Prozent einbrechen, selbst Wachstumsstaaten wie China und die USA würden in eine lang anhaltende Rezession stürzen. 2013 wäre ein Einbruch der globalen Wirtschaftsleistung um 1,5 Prozent die Folge, im Folgejahr sogar um 2,6 Prozent – bei einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Und dies ist nicht einmal der schlimmste aller denkbaren Fälle. "Die Möglichkeit eines Austritts eines Mitgliedstaats aus dem Euroraum, der die wirtschaftlichen Auswirkungen weiter verstärken würde, wird in diesem Szenario nicht berücksichtigt", sagen die OECD-Experten. Das alles allerdings nur, wenn die Politik im Kampf gegen die Schuldenkrise scheitert.

Weltwirtschaft soll sich nur schleppend erholen

Läuft es so weiter wie bisher, dürfte die Wirtschaft der Euro-Zone, die in diesem Jahr um 0,4 Prozent schrumpft, bis ins kommende Jahr in der Rezession verharren und erst 2014 wieder wachsen. Die gesamte Weltwirtschaft werde sich in den nächsten zwei Jahren nur sehr schleppend erholen, sagte Padoan bei Vorlage der Zahlen. Verantwortlich dafür sei nicht nur die europäische Schuldenkrise, sondern auch der Streit über die Haushaltspolitik in den Vereinigten Staaten.

Die deutsche Wirtschaft bleibt auch in den kommenden Jahren widerstandsfähiger als andere Volkswirtschaften und wird nach Ansicht der OECD-Experten trotz der anhaltenden Krise im Euro-Raum knapp an einer Rezession vorbeischrammen. Von einer Rezession sprechen Experten, wenn die Wirtschaft in zwei Quartalen in Folge schrumpft.

Im kommenden Jahr wird die deutsche Wirtschaft der OECD zufolge nur noch um 0,6 Prozent zulegen. Im laufenden vierten Quartal soll das Bruttoinlandsprodukt allerdings um 0,2 Prozent schrumpfen und damit zum ersten Mal seit einem Jahr. Anfang 2013 soll die Wirtschaftsleistung zunächst stagnieren und erst im Jahresverlauf wieder anfangen, zu wachsen. Erst im Jahr 2014 werde das Wachstum wieder spürbar anziehen. Dann soll die Wirtschaft um vergleichsweise kräftige 1,9 Prozent zulegen.

Prognose kräftig gesenkt

Die Ökonomen haben ihre Prognose damit stark nach unten korrigiert – im Frühjahr waren sie noch davon ausgegangen, dass die Wirtschaft hierzulande bereits 2013 um fast zwei Prozent wachsen wird. Die Experten der OECD sind damit skeptischer als etwa die Bundesregierung, die im kommenden Jahr ein Wachstum von einem Prozent erwartet. Die Wirtschaftsweisen hatten zuletzt ein Plus von 0,8 Prozent vorhergesagt. Für das laufende Jahr erwarten OECD, Bundesregierung und Wirtschaftsweise gleichermaßen, dass die Wirtschaft um 0,8 Prozent zulegt.

Vor allem der schwächere Welthandel setze der deutschen Konjunktur zu, schreiben die Autoren des OECD-Wirtschaftsausblicks. Die Nachfrage aus dem Inland sei zwar weiter robust, und die privaten Verbraucher blieben wegen der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt und den steigenden Löhnen weiter kauffreudig. Hinzu komme ein weiterer Faktor: "Ungewöhnlich niedrige Zinssätze kurbeln die Inlandsnachfrage an." Die Experten schätzen also, dass die Deutschen angesichts der günstigen Kredite derzeit vermehrt einkaufen.

Arbeitslosigkeit in Deutschland soll steigen

Der Binnenkonsum allein dürfte aber die Verluste beim Export nicht wettmachen, vor allem, weil die Nachfrage aus den anderen Ländern der Euro-Zone weiter zurückgeht. Die OECD, ein Forum vor allem wohlhabender Industriestaaten, rechnet damit, dass der Welthandel erst im zweiten Halbjahr 2013 wieder Fahrt aufnimmt – und dann Deutschlands exportorientierte Wirtschaft entsprechend beflügelt. Die schwächere Konjunkturentwicklung wird sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen, wenn auch nur geringfügig: Die Arbeitslosenquote in Deutschland soll nach der von der OECD verwandten internationalen Messmethode von 5,3 Prozent in diesem Jahr auf 5,5 Prozent im kommenden und 5,6 Prozent im Jahr 2014 steigen.

Bedingung für den Herbstausblick ist allerdings zum einen, dass sich die Schuldenkrise in der Euro-Zone nicht verschärft; zum anderen, dass sich Demokraten und Republikaner in den USA auf einen Haushaltskompromiss einigen. Gelingt das den beiden Parteien nicht, laufen Anfang des kommenden Jahres zahlreiche Steuererleichterungen aus, während gleichzeitig automatische Ausgabenkürzungen greifen. Der Gesamteffekt würde ein Volumen von 600 Milliarden Dollar (464 Milliarden Euro) umfassen und könnte die US-Wirtschaft über die sogenannte "Haushaltsklippe" stoßen – und damit geradewegs in eine Rezession.

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