26.11.12

Online-Handel

Wie der Tengelmann-Chef Zalando entdeckte

Karl-Erivan Haub betreibt Läden wie Kaiser's, OBI oder KiK. Heute investiert er ins Online-Geschäft - in die Zukunft, wie er sagt.

Von Hagen Seidel
Foto: dapd

Händler und Investor: Karl-Erivan Haub führt seit 2000 die Tengelmann-Gruppe
Händler und Investor: Karl-Erivan Haub führt seit 2000 die Tengelmann-Gruppe

Der Mann kommt aus der alten Handelswelt und hat die neue für sich entdeckt: Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub betreibt zwar Tausende Läden von Kaiser's, OBI, KiK oder Tedi, hat aber zuletzt 20 Beteiligungen an jungen Online-Unternehmen gekauft. Etwa an Zalando, Stylight, Lieferheld, Otto Gourmet oder Babymarkt. "Wer jetzt nicht dabei ist, kann später nicht zu den Marktführern zählen", sagt der Chef der alten Mülheimer Handels-Dynastie.

Morgenpost Online: Sie stehen jetzt seit mehr als einem Jahrzehnt an der Spitze der Tengelmann-Gruppe. Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie in dieser Zeit gelernt haben?

Karl-Erivan Haub: An allererster Stelle, dass man Veränderungen annehmen muss. Ob man will oder nicht. Das hat dann zum Beispiel dazu geführt, dass wir uns von vielen Unternehmen getrennt haben, am Anfang etwa vom Textildiscounter Takko, dann von der Drogeriekette kd oder zuletzt vom Discounter Plus. Dafür haben wir dann etwa KiK und Tedi weiter entwickelt und investieren jetzt in sehr innovative Onlinehändler und in unser europäisches Immobilienunternehmen TREI. Wenn wir an allem festgehalten hätten, säßen wir jetzt vielleicht nicht mehr hier.

Mancher sagt, nach den vielen Verkäufen ist Tengelmann nur noch eine Beteiligungsgesellschaft.

Oh nein, das wäre viel zu kurz gegriffen. Aber man muss einfach akzeptieren, dass man mit einer Größe, wie wir sie in vielen Bereichen hatten, nicht überall ganz vorne mitspielen kann. Mit OBI und KiK haben wir heute zwei europäische Marktführer unter unserem Dach, und an Kaiser´s in Berlin oder Tengelmann in München kommt auch niemand vorbei. Und wir haben praktisch keine Bankschulden. Ich denke, es gibt viele Handelsunternehmen, die uns darum beneiden.

Seit kurzem beteiligen Sie sich vermehrt an Online-Händlern. Warum?

Wir sind jetzt bei etwa 20 Beteiligungen, die bekannteste ist sicherlich Zalando. Das läuft richtig gut und macht Spaß. Wir lernen wahnsinnig viel aus diesen Beteiligungen. Wenn wir die nicht hätten, wäre uns die wahre Dynamik, mit der das Online-Geschäft den Einzelhandel gegenwärtig verändert, wahrscheinlich bis heute nicht ganz klar. Viele dieser jungen Firmengründer versuchen, mit sehr viel Power und Kreativität herkömmliche Anbieter vom Markt zu fegen. Darauf legen sie es regelrecht an, das macht ihnen Spaß. Und das ist ja im Schumpeter'schen Sinne auch völlig in Ordnung.

Wie heftig ist diese Umwälzungs-Dynamik?

Schauen Sie mal wenige Jahre zurück: Da konnte man sich als Händler noch ernsthaft fragen, ob man überhaupt eine Website haben muss. Ob das nicht Spielerei und weggeschmissenes Geld ist. Wenn Sie heute als großer Händler nicht auch einen super Webshop mit exzellenten Service-Leistungen präsentieren können, haben Sie schon ein Problem. Und Sie bekommen in den kommenden Jahren noch ein viel größeres, ein Existenzielles. Die Digitalisierung hat fast jeden Bereich unseres Alltags erreicht, das Internet ist zentraler Inhalt unseres Lebens geworden. Und das gilt ganz besonders für den Konsum. In manchen Sparten des Einzelhandels hat Online das Geschäft schon grundlegend verändert.

Nämlich?

Schauen Sie sich das Geschäft mit Musik-CDs an, das immer mehr an die Download-Portale verliert. Oder aktuell den Buchhandel: Eine große Anzahl Buchläden verschwindet, weil die Kunden die Bücher auf elektronischen Readern lesen. Und wer noch ein gedrucktes Buch haben will, der bestellt es online. Oder Händler von Bürobedarf: Um damit im Geschäft zu bleiben, brauche ich keinen Laden, für den ich hohe Miete zahlen muss. Das geht online sehr viel günstiger – und diesen Preisvorteil kann ich an die Kunden weitergeben. Diese Entwicklung wird auf immer mehr Sparten des Einzelhandels übergreifen.

Sie sind größter Anteilseigner des deutschen Marktführers OBI. Wie sieht die Zukunft der wirklichen und der virtuellen Baumärkte aus?

Die Baumärkte sind derzeit noch am wenigsten vom E-Commerce unter Druck, es gibt bislang noch keinen reinen Online-Player. Aber natürlich haben wir einen OBI Online-Shop, der sehr erfolgreich ist. Basteln ist häufig ein Hobby, das braucht auch das Einkaufserlebnis. Grundsätzlich werden die Onlineangebote die längst überfällige Konsolidierung des Einzelhandels beschleunigen. Wir haben etwa 25 Prozent zu viel Ladenfläche in Deutschland.

Welche Rolle spielen dabei die Onlinehändler?

Wenn die neuen Anbieter aus dem Netz nur zehn Prozent des Umsatzes auf sich ziehen sollten, verschwinden viele traditionelle Händler vom Markt. Denn viele können einen Verlust von zehn Prozent des Umsatzes nicht kompensieren, sie werden das nicht überleben.

Wenn der Handel bald nur noch online läuft, können Sie ja um jeden auslaufenden Mietvertrag froh sein.

Das tut er ja nicht. Wir machen jetzt den ersten Schritt in Richtung Handel 4.0, ins Handelszeitalter des iPad. Dennoch wird es weiterhin Läden geben, wenn auch nicht mehr so viele wie heute. Das Crosschannel-Konzept, das viele Händler aufgreifen, beinhaltet die Vernetzung von klassischem Ladengeschäft mit den Vorteilen des Onlinehandels.

Der Anteil der Onlinehändler, die tatsächlich Geld verdienen, dürfte sehr überschaubar sein. Es geht doch jetzt vor allem darum, die Claims abzustecken. Geldverdienen kommt später, wenn überhaupt.

Da ist etwas dran. Ich denke, in ein paar Jahren werden im Internet pro Sparte zwei oder drei große Anbieter übrig bleiben, vielleicht auch mal vier. Besonders hart ist der Wettbewerb in den beiden großen Sparten Textilien und Schuhe. Klar, wer jetzt nicht dabei ist, kann nun mal später nicht zu den Marktführern zählen. Aber es ist ganz schön schwierig, online gut zu sein. Die Eintrittshürde liegt ziemlich hoch. Amazon ist das Maß aller Dinge und die haben zehn Jahre Vorsprung vor der Konkurrenz.

Wenn wir von Textilien und Schuhen sprechen, sind wir bei Zalando, der verschwiegenen Überflieger-Marke, an der Sie beteiligt sind. Es gibt Gerüchte, Zalando sei eine gigantische Blase: Mit riesigen Werbebudgets würde der Umsatz aufgeblasen, damit die Eigentümer – trotz fehlender Gewinne – bei einem Verkauf einen tollen Preis bekommen.

Glauben Sie, ein international geachteter Investor wie die schwedische Investmentbank Kinnevik hätte gerade weitere zehn Prozent von Zalando übernommen, wenn das Unternehmen eine Blase wäre? Sie haben dafür keinen Schnäppchenpreis bezahlt. Auf Basis dieses Preises soll Zalando rund 2,8 Milliarden Euro wert sein. Es gibt eine große Nachfrage nach den Anteilen, deshalb haben wir auch ein wenig von unseren Anteilen verkauft. Die Kundenzahlen steigen weiterhin rasant. Und Banken sind bereit, Zalando mit zweistelligen Millionenbeträgen zu finanzieren. Banken waren noch nie so vorsichtig wie jetzt. Ich denke, das spricht für sich. Zalando ist eine grandiose Erfolgsstory und wir sind froh, von Anfang an dabei zu sein.

Schuhe und Textilien boomen im Internet, Lebensmittel aber nicht. Jedenfalls nicht in Deutschland. Ändert sich das bald?

Wer glaubt, mit Online-Food-Vertrieb schon bald das große Geschäft und die großen Gewinne machen zu können, der sei gewarnt. Das kann in ausgewählten Ballungsräumen ein interessantes Zusatzangebot werden, aber so beliebt wie in der Schweiz oder Großbritannien wird das bei uns so bald nicht werden. Erstens fehlen uns dafür die nötigen Margen und zweitens kaufen deutsche Kunden lieber Lebensmittel im Supermarkt oder beim Discounter.

Ihre drei Online-Basen Berlin, München und neuerdings Düsseldorf sind ein Zusatzgeschäft?

Das habe ich nicht gesagt. Wir sind uns der Möglichkeiten dieses Nischen-Geschäftes bewusst und werden es weiterhin betreiben. Es gibt dafür eine Kundschaft, aber man braucht einen langen Atem. Wir machen das schon seit über zehn Jahren und wissen, wovon wir reden. In absehbarer Zeit sehe ich da keine raketenhaften Expansionsmöglichkeiten in Deutschland.

Wie lange widersteht der deutsche Konsum noch der Eurokrise? Wie werden die beiden kommenden Konsumjahre 2012 und 2013?

Im Vergleich zu anderen Ländern hat sich Deutschland gut geschlagen. Bislang haben wir auch keine breite Konsumverweigerung. Sollte der Euro Crash jedoch kommen, dann geht der Konsum sofort auf Talfahrt. Für den Euroraum ist unabdingbar, dass die Länder über einige Jahre hinweg ihre Schulden senken und Haushalte im Griff halten. Wenn das nicht erfolgt, dann wird sich die Situation weiter verschärfen.

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