25.11.12

Adventsgrüße

Weihnachten - Wenn der Postmann zu spät klingelt

In der Weihnachtszeit kommt es bei der Grußpost auf jeden Tag an. Die Post wirbt mit Zuverlässigkeit - perfekt ist das System jedoch nicht.

Foto: dpa

Weihnachtsgrüße: Auch das Christkind bekommt jedes Jahr Karten per Post zugestellt
Weihnachtsgrüße: Auch das Christkind bekommt jedes Jahr Karten per Post zugestellt

Adventszeit ist Briefezeit. In den kommenden Wochen werden kreuz und quer durch die Republik bunte Karten, selbst gebastelte Motive und aufwendige Umschläge mit Weihnachtsmotiven geschickt – millionenfach. Da kann der Alltag noch so digital sein – kurz vor Weihnachten erfährt die gute alte Grußkarte alljährlich eine besondere Wertschätzung.

Trotz E-Mail, Facebook-Nachrichten, SMS-Grüßen und elektronischer Grußkarten: Regelmäßig schwillt der Postberg in der Adventszeit auf das Doppelte an, von rund 70 Millionen Karten und Briefen auf mehr als 140 Millionen täglich. Und alle wollen, dass ihre Post auch pünktlich ankommt, und zwar möglichst am nächsten Tag. So, wie es die Deutsche Post verspricht.

Doch klappt das auch immer? Morgenpost Online hat eine kleine Stichprobe gemacht und 100 Testbriefe verschickt. Von Berlin, Bremen, Frankfurt und Würzburg aus wurden, verteilt auf fünf Tage, jeweils 20 Briefe an sieben verschiedene Empfänger geschickt. Die meisten von ihnen fanden am nächsten Tag die ersehnte Post auch tatsächlich im Briefkasten. Doch von den 100 Briefen kamen 24 mindestens einen Tag später an. Das entspricht einer Zustellquote von 76 Prozent.

Von einem repräsentativen Test kann angesichts des gigantischen täglichen Briefvolumens natürlich keine Rede sein. Selbst "Stichprobe" ist fast noch zu viel gesagt. Bei 66 Millionen täglich verschickten Briefen entsprechen 20 Testbriefe gerade einmal einem Anteil von 0,0003 Promille.

Eine Postkutsche wäre schneller gewesen

Doch Statistik hin oder her: Gefühlt verspäten sich deutlich mehr als fünf Prozent der Briefe. Wer dazu neigt, in letzter Minute die Weihnachtskarte an die Schwiegermutter zu schicken, sollte gewarnt sein.

So steckten wir etwa an einem Freitagvormittag ein Schreiben in Frankfurt am Main in den Postkasten. Und erst am darauffolgenden Mittwoch fand ihn sein Empfänger in Berlin in seinem Briefkasten vor. Selbst ein kürzerer Weg war in unserem Experiment keine Garantie für eine pünktliche Zustellung: So erreichte beispielsweise ein am Dienstag in Würzburg in den Briefkasten geworfener Testbrief seinen Empfänger im gerade einmal 19 Kilometer entfernten Weinort Dettelbach erst zwei Tage später. Da wäre wohl selbst die gute alte Postkutsche schneller gewesen.

Unsere Stichprobe wollte der Post-Vorstand auf Anfrage nicht kommentieren. Pressesprecherin Silje Skogstad zweifelt das Ergebnis jedoch an: Schließlich könnten die Empfänger ihren Briefkasten ja auch geleert haben, bevor der Postbote da war. Bei einem Test unter nicht wissenschaftlichen Bedingungen ist so etwas in der Tat nicht ganz auszuschließen.

Andererseits wäre damit nicht erklärt, dass ein Brief nicht nur einen, sondern mehrere Tage später als erwartet in den Händen des Empfängers liegt. Zudem ist es für Absender schwierig einzuschätzen, bis wann sie einen Brief in die gelbe Box gesteckt haben müssen, um sicherzugehen, dass er am nächsten Tag ankommt. In unserem kleinen Test wurden die Briefe bis zum Mittag auf den Weg gebracht. Ob das ausreicht, ist den Angaben auf den Postkästen meist nicht zu entnehmen.

Der Postnutzer-Verband erhält tägliche Beschwerden

Die Post verweist aber auch auf eigene regelmäßige Tests mit rund 660.000 Sendungen, die bestätigten, dass durchschnittlich 95 Prozent der Briefe am nächsten Tag den Empfänger erreichten. "Wir können nie ganz ausschließen, dass es in Einzelfällen zu längeren Laufzeiten kommen kann", sagt Post-Sprecherin Skogstad. "Hierfür kann es unterschiedliche Ursachen geben: etwa eine Einlieferung nach der letzten Leerung des Briefkastens oder aber witterungs- beziehungsweise verkehrsbedingte Verzögerungen."

Auf der Internetseite der Post heißt es selbstbewusst: "Bei unserer schnellen Laufzeit für Briefsendungen spüren Sie die Qualität unserer Leistungen am deutlichsten." Das Versprechen dazu: 95 Prozent aller Briefe würden bereits am nächsten Werktag ihre Adressaten erreichen. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Zustellquote von 80 Prozent.

Für Elmar Müller, Vorstand des Postnutzer-Verbandes DVPT, ist das schlechte Abschneiden der Post in dem Test keine Überraschung. "Die Beschwerden, die uns tagtäglich erreichen, deuten darauf hin, dass die von der Post angegebene Quote von 95 Prozent heftig bezweifelt werden darf."

Bei einer Zustellquote von 76 Prozent erfülle das Unternehmen nicht einmal die gesetzlichen Vorgaben, kritisiert Müller. In der Tat schreibt die Post-Universaldienstleistungsverordnung (PUDLV) vor, dass "von den an einem Werktag eingelieferten inländischen Briefsendungen … mindestens 80 vom Hundert an dem ersten auf den Einlieferungstag folgenden Werktag und 95 vom Hundert bis zum zweiten auf den Einlieferungstag folgenden Werktag ausgeliefert werden".

Die Vorgabe von 80 Prozent gilt im Jahresdurchschnitt

Ein Unterschreiten der 80-Prozent-Schwelle wäre also durchaus pikant und könnte die Post teuer zu stehen kommen. Die Vorgabe gilt allerdings im Jahresdurchschnitt. Und hier, so heißt es bei der für die Regulierung zuständigen Bundesnetzagentur, erfülle das Unternehmen seine Pflicht. "Die Post lag in den vergangenen Jahren immer über dem geforderten Maß", sagt Sprecherin Linda Sydow. "Die Zustellqualität ist immer noch hoch."

Unabhängige Tests seitens der Bundesnetzagentur gibt es allerdings nicht – die Behörde verlässt sich ganz auf die Zahlen, die ihr die Post zur Verfügung stellt. Die Post wiederum hat das in Hamburg ansässige Quotas-Institut mit der Untersuchung der Zustellqualität beauftragt. Und diese sei sogar TÜV-zertifiziert, hebt die Post hervor. Trotzdem steht die Post als Auftraggeber dahinter und präsentiert jedes Jahr ein Untersuchungsergebnis, das die Zustellquote von 95 Prozent belegt.

Für DVPT-Vorstand Müller ist es ein Unding, dass sich die Post quasi selbst überprüft. "Wir fordern dringend unabhängige Messungen durch die Bundesnetzagentur." Die gab es auch bis 2004 – auf Betreiben des Bundesrechnungshofes wurden sie jedoch eingestellt. Zu teuer, hieß es seinerzeit. Merkwürdig ist allerdings aus Müllers Sicht: Erst seit die Post ihre Zustellquote in Eigenregie testen lässt, erreicht sie jene traumhaften 95 Prozent – zuvor lag sie Jahr für Jahr sechs bis acht Prozentpunkte darunter.

Ein Wechsel des Anbieters ist bei Post-Kunden eher unüblich

Die dritte EU-Postrichtlinie von 2010 sollte hier eigentlich Abhilfe schaffen: Sie schreibt unter anderem europaweit unabhängige Qualitätsmessungen durch die Behörden vor. Die dafür notwendige Änderung des Postgesetzes lässt hierzulande allerdings weiter auf sich warten. Jüngst scheiterte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) mit einem entsprechenden Entwurf am Widerstand der rot-grünen Mehrheit im Bundesrat.

Solange sich Regierung und Opposition in Berlin gegenseitig ausbremsen, kann sich die Post gelassen zurücklehnen. Schließlich hat sie auf dem Briefmarkt kaum noch nennenswerte Konkurrenz. Wer Rechnungen oder seine private Post verschickt, greift meist auf den früheren Staatskonzern zurück. Kommt die Geburtstagskarte zwei Tage zu spät, ärgert man sich – deshalb den Postdienstleister zu wechseln kommt für die wenigsten Menschen in Betracht.

Nun aber will die Post mit Beginn des neuen Jahres das Porto erhöhen: Um drei Cent – von 55 auf 58 Cent – soll beispielsweise das Porto für einen Standardbrief steigen. Es ist die erste Portoerhöhung seit 15 Jahren, nichts Verwerfliches also. Zumal die Post damit weiterhin im europäischen Mittelfeld liegt: Die Kollegen aus Frankreich, Großbritannien, Italien und Österreich etwa sind immer noch ein paar Cent teurer – die norwegische Post verlangt sogar mehr als doppelt so viel.

Post erhöht Preis wegen hoher Qualität der Dienstleistung

Als Begründung für die Preiserhöhung führt die Post aber unter anderem die hohe Qualität ihrer Dienstleistung an: "Wir erbringen seit vielen Jahren als einziges Unternehmen die flächendeckende postalische Grundversorgung für jedermann an sechs Tagen in der Woche", erklärte der für den Briefbereich zuständige Konzernvorstand der Deutschen Post, Jürgen Gerdes, in einer Pressemitteilung. "Unsere Qualität gilt auch im internationalen Vergleich als Maßstab."

Gerade in der Erhöhung des Briefportos im kommenden Jahr sieht Postkunden-Lobbyist Müller allerdings eine Chance: und zwar für mehr Wettbewerb. Ab Januar könnte es Mitbewerbern leichter fallen, mit den Preisen des gelben Platzhirsches mitzuhalten. Doch solange das Unternehmen Großkunden weiter Rabatte von bis zu 38 Prozent einräumen darf, werden kleinere Konkurrenten kaum einen Fuß in die Tür kriegen.

Quelle: czy/got/jos
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