23.11.12

Aruba

Das erste Land, das nur auf Wind und Sonne setzt

Ein ungewöhnliches Experiment in der Karibik: Die Insel Aruba will als erster Staat der Welt vollkommen unabhängig werden von Öl und Gas. Technik aus Berlin soll dem fernen Eiland dabei helfen.

Foto: picture-alliance / Bildagentur H
Blick auf Palm Beach, Aruba. Der Staat will unabhängig von Öl und Gas werden
Blick auf Palm Beach, Aruba. Der Staat will unabhängig von Öl und Gas werden

Dass es in und um Berlin viele Seen gibt, ist bekannt. Aber in keinem Reiseführer der Hauptstadt steht, dass Berlin auch 15.000 bewohnte Inseln hat – und dass sie alle im Stadtteil Adlershof liegen. Tatsächlich passen die Inseln und ihre Bewohner allesamt in eine große gläserne Industriehalle, vollgestellt mit Elektronik, Batterien und Transformatoren.

Die Firma Younicos simuliert in dieser Halle die Stromversorgung von Inseln, die nicht an an größeres Netz angeschlossen sind. Aktuell läuft hier das Stromnetz einer Azoren-Insel.

Das Ziel dieses Projekts ist ambitioniert. Es geht dem Unternehmen darum zu zeigen, dass Stromnetze mit der Technik der Firma weitgehend auf regenerative Energien umgestellt werden können. Technologisch ist das eine große Herausforderung: Die Versorgung mit Strom aus Wind und Sonne schwankt mit dem Wetter, der Verbrauch von Haushalten und Firmen aber nicht.

Hohe Anforderungen an die Technik

Damit mehr Öko-Strom genutzt werden kann, der Strom aber auch dann fließt, wenn Windräder stillstehen und Regen auf Solarmodule prasselt, müssen die Netze fit gemacht werden. Sie brauchen Speicher, in denen der Strom gelagert wird und aus denen er bei Bedarf fließt. Und sie brauchen moderne Technik, die dafür sorgt, dass Windräder, Solarmodule, Netze und Stromspeicher so gut miteinander funktionieren, dass die Versorgung nicht stockt. Younicos glaubt, die notwendige Technologie dafür zu besitzen.

Die Technik aus Berlin könnte ein entscheidender Baustein für ein ambitioniertes Projekt am anderen Ende der Welt sein: auf der Karibikinsel Aruba. Deren Regierung hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Der Inselstaat soll die erste Volkswirtschaft der Welt werden, die ihre Energie vollständig aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne und Biomasse gewinnt.

Die Regierung des Inselstaats kämpft mit den Folgen eines rasanten Wachstums in den vergangenen 25 Jahren. Die Bevölkerung der Insel ist in dieser Zeit rapide gewachsen, und auch der Tourismus, gegenwärtig der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes, hat mit großem Tempo zugelegt. Jedes Jahr kommen 1,5 Millionen Besucher vor allem aus den USA auf die Insel, und die Zahl der Hotelzimmer hat sich von 2000 auf 8000 vervierfacht. "Wir haben eine Bevölkerungsdichte von 500 Menschen pro Quadratkilometer.

Die Insel will ihre gesamte Wirtschaft umkrempeln

Das ist mehr als in New York", sagte Premierminister Mike Eman bei der Vorstellung einer Machbarkeitsanalyse. "Im Moment wird unser Wirtschaftswachstum vom Bedürfnis der Tourismusindustrie nach mehr Hotelzimmern angetrieben. Diese Art von Wachstum lässt sich nur unter großen Anstrengungen in Wohlbefinden für die Bevölkerung übersetzen."

Deshalb geht es bei den Plänen um weit mehr als nur die autarke Energieversorgung: Die Regierung will die gesamte Wirtschaft der Insel umkrempeln und nachhaltiger machen. Dazu gehört beispielsweise auch die Wasserversorgung. Bisher gewinnt Aruba sein Trinkwasser aus dem Meer: In Entsalzungsanlagen wird das Wasser aufbereitet, ein energieintensiver und teuerer Prozess.

Die Bevölkerung soll deshalb künftig stärker Wasser sparen, neue Technologien sollen dabei helfen. Die Regierung will auf der Insel, die bisher alle Nahrungsmittel per Schiff oder Flugzeug anliefern lässt, auch eine eigene Landwirtschaft aufbauen. Und selbst der Tourismus soll nachhaltiger werden, um den Bedürfnissen der Inselbewohner besser gerecht zu werden.

Neue Jobs für hochqualifizierte Inselbewohner

Die Regierung hofft sogar, dass sie das technologische Know-how, das für die Umstellung der Wirtschaft nötig ist, irgendwann selbst zum Exportprodukt machen kann. Bereits heute interessieren sich andere Insel-Nationen dafür, was auf Aruba passiert. Rund um das Thema Nachhaltigkeit soll auf der Insel ein eigener Wirtschaftszweig entstehen und mit ihm Arbeitsplätze für hochqualifizierte Inselbewohner. Heute dominieren Jobs im Tourismus den Arbeitsmarkt.

Der Inselstaat hat bereits erhebliche Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit unternommen: Schon 20 Prozent der auf der Insel verbrauchten Energie kommen aus Windenergie. Eine zweite Windfarm wird gerade geplant und soll zusammen mit kleineren Solar-Projekten dafür sorgen, dass dieser Anteil künftig auf 40 oder sogar 50 Prozent steigt. Dann aber wird es problematisch. "Die zweiten 50 Prozent werden nicht einfach werden", sagte Permier Eman. Mehr Windenergie einzuspeisen sei problematisch, weil das wegen der schwankenden Versorgung die Netzstabilität gefährde.

Die Technologie von Younicos könnte dabei helfen, diese Probleme zu lösen. Zusammengebracht hat die beiden der Carbon War Room (CWR), eine Initiative, die der britische Unternehmer Richard Branson ins Leben gerufen hat. Sie will Unternehmer, Erfinder und Geldgeber zusammenbringen, um profitable Konzepte zu entwickeln, mit deren Hilfe Treibhausgase vermieden werden können. Die Hoffnung der Gründer ist, dass viele Unternehmer weltweit die dabei entstandenen Konzepte kopieren. In dieser Woche haben der CWR und die Berliner Projektgesellschaft Triad den Carbon War Room Deutschland gegründet, um hierzulande Unternehmen für Klima-Projekte zu vernetzen.

Vorbild für andere abgelegene Inseln

Der Wandel Arubas zur ersten vollständig regenerativen Volkswirtschaft gilt der Initiative als Vorzeigeprojekt. Was hier auf der Karibikinsel funktioniert, könne Vorbild sein für viele andere Inseln weltweit. Insgesamt 15.000 Inseln, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, hat der Carbon War Room weltweit gezählt. Dort wird der Strom häufig besonders dreckig produziert: mit Generatoren, die Diesel und im Fall von Aruba sogar Schweröl schlucken.

Gegenwärtig verhandelt die Firma auch mit der Regierung von Aruba darüber, wie der Umbau des Stromnetzes dort aussehen könnte. Neben technischen Problemen geht es auch um finanzielle Fragen: Der Umbau der Energieversorgung für die gut 100.000 Bewohner von Aruba dürfte knapp eine Milliarde Dollar kosten. Dafür müssen Investoren gefunden werden.

Projekt birgt auch Risiken

Die Initiatoren des Projekts, neben der Insel-Regierung und der Branson-Initiative gehört dazu auch die gemeinnützige New America Foundation, überlegen deshalb, mehrere Inseln in einem Finanzierungsfonds zusammenzufassen. Durch die Aufteilung der Investitionen auf mehrere Projekte würden die Risiken für die Investoren sinken – ganz besonders die politischen Risiken.

Das bei einem solch langfristigen Projekt die Finanzierung nicht immer einfach ist, erlebt Younicos gerade bei einem anderen Vorzeigeprojekt, dass die Insel Graciosa mit erneuerbaren Stromquellen energetisch autark machen soll. Das zehn Kilometer lange Vulkaneiland in den Azoren hieß über Jahrhunderte auch "Weiße Insel", wegen der seegebleichten felsigen Südküste.

Die Verträge für den Umbau des Stromnetzes sind bereits unterzeichnet, aber die Finanzkrise und die Suche nach Investoren haben den Projektbeginn mehrfach verzögert. Steht die Finanzierung, soll es allerdings schnell losgehen. Und Graciosa – auf deutsch: Anmutige – würde von der weißen zur grünen Insel werden.

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