23.11.12

Modehandel

Schaufensterpuppen sollen Kunden ausspähen

Wahnwitziger Vorstoß: Ein italienischer Hersteller von Schaufensterpuppen hat ein Modell entwickelt, das mithilfe einer Kamera die Kundschaft analysieren soll. Der Handel hat offenbar Interesse.

Von Carsten Dierig
Foto: ddp

Schaufensterpuppe auf dem Handelsparkett der Deutschen Börse: Werden die Handelskonzerne bald auch in Deutschland ihre Puppen mit Kameras ausrüsten?
Schaufensterpuppe auf dem Handelsparkett der Deutschen Börse: Werden die Handelskonzerne bald auch in Deutschland ihre Puppen mit Kameras ausrüsten?

Modehändler gucken offenbar ganz genau hin, wer bei ihnen einkauft. Einige Ketten jedenfalls haben Schaufensterpuppen im Einsatz, die mit einem Kamerasystem und einer Software zur Gesichtserkennung ausgestattet sind, berichtet die "Berliner Zeitung".

Die sogenannten "EyeSee-Mannequins" können Alter, Geschlecht und Ethnie eines Kunden feststellen.

Das erlaubt den Modefirmen, ihre Schaufenster und das Personal gezielter auf die jeweilige Kundschaft anzupassen, wirbt der italienische Puppen-Hersteller Almax. Einige Dutzend Exemplare seien bereits verkauft und ausgeliefert an Modehändler in den USA und Europa. Nun werde über einen flächendeckenden Einsatz verhandelt.

Namen will Almax nicht nennen. Fest steht aber: In Deutschland wird die rund 4000 Euro teure Technik bislang noch nicht eingesetzt. Das Interesse sei aber groß, berichtet Almax-Geschäftsführer Max Catanese. Datenschutzrechtliche Bedenken hat der Manager nicht: "Natürlich werden einige Kunden den Gedanken zunächst unangenehm finden, von den Puppen beobachtet zu werden. Aber wir werden doch ohnehin im öffentlichen Raum permanent beobachtet."

Und es gehe ja nicht um individuelle Personen, sondern um verallgemeinerte Daten. Genutzt wird dabei eine ähnliche Überwachungstechnologie wie sie auch die Polizei einsetzt.

Datenschützer: Überwachung nicht zu rechtfertigen

Datenschützer in Deutschland zeigen sich entsetzt. "Rechtlich ist der Einsatz solcher Puppen mehr als zweifelhaft", sagte zum Beispiel Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für Datenschutz. Selbst bei entsprechenden Hinweisen sei solch eine Überwachung kaum zu rechtfertigen.

Denn zusammen mit der bereits üblichen Videoüberwachung in Geschäften, der Identifizierung beim Bezahlen per EC- oder Kreditkarte und den Daten von Kundenkarten ließen sich detaillierte Personenprofile anlegen. "Eine solch lückenlose Verhaltenskontrolle wäre datenschutzrechtlich unzulässig", so Schaar. Auch eine Hinweispflicht für die Überwachung würde das Problem nicht beheben, sagten andere Datenschützer.

Verbraucherschutzministerium empört

Kritik kommt darüber hinaus aus dem Bundesverbraucherschutzministerium. "Wer seine Kunden mit solch einschneidenden Maßnahmen überwacht, hat nicht ein Mindestmaß an Sensibilität für die Privatsphäre", sagte ein Sprecher. Jan Korte von der Linksfraktion sieht die Privatsphäre zu einer "Ressource wie ein beliebiger Kartoffelacker" verkommen.

Marit Hansen vom unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein sieht sogar die Gefahr der Diskriminierung – etwa wenn jungen Asiatinnen plötzlich andere Angebote gemacht werden als europäisch aussehenden Menschen.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) gibt sich entsprechend zurückhaltend, auch wenn die Organisation grundsätzlich für den Einsatz von Überwachungstechnik plädiert. "Für den Einzelhandel sind Kameras wichtig, um Ladendiebe zu bekämpfen", sagte ein Sprecher der "Welt" mit Verweis die vereinfachte Aufklärung und die abschreckende Wirkung.

Zwischen 2001 und 2010 sei die Zahl der angezeigten Diebstahlsfälle auch durch Videoüberwachung von 600.000 auf 390.000 Fälle pro Jahr gesunken. Dennoch werden hierzulande an jedem Verkaufstag noch immer Waren im Wert von durchschnittlich sechs Millionen Euro gestohlen, meldet der HDE.

Die filmenden Schaufensterpuppen allerdings sieht der Verband kritisch. "Der Einsatz muss mit dem Datenschutzgesetz vereinbar sein. Das sehe ich derzeit aber noch nicht", erklärte der Sprecher.

Puppen lenken Verkäufer zu Kunden

In anderen Ländern ist die Rechtslage weniger strikt, so zum Beispiel in den USA. Dort sind die Spezialpuppen bereits im Einsatz, dem Vernehmen nach bei Burberry und Benetton. Die Italiener, die in der Vergangenheit bereits mit umstrittener bis schockierender Werbung aufgefallen sind, dementieren allerdings. In die Zielgruppe passt Benetton aber.

Denn Hersteller Almax hat vor allem große Filialisten als Kunden im Blick. "In solchen Läden ist es schwierig, den Überblick über die Kundenströme zu halten", begründete Geschäftsführer Catanese. Durch den Einsatz der Puppen sei es dann möglich, die Verkäufer in Echtzeit dorthin zu lenken, wo besonders viel Andrang herrscht.

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