21.11.12

Baltikum

Von diesen Staaten kann Griechenland lernen

Auch Estland, Lettland und Litauen sind in der Krise wirtschaftlich stark geschrumpft. Doch ihre harten Reformen haben sich ausgezahlt. Jetzt ist es an den Griechen, sich im Baltikum Tipps zu holen.

Von Tobias Kaiser
Foto: Getty Images

 Lettlands Hauptstadt Riga: Die Letten haben in der Krise einiges richtig gemacht
Lettlands Hauptstadt Riga: Die Letten haben in der Krise einiges richtig gemacht

Wenn die Geldgeber über weitere Hilfen für Griechenland diskutieren, haben sie auch im Blick, mit welchen dramatischen Problemen die hellenische Volkswirtschaft kämpft. Eine Rechnung verdeutlicht den Niedergang der Wirtschaft in den vergangenen Jahren: Seit 2009 ist die griechische Wirtschaftsleistung von 231 Milliarden Euro auf 208 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gesunken.

Und die Commerzbank erwartet sogar, dass die Wirtschaftskraft des Landes bis Ende des Jahres 2013 auf 183 Milliarden Euro zurückgeht – das wäre ein Einbruch um mehr als ein Fünftel.

Die Griechen sind nicht allein

Allerdings: Griechenland ist mit diesen gewaltigen Problemen nicht allein. Andere Volkswirtschaften haben in jüngster Zeit ähnlich traumatisch hohe Wohlstandsverluste erlitten. Ein Blick auf diese Länder gibt allerdings auch Grund zur Hoffnung. Denn es sind gerade von der Finanz- und Wirtschaftskrise besonders hart getroffene Volkswirtschaften, die jetzt wieder stark wachsen. Das baltische Lettland etwa und Island, aber auch das jüngste Euro-Mitglied Estland.

Diese Länder gerieten früh in den Sog der Finanz- und Wirtschaftskrise, sie haben harte Anpassungsprogramme hinter sich gebracht und profitieren jetzt von Sparbemühungen und Reformen. Zwar arbeiteten sich die Volkswirtschaften erst wieder an die Wohlstandsniveaus heran, die in der Krise verloren gingen und die Arbeitslosigkeit bleibt hoch. Aber die Entwicklung zeigt, dass mit Wachstum auch das Vertrauen wiederkehrt, um das Griechenland und die anderen Euro-Krisenländer noch kämpfen.

Tieftse Krise seit 1991

In Lettland beispielsweise. Dort brach die Wirtschaftsleistung in der Finanz- und Wirtschaftskrise um mehr als ein Fünftel ein – allerdings nicht über drei Jahre wie in Griechenland, sondern innerhalb eines halben Jahres. Nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 stürzte der ungesund aufgeblähte lettische Immobilienmarkt völlig in sich zusammen.

Hoch verschuldete Hausbesitzer und Verbraucher konnten ihre Hypotheken und Konsumkredite nicht mehr bedienen, und die lettischen Banken, darunter viele Tochtergesellschaften skandinavischer Finanzgruppen, saßen auf einem Berg fauler Kredite. Der baltische Staat befand sich in der tiefsten Krise seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991.

In dieser Situation musste die lettische Regierung um Hilfe bitten: Die Europäische Union, der Internationale Währungsfonds (IWF) und einige nordische Länder unterstützten den kriselnden Staat mit einem Kredit von 7,5 Milliarden Euro. Das ist wenig im Vergleich zu Feuerkraft des permanenten Rettungsschirms ESM, aber der Betrag entsprach fast 40 Prozent der lettischen Wirtschaftsleistung – ein Beleg für die Dramatik der Situation.

Unpopuläre Entscheidungen

Die Regierung in Riga setzte unpopuläre harte Einschnitte durch: Beinahe jeder fünfte Staatsdiener musste gehen, die Gehälter der verbliebenen wurden in mehreren Runden um bis zu 40 Prozent gekürzt. Kliniken und Schulen schlossen, Steuern und Abgaben stiegen; die Mehrwertsteuer sprang von 18 auf 21 Prozent.

Insgesamt strich die Regierung öffentliche Ausgaben im Umfang von mehr als 15 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Einschnitt war gewaltig und die Wirtschaft des Landes schrumpfte um ein Viertel – allerdings innerhalb von zwei Jahren. Die Arbeitslosigkeit explodierte von 6,6 Prozent im Frühjahr 2008 auf 20,7 Prozent im ersten Quartal 2010.

Griechenland muss Staatsausgaben in ähnlicher Höhe einsparen wie damals Lettland. Die Entwicklung in Lettland könnte die aktuelle griechische Regierung aber durchaus in ihrem Kurs bestärken. Inzwischen gilt Lettland als Modell, wie eine Volkswirtschaft wieder auf Wachstumskurs kommen kann.

Es geht bergauf

Seit Ende 2009 geht es schon wieder bergauf, langsam zwar, aber stetig. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 5,5 Prozent und der IWF erwartet für dieses Jahr ein Plus von 4,5 Prozent und im kommenden Jahr von 3,5 Prozent. Auch die anderen baltischen Länder, die von der Krise hart getroffen wurden, erholen sich mit hohem Tempo: Als die Krise 2009 ausbrach, rutschte die estnische Wirtschaftsleistung um 14 Prozent ab.

Auch die Regierung in Tallin reagierte mit Härte, entließ Angestellte und strich die Gehälter im öffentlichen Dienst um ein Fünftel zusammen. Hilfen aus dem Ausland waren allerdings nicht nötig.

Inzwischen wächst auch die estnische Wirtschaft wieder, vergangenes Jahr um rasante 7,6 Prozent. Für das kommende Jahr rechnet der IWF mit einem Plus von 2,4 Prozent. Das Land qualifizierte sich sogar mitten in der Krise, im Mai 2010, für den Beitritt zum Euro und ist inzwischen ein Mitglied der Währungsunion. Auch die Wirtschaft in Litauen wächst seit 2010 wieder, nachdem sie im Krisenjahr 2010 beinahe um ein Fünftel geschrumpft ist.

Rasche Konsolidierung

Was hat den baltischen Volkswirtschaften geholfen, die Krise schneller als andere Länder hinter sich zu lassen? Die rasche Konsolidierung sei entscheidend gewesen für die rasche Erholung, sagt der lettische Ministerpräsident Valdis Dombrovskis: "Soziale Härten sollten auf einen kurzen Zeitabschnitt konzentriert werden, wenn die Menschen bereit sind, Opfer zu bringen", sagt Dombrovskis. Die letzten Sparrunden hätten nur wenig gebracht, seien aber politisch am härtesten gewesen.

Lettland, Esland und Litauen profitierten auch davon, dass sie international vernetzte Volkswirtschaften sind: Rund 40.000 Menschen haben beispielsweise Estland seit 2009 verlassen, um im Ausland Arbeit zu finden.

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