21.11.12

Zeitungssterben

"Financial Times Deutschland" im Candystorm

Noch vor dem offiziellen Beschluss des Verlages wird das Ende der Wirtschaftszeitung auf dem lachsrosa-farbenen Papier bedauert. Auf ihrer Homepage zählt die FTD mehr Besuche als das Handelsblatt.

Von Thomas Heuzeroth
Foto: dpa

Ausgaben der Financial Times Deutschland (FTD) und der Frankfurter Rundschau am Kiosk
Ausgaben der Financial Times Deutschland (FTD) und der Frankfurter Rundschau am Kiosk

Schon einige Stunden bevor der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr zusammentrat, um endgültig über das Schicksal der "Financial Times Deutschland" zu entscheiden, kursierte ein Videoclip im Internet, das die Verzweiflung bei der Belegschaft nicht besser hätte ausdrücken können.

Unter dem Titel "Die Einschläge kommen näher" zeigt der Film Bilder aus dem "Newsroom" der Wirtschaftszeitung. Eine Zeit lang noch arbeiten die Redakteure ruhig vor sich hin – bis mit lautem Getöse die Decke einstürzt und am Ende alles zerstört.

Voller Sorge harrten die 350 Mitarbeiter der Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien am Mittwoch der Nachrichten, die über das Wohl und Wehe ihrer lachsrosa Zeitung entscheiden sollten, die erst vor zwölf Jahren an den Start gegangen war, jedoch bis zuletzt keine Gewinne erwirtschaftet hatte.

Keine Kündigung in diesem Jahr

Der Vorstand des Verlags Gruner + Jahr hat bei der FTD nach Angaben des Betriebsrats Kündigungen vor dem Jahresende ausgeschlossen. Vorstandsmitglied Julia Jäkel habe dem Betriebsrat versichert "dass, falls Kündigungen ausgesprochen werden, dies nicht mehr in diesem Jahr erfolgt".

Tröstlich war da wohl nur die Welle der Sympathie, die den Zeitungsmachern allerorten im Internet entgegenschwappte: Auch wenn am Zeitungskiosk nicht viel davon zu spüren war, blies der FTD im Netz ein regelrechter Love-Storm entgegen, auch Candystorm genannt.

Bekannt und gefürchtet ist in den sozialen Netzwerken vor allem sein Gegenteil: der Shit-Storm, bei dem vor allem Unternehmen, aber auch Politiker von der Netzgemeinde mit allerlei Beschimpfungen beworfen werden.

Facebook-Seite "Rettet die FTD"

Schon am Dienstagabend hatte ein Leser eine "Facebook"-Seite mit dem Titel "Rettet die FTD" eröffnet und an die Online-Welt appelliert: "Wenn ihr heute an einem Kiosk vorbeikommt und eine lachsfarbene Zeitung seht: Ihr wisst, was zu tun ist".

Zahlreiche Facebooker drückten in dem sozialen Netzwerk ihr Mitgefühl und ihre Trauer angesichts des zu erwartenden Endes des Wirtschaftsblatts aus und verlinkten Erinnerungsvideos, etwa an das zehnjährige Jubiläum, an dem zahlreiche Politiker und Manager die Zeitung gefeiert hatten.

Die FTD-eigene Seite bei Facebook hat fast 35.000 Fans gefunden, die sich mit ihr verbunden haben (Handelsblatt: 30.000 Fans). Auch dort sind die Worte für die Wirtschaftszeitung wohlwollend: "Schade, vermisse Euch jetzt schon. Damit geht ein gutes Stück Qualitätsjournalismus verloren. Nach all den Jahren wird sich der Morgen ohne FTD leer anfühlen", schreibt ein FTD-Leser.

Redaktion spricht selbst von der Einstellung

Wohl auch in der Hoffnung auf das Wunder, von dem Chefredakteur Steffen Klusmann noch am Montag in der Redaktionskonferenz gesprochen hatte, hatten sich die Zeitungsmacher bis zuletzt mit Kommentaren zur eigenen Zukunft zurückgehalten. Am Mittwoch dann räumte man auf der eigenen Homepage erstmals ein, "vor der Einstellung" zu stehen. "Jetzt warten wir die Entscheidung unserer Verlagsführung ab. Dann blicken wir nach vorn", heißt es in einer Erklärung.

Nachdem erst in der vergangenen Woche die "Frankfurter Rundschau" Insolvenz angemeldet hatte, müssen nun in Hamburg, Berlin und Frankfurt je nach Szenario bis zu 350 Mitarbeiter um ihren Job fürchten.

"Ich werde Eure kurzweilige Art zu schreiben wahnsinnig vermissen! Die FTD ist eine tolle Zeitung und ich hoffe, dass ihr wenigstens online weitermachen könnt!", macht ein Onliner ihnen Mut. Auch Mitarbeiter melden sich zu Wort: "Nach der taz war die FTD die zweite große Tageszeitung, an deren Gründung ich beteiligt war. Beide haben drei Buchstaben, sie haben viele Gemeinsamkeiten: gegen den Strich, frech und, vor allem, unabhängig. Ich bin stolz, bei beiden gearbeitet zu haben."

Die Tragik der "FTD" ist, dass diese Sympathie nicht bis zum Zeitungskiosk reichte. Dort fanden sich zuletzt nur noch gut 3000 Menschen, die bereit waren, für ihre FTD auch zu bezahlen. Wirklich helfen können da auch 35.000 Facebook-Fans nicht.

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