19.11.12

Sparkurs

Jedes vierte deutsche Unternehmen will Jobs streichen

Die schwache Konjunktur droht auf den deutschen Arbeitsmarkt durchzuschlagen. 28 Prozent der Firmenchefs planen 2013, Stellen abzubauen.

Foto: dpa

Stahlarbeiter in Duisburg. Die Branche bekommt den Abschwung oft früh zu spüren
Stahlarbeiter in Duisburg. Die Branche bekommt den Abschwung oft früh zu spüren

Der Konjunkturabschwung bei den EU-Nachbarn könnte bald auch den deutschen Arbeitsmarkt treffen. 28 Prozent der deutschen Unternehmen planen nach einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im kommenden Jahr einen Stellenabbau. Lediglich 20 Prozent wollten neue Arbeitsplätze schaffen. Auch nach Ansicht der Bundesbank ist der Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt zum Stillstand gekommen. Sie sieht wie das IW eine "tiefsitzende Verunsicherung" in den Chefetagen der Unternehmen, die die Wirtschaftsentwicklung bremsen dürfte.

IW-Direktor Michael Hüther sagte am Montag in Berlin, die deutsche Wirtschaft bewege sich "am Rand der Stagnation", drohe aber nicht in eine Rezession abzurutschen. "Die insgesamt negativen Beschäftigungsaussichten in Deutschland zeigen sich in allen Wirtschaftsbereichen", stellte er fest. Geringere Chancen für den Export in die EU führten vor allem in der Industrie zu vorsichtiger Planung. In diesem Sektor erwarteten gut 30 Prozent der Unternehmen im Jahr 2013 weniger Arbeitsplätze. Besser sehe es bei den Dienstleistern aus. Dort wollten zwar 27 Prozent Stellen abbauen, aber immerhin 23 Prozent mehr Mitarbeiter beschäftigen, sagte Hüther.

Wirtschaft wurde in Mitleidenschaft gezogen

Erstmals seit dem Frühjahr 2009 erwarten laut Umfrage mehr Firmen für das kommende Jahr einen Rückgang der Produktion als einen Anstieg. 24 Prozent rechnen mit einem Plus, 28 Prozent mit einem Minus und 48 Prozent mit gleichbleibenden Werten. Das IW geht für 2013 von 0,75 Prozent Wirtschaftswachstum in Deutschland aus. Die Umfrageergebnisse zeigten eine "sehr große Verunsicherung", sagte Hüther.

Die Bundesbank kommt zum gleichen Ergebnis. "Die Zuversicht, dass sich die Konjunktur kurzfristig beleben könnte, geht in immer mehr Bereichen der Wirtschaft verloren", schreibt die Notenbank in ihrem Monatsbericht. Bisher habe vor allem die exportorientierte Industrie unter dem langsameren globalen Wachstumstempo und den Krisen in Teilen des Euroraums gelitten. "Inzwischen ist aber unverkennbar, dass die Wirtschaft davon in der Breite in Mitleidenschaft gezogen werden könnte."

Derzeit trotzten nur der Wohnungsbau und der private Konsum den spürbar dämpfenden Einflüssen, bemerkte die Bundesbank. Hingegen habe die Konjunktur bei den Investitionen bereits vor einem Jahr jeden Schwung verloren. Nach den Industrieunternehmen hätten zuletzt auch die vor allem aufs Inland ausgerichteten Dienstleister ihre Geschäftserwartungen beträchtlich heruntergestuft.

Anfang 2013 soll es mit der deutschen Wirtschaft wieder aufwärts gehen

Auch eine Umfrage unter rund 400 Familienunternehmen stützt den Befund. Mit fast 48 Prozent erwartet der Großteil von ihnen nur noch eine befriedigende Wirtschaftslage, 8 Prozent stufen die Aussichten als schlecht oder sehr schlecht ein. 44 Prozent der großen familiengeführten Betriebe beurteilten die Wirtschaftslage in den nächsten zwölf Monaten als gut oder sehr gut, berichteten die Deutsche Bank, der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und das Institut für Mittelstandsforschung Bonn.

Nachdem das Wachstumstempo zuletzt stetig nachgelassen hatte, erwarten derzeit zwar viele Ökonomen, dass die deutsche Wirtschaft im Schlussquartal 2012 stagnieren oder sogar schrumpfen könnte. Schon Anfang 2013 wird es demnach aber wieder aufwärtsgehen.

Im dritten Quartal 2012 war das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) preis-, saison- und kalenderbereinigt nur noch um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen. Im ersten Vierteljahr war die Wirtschaftsleistung noch um 0,5 Prozent gewachsen, im zweiten Quartal um 0,3 Prozent.

Was für eine Rezession in Deutschland spricht

Das deutet auf einen Abschwung hin:

 

EXPORTE

Bislang haben sich die Exporteure wacker geschlagen. Um mehr als vier Prozent haben sie ihren Auslandsumsatz in den ersten neun Monaten gesteigert, die Umsatzgrenze von einer Billion Euro dürfte das zweite Jahr in Folge geknackt werden. Doch die Tendenz zeigt deutlich nach unten: Im September fielen die Ausfuhren um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat – das war das erste Minus seit Anfang 2010 und zugleich das stärkste seit November 2009.

 

Grund: Die Nachfrage aus den Euro-Ländern – wohin etwa 40 Prozent der Waren "Made in Germany" gehen – bricht wegen der Rezession in Italien, Spanien & Co ein. Sie fiel um 9,1 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht. Die Industrieaufträge aus der Euro-Zone sanken zuletzt um 9,6 Prozent. Und die EU-Kommission sagt wichtigen Handelspartnern wie Italien und Spanien auch für 2013 eine Rezession voraus. "Außenwirtschaftliche Impulse dürften in den kommenden Monaten ausbleiben", befürchtet das Bundeswirtschaftsministerium. "Das nächste Jahr wird zäh", sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier.

INVESTITIONEN

 

Wegen der ungewissen Aussichten – nicht zuletzt im Exportgeschäft – investieren viele Unternehmen weniger. Seit Ende 2011 gehen ihre Investitionen in Maschinen, Anlagen und Geräte von Quartal zu Quartal zurück. "Das ist gewöhnlich ein Vorbote für eine Rezession", sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn.

 

Die Investitionen dürften in diesem Jahr um 3,3 Prozent schrumpfen, sagen die Wirtschaftsweisen in ihrem Gutachten für die Bundesregierung voraus. 2013 rechnen sie nicht mit einer echten Erholung, sondern nur mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. 2011 sah das noch ganz anders aus: Damals zogen die Ausrüstungsinvestitionen um 7,0 Prozent an und verhalfen der Wirtschaft zu einem kräftigen Wachstum von 3,0 Prozent. "Die Unternehmen warten ab, wie sich die Schuldenkrise weiter entwickelt", sagt DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle.

Das könnte den Abschwung verhindern:

 

KONSUM

Das einstige Sorgenkind hat sich zur großen Stütze der deutschen Wirtschaft entwickelt. Wegen der niedrigen Arbeitslosigkeit und steigender Reallöhne sitzt das Geld bei den deutschen Verbrauchern wieder lockerer. Die Chancen stehen gut, dass dies auch so bleibt. Denn alle Experten sagen einen stabilen Arbeitsmarkt voraus. Die Wirtschaftsweisen rechnen für 2013 sogar mit einem Beschäftigungsrekord.

 

Zudem sollen die Bruttolöhne mit 3,2 Prozent fast genauso schnell steigen wie im zu Ende gehenden Jahr mit 3,7 Prozent. Entlastet werden viele Deutsche zudem von der Senkung des Beitragssatzes zur gesetzlichen Krankenversicherung, der von 19,6 auf 18,9 Prozent fällt. Zusätzlich entfallen die zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal. "Es ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich, dass der Konsum in den kommenden Monaten nachgibt", sagt der Präsident des Einzelhandelsverbandes HDE, Josef Sanktjohanser.

BAUBOOM

 

Stabiler Arbeitsmarkt gepaart mit extrem niedrigen Zinsen – diese Mischung sorgt seit vielen Monaten für einen Boom des Wohnungsbaus in Deutschland. Und der dürfte sich fortsetzen. "Die Konjunktur wird weiterhin dadurch unterstützt, dass der Wohnungsbau von den günstigen Finanzierungsbedingungen, dem Mangel an Alternativanlagen und der gestiegenen Verunsicherung profitiert", ist sich die Bundesbank sicher.

 

Das strahlt auf viele Bereiche ab – vom Handwerk über baunahe Dienstleister bis hin zu Baumärkten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet, dass die Branche nach der Stagnation in diesem Jahr um fünf Prozent wachsen wird – auch weil die Kommunen angesichts rekordhoher Steuereinnahmen wieder mehr investieren dürften.

 

 

Quelle: Reuters

Quelle: dpa/Reuters/nbo
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