19.11.12

Stepstone-Studie

Warum Frauen immer noch keine Top-Gehälter bekommen

Frauen verdienen weniger als Männer - das ist noch immer so: Branche, Wohnort und auch das Geschlecht bestimmen die Höhe des Einkommens.

Von Flora Wisdorff
Foto: picture-alliance / Eibner-Presse
Laut Studie verdienen unter den Entscheidern Frauen im Jahr durchschnittlich 14.000 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen
Laut Studie verdienen unter den Entscheidern Frauen im Jahr durchschnittlich 14.000 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen

Wer gerne viel Geld verdienen möchte, kann einiges dafür tun: zum Beispiel Jura studieren, promovieren, für eine große Unternehmensberatung arbeiten – und in Hessen wohnen. Noch einfacher geht es sogar, wenn man ein Mann ist.

Wer dieses Profil aufweist, der dürfte zu den Topverdienern Deutschlands gehören, wie der "Gehaltsreport 2012" der Online-Jobbörse Stepstone zeigt. Der Report zeigt nicht nur, dass Ausbildung, Branche und Wohnort entscheidend sind für die Höhe des Verdiensts unter Fach- und Führungskräften. Auch das Geschlecht macht viel aus: Unter den Entscheidern verdienen Frauen im Jahr durchschnittlich 14.000 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen.

Die 40.000 von Stepstone befragten Personen arbeiten als Vollzeitkräfte – der Gehaltsunterschied dürfte sich also nicht mit unterschiedlich langer Arbeitszeit erklären. Sogar 15.000 Euro mehr im Jahr verdient laut der Umfrage ein Arbeitnehmer, der Verantwortung für Mitarbeiter übernimmt. Dazu kommt die Arbeitserfahrung: Männer unterbrechen ihr Erwerbsleben weniger häufig als Frauen, wenn Nachwuchs kommt.

In keinem anderen europäischen Land ist das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern so groß wie in Deutschland. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

In den 34 Industriestaaten, die sich in der OECD zusammengeschlossen haben, liegt die Differenz im Schnitt bei 16 Prozent. In Norwegen etwa bekommen Frauen lediglich 8,4 Prozent und in Belgien 8,9 Prozent weniger. Auch was die Anzahl der Frauen in Führungspositionen angeht, ist Deutschland im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. Auf kaum vier von hundert Vorstandsposten kommt laut OECD eine Frau. Im OECD-Schnitt liege die Frauenquote in Aufsichtsräten bei zehn Prozent.

Dienstleister zahlen am wenigsten

Überdurchschnittlich groß ist die Differenz bei der Bezahlung laut dem Stepstone-Gehaltsreport zwischen Männern und Frauen zum Beispiel in der Branche Marketing und Vertrieb. Bei Fach- und Führungskräften mit akademischem Abschluss verdienen Frauen mit variablen Zahlungen des Unternehmens wie Boni oder Weihnachtsgeld 44.000 Euro im Jahr, Männer aber 66.000 – das sind 20.000 Euro oder ganze 50 Prozent mehr.

Auch im Bereich Finanzen und Controlling ist die Lücke groß: Weibliche Fach- und Führungskräfte mit Universitätsabschluss verdienen 52.000 Euro im Jahr, Männer 70.000 oder 34,6 Prozent mehr. Im IT-Bereich sind die Unterschiede mit 10.000 Euro beziehungsweise 19 Prozent geringer, bei Ingenieuren und technischen Berufen liegt der Unterschied bei 23 Prozent.

Je höher die Gehälter insgesamt in einer Branche ausfallen, desto höher sind natürlich auch die Gehälter von Frauen. Wer viel verdienen möchte, sollte sich am besten in Richtung Unternehmensberatung, Banken oder Chemieindustrie orientieren. Hier liegen die durchschnittlichen Jahresgehälter ohne variablen Anteil laut Stepstone zwischen 58.000 und 60.000 Euro. Auch die Luft- und Raumfahrt, die Pharmaindustrie oder der Maschinen- und Anlagenbau schneiden gut ab. Am unteren Ende der Gehaltsskala finden sich die Dienstleistungsbranchen. Hier bildet die Branche Hotel, Gastronomie und Catering mit einem Jahresgehalt von 32.200 Euro das Schlusslicht. Zu den zehn Niedrigzahler-Branchen gehören laut Stepstone aber auch Gesundheit und soziale Dienste sowie Agenturen, Werbung, Marketing und PR oder auch der öffentliche Dienst.

Berlin an der Spitze im Osten

Absolute Topverdiener sind die Ärzte. Mit einem durchschnittlichen Bruttojahresgehalt von 89.000 Euro stehen berufserfahrene Mediziner an der Spitze des Gehaltsreports. Und so birgt auch die Medizin als Studienfach die besten Chancen auf ein ordentliches Gehalt: Sie belegt mit deutlichem Abstand zu den Rechtswissenschaften Platz eins bei den Studiengängen mit den besten Verdienstmöglichkeiten. Wer Medizin studiert hat, kann im Schnitt mit 68.903 Euro im Jahr rechnen, Juristen mit 60.792 Euro. Den dritten Platz belegt das Ingenieurwesen mit einem durchschnittlichen Gehalt von 59.912 Euro.

"Bildung lohnt sich", sagt deshalb Sebastian Dettmers, Geschäftsführer von Stepstone Deutschland, einer Tochter des Medienkonzerns Axel Springer ("Bild", Berliner Morgenpost). Die Umfrage habe ergeben, dass Akademiker im Schnitt 36 Prozent mehr als Nichtakademiker verdienen. Auch ganz unabhängig von Beruf, Bildung oder Branche gibt es Faustregeln für ein höheres Gehalt, die Stepstone in seiner Umfrage ermittelt hat: "Je größer das Unternehmen, desto höher das Gehalt", sagt Dettmers. Die Differenz bei den Gehältern zwischen großen Konzernen mit mehr als 1000 Mitarbeitern und Betrieben mit weniger als 500 Beschäftigten liegt laut Stepstone immerhin bei etwa 10.000 Euro im Jahr.

Beeinflussen kann man sein Gehalt auch mit dem Wohnort. So leben Deutschlands Topverdiener in Hessen. Fach- und Führungskräfte, die in dem mitteldeutschen Bundesland leben, verdienen mit einem durchschnittlichen Bruttojahresgehalt von 54.120 Euro (ohne variable Komponenten) am meisten. "In Hessen konzentrieren sich besonders viele große Unternehmen aus Branchen, die hohe Gehälter zahlen, wie Banken und Unternehmensberatungen", sagt Dettmers. Die Hessen sind dicht gefolgt von den Bayern (53.006 Euro) und den Baden-Württembergern (52.394 Euro).

Auch Hamburg (50.933 Euro) und Nordrhein-Westfalen (50.159 Euro) gehören zu den Ländern, in denen man in Deutschland am meisten verdient. Die Schlusslichter liegen allesamt im Osten. Wobei Berlin mit einem Durchschnittseinkommen von 40.138 Euro an der Spitze der Ostländer liegt, gefolgt von Brandenburg, wo das durchschnittliche Jahresgehalt bei 37.905 Euro liegt. Am wenigsten zahlen die Unternehmen ihren Fach- und Führungskräften der Umfrage zufolge in Sachsen mit einem Jahresgehalt von 34.712 Euro, danach folgen Mecklenburg-Vorpommern (35.660 Euro), Sachsen-Anhalt (36.075 Euro) und Thüringen (36.283 Euro).

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