18.11.12

Baukonzern

Hochtief bekommt einen Spanier als neuen Chef

Führungswechsel bei Deutschlands größtem Baukonzern: Der Spanier Marcelino Fernandez Verdes ersetzt den bisherigen Chef Frank Stieler. Nun mehren sich die Gerüchte, dass Hochtief zerschlagen wird.

Von Carsten Dierig
Foto: dapd

Der Spanier Marcelino Fernandez Verdes, ein Vertrauter aus dem Mutterkonzern in Madrid, wird Frank Stieler an der Spitze von Hochteif ablösen
Der Spanier Marcelino Fernandez Verdes, ein Vertrauter aus dem Mutterkonzern in Madrid, wird Frank Stieler an der Spitze von Hochteif ablösen

Deutschlands größter Baukonzern Hochtief steht vor einem Führungswechsel. Der spanische Großaktionär ACS will Vorstandschef Frank Stieler absetzen und durch den aus Madrid entsandten Manager Marcelino Fernandez Verdes ersetzen lassen.

Diese brisante Personalie steht auf der Tagesordnung für eine Aufsichtsratssitzung am Dienstag. Dabei dürfte es allerdings zu lebhaften Diskussionen kommen, hieß es aus Kreisen des Kontrollgremiums. Denn der Zeitpunkt von Stielers Kaltstellung kommt durchaus überraschend.

Erst kürzlich hat der Manager gute Quartalszahlen präsentiert und das Gewinnziel für das Jahr 2012 in Höhe von knapp 180 Millionen Euro bestätigt. "An der Leistung hat es nicht gelegen", heißt es daher auch aus dem Umfeld von Hochtief. "An dem Punkt sind wir ratlos." Spekuliert wird bereits über Differenzen bei der künftigen strategischen Ausrichtung von Hochtief. Stieler jedenfalls hatte in den vergangenen Monaten stets die Eigenständigkeit von Hochtief betont. "Wir sind kein beherrschtes Unternehmen."

Das Verständnis bei ACS aber scheint ein anderes. Und so übernimmt nun mit Verdes ein Vertrauter von ACS-Chef Florentino Perez den Chefsessel bei Hochtief. Mitglied des Vorstandes ist der 57-jährige Spanier bereits seit dem Frühjahr. Zuvor war er fünf Jahre lang Teil des Aufsichtsrates von Hochtief. Das Verhältnis zu Stieler soll nach seinem Wechsel ins Management immer gut gewesen sein, heißt es.

ACS braucht dringend Geld

Das Durchgreifen von ACS weckt bei Hochtief neue Ängste vor einer Zerschlagung des Traditionsunternehmens mit zuletzt 82.000 Mitarbeitern. Denn der spanische Bauriese braucht dringend Geld. Das Unternehmen steht mit dem Rücken zur Wand, heißt es in der Branche. Gebeutelt von der anhaltenden Krise in Südeuropa mit einem äußerst schwierigen Immobilienmarkt in Spanien musste ACS zur Jahresmitte den Großteil seiner Hochtief-Beteiligung als Sicherheit für einen auslaufenden Kredit an die spanische Großbank BBVA verpfänden.

Und Aussicht auf Besserung ist nicht in Sicht. Durch den rigiden Sparkurs der Regierung in Madrid dürften zumindest die öffentlichen Ausgaben und Aufträge sogar eher noch weiter sinken. Das hat Auswirkungen auf die ACS-Bilanz. In der vergangenen Woche musste der Konzern bei der Vorlage der Neunmonatszahlen einen Quartalsverlust in Höhe von 1,1 Milliarden Euro vermelden. Und ACS ist bereits mit 9,2 Milliarden Euro verschuldet.

Dass die Bilanz nicht noch schlimmer ausgefallen ist, liegt allein an den guten Zahlen von Hochtief. Die Spanier halten 54,3 Prozent an dem Traditionskonzern und können die deutsche Tochter daher in ihrer Bilanz konsolidieren.

Beobachter rechnen allerdings, dass die Pläne von ACS-Chef Perez noch deutlich weitergehen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ACS einen so steinigen, so unangenehmen Weg gegangen ist, nur um eine Tochtergesellschaft mehr zu haben", hatte beispielsweise Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) bereits auf der Hauptversammlung im vergangenen Jahr vermutet. Bei dem Treffen damals hatte ACS die Kapitalseite im Aufsichtsrat komplett nach eigenen Vorstellungen besetzen können.

Abgänge haben 35 Millionen Euro gekostet

Und das ist wichtig für die Spanier. Denn einige der vorherigen Aufseher waren strikt gegen die Übernahme, der eine monatelange, spektakuläre Übernahmeschlacht vorausgegangen war. Nach der Niederlage von Hochtief im Frühjahr 2011 hatte sich dann mit Ausnahme von Stieler sukzessive die komplette erste Führungsriege bei Hochtief und den beiden wichtigsten Divisionen Concessions und Solutions verabschiedet.

Die meisten hatten nach der Machtübernahme durch die Spanier eine lukrative Ausstiegsklausel genutzt. Voraussichtlich gut 35 Millionen Euro kostet Hochtief der vorzeitige Abschied von langjährigen Konzernlenkern wie Herbert Lütkestratkötter, Peter Noé oder Burkhard Lohr. Ein Großteil wurde bereits ausgezahlt, über die Rest-Forderungen wird noch vor einem Schiedsgericht gestritten.

Auch der Aufsichtsratschef geht

Trotz dieser Indizien bemüht sich Hochtief, Zerschlagungsängste zu zerstreuen. "ACS hat bislang immer Wort gehalten und keine Dividende aus dem Unternehmen gezogen", sagte ein Sprecher. Und es gebe auch keine Anhaltspunkte, dass sich daran etwas ändert. Noch dazu sei es nicht mal eben möglich, auf die Kasse von Hochtief zuzugreifen. In den kommenden Wochen gelte es nun, sich wieder auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren. Und das sei mit Herrn Fernandez Verdes möglich. Der studierte Bauingenieur habe sich gut eingelebt bei Hochtief.

Seine Amtsübernahme ist bei Hochtief nicht die einzige personelle Veränderung. Auch Rainer Eichholz, Chef von Hochtief Solutions und damit zuständig für das Europa-Geschäft, wird das Unternehmen verlassen.

Einen Zusammenhang mit dem "einvernehmlichen Abschied" von Stieler gebe es nicht, versicherte ein Hochtief-Sprecher. "Beide Vorgänge stehen zeitlich und inhaltlich in keinem Zusammenhang." Bei Eichholz seien vielmehr persönliche Gründe ausschlaggebend. Die nennt auch Manfred Wennemer als Begründung für seinen geplanten Rückzug. Der frühere Chef des Autozulieferers Continental steht dem Hochtief-Aufsichtsrat seit Mai 2011 vor. Er will sein Mandat zum Jahresende abgeben.

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